Norwegen: Hütten-Hopping im Rondane-Massiv - DER SPIEGEL
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Norwegen Hütten-Hopping im Rondane-Massiv

Skifahren in Norwegen ist ein besonders schönes und bisweilen auch extremes Naturerlebnis. Schön, weil Natur oft noch so intakt ist, extrem, weil sie keine Gnade kennt. Das Rondane-Plateau mit seinen großen Loipennetz bietet auch guten Läufern Gelegenheit, ihre Grenzen auszutesten.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Lillehammer/Rondane - Es ist eiskalt. Zweistellig im Minus. Die Bergkette trägt ein Hütchen aus leuchtender Wolkenwatte. Die Morgensonne färbt den Wolkenschleier über den Bergen in ein warmes Orange. Eine Gruppe Skifahrer ist sehr früh aufgestanden. Pralle Rucksäcke deuten an, dass sie den ganzen Tag unterwegs sein werden. Zuvor in der Hütte haben sie Tee in Thermoskannen gefüllt und Pausenbrote geschmiert. Jetzt schmieren sie konzentriert hellgrünen Wachs auf ihre Bretter.

Die Skilangläufer tragen ulkige Wollmützen, Sonnenbrillen und dicke Jacken gegen den Wind auf 1100 Metern an der Troll-Loipe, die ins Unendliche zu führen scheint. Aus dem Schornstein der Holzhütte weht weißer Rauch. Vor der Hütte liegt ein Ruderboot, vom verwehten Schnee fast ganz zugedeckt. Die riesige weiße Fläche vor der Hütte birgt einen zugefrorenen See unter sich. Ein paar Spuren abseits der Loipe führen in den ewigen Schnee.

Hier oben in den norwegischen Bergen wird der See lange gefroren bleiben. Den Touristen und Sportlern, die auf das Rondane-Plateau gekommen sind, um in dieser über viele Monate schneesicheren Region Ski zu fahren, kann es recht sein. Die Wintersaison reicht bis Mitte April. Ab Februar sind die Tage lang und hell genug auch für größere Skiausflüge.

In manchen Herbergen, die darauf eingestellt sind, Skiwanderer aufzunehmen, liegen auf den Zimmern Hefte mit Regeln zum Verhalten in der "Wildnis". Die Temperaturen können im Winter leicht auf unter 25 Grad Celsius fallen. Wenn Nebel aufzieht, ist die Sicht auf wenige Meter begrenzt. Einheimische berichten von Gästen, die sich 100 Meter von ihrer Pension entfernt verlaufen haben.

Wer in Norwegen Urlaub macht, sucht das intensive Naturerlebnis. Die meisten Gäste lieben das Abenteuer in einer von leeren Bierdosen und Zigarettenkippen verschonten Umgebung. Das elegante Après Ski gehört im rustikalen Norwegen freilich ebenso wenig zum Winterurlaub wie die lautstarke Pistengaudi. Dafür sitzen viele Urlauber abends nach einem Saunagang vor dem offenen Kamin zusammen, trinken Tee oder Punsch und besprechen die Ski-Wanderroute für den nächsten Tag. Familien schätzen auch die häusliche Atmosphäre in den Pensionen.

Das Rondane-Massiv rund 100 Kilometer nördlich von Lillehammer ist für Skifahrer ein Paradies. Mehr als 300 Kilometer gespurte Loipen bieten auch guten Läufern Gelegenheit, ihre Grenzen auszutesten. Erfahrene Skiwanderer schätzen die großzügig angelegten gespurten Loipen, die sich wie Schienen quer durch das Land ziehen. Wer es praktisch mag, kann sich dem Hütten-Hopping hingeben. Dabei wird schweres Gepäck per Auto von Hotel zu Hotel transportiert, während die Gäste auf Skiern ins nächste Quartier fahren und sich abends an den gedeckten Tisch setzen und dann ins gemachte Bett fallen.

Wer Sport treibt, sollte gut essen: Die Ski-Pensionen im Rondane-Gebiet lassen in dem Punkt keine Wünsche offen. Das Essen ist vielseitig und reichhaltig, meist werden morgens, mittags und abends an üppigen Buffets kalte wie warme Speisen angeboten. Spezialitäten: Wildlachs, Rentierwurst im Fladenbrot, gegorener Fisch (Rakfisk) und Kaviar von Forellen.

Deutsche Winterurlauber sind in Norwegen relativ rar. Die meisten Gäste kommen aus dem benachbarten Dänemark herüber, aber auch aus Holland und Großbritannien. Ein Ehepaar aus Bremen, das im Rondane-Gebiet seit Jahren Urlaub macht, ist von der "Wildnis" begeistert "und vom guten Essen". Ein anderer Deutscher schwärmt: "Der Schnee ist wie Samt und Seide." Ein Mann aus Bayern kommt gerne zum Troll-Ski-Marathon nach Norwegen, der in diesem Jahr am 1. April stattfindet. Das mit 95 Kilometern längste Skirennen der Welt führt über die Troll-Loipe vom Rondane Massiv nach Lillehammer.

An den Volksskiläufen nehmen jedes Jahr Tausende Norweger teil. Gleichwohl ist auch in Norwegen die Langlaufwelt nicht mehr so heil wie früher. Einst hieß es, norwegische Kinder kämen mit Skiern an den Füßen zur Welt. Heute, beklagt Borghild Krossli, die Skiwanderer durch die Rondane-Region führt, kenne auch Norwegen das Problem dicker Kinder, die viel lieber vor dem Fernseher oder im Fast-Food-Restaurant sitzen, als auf Skiern die Natur ihrer Heimat zu entdecken.

Von Peter Kosfeld, ddp

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