Norwegens Süden: Im Bett mit Ibsen - DER SPIEGEL
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Norwegens Süden Im Bett mit Ibsen

Die Südküste Norwegens ist als Riviera des Nordens bekannt – wegen ihrer kleinen Häfen und pittoresken Städtchen. Ganz so viele Touristen wie an die Côte d'Azur kommen allerdings nicht. Deswegen lockt Tvedestrand, eine der "weißen Perlen" Sørlands, jetzt mit Secondhand-Büchern.
Von Philip Wesselhöft
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

An einem warmen Sonnentag mit dem Auto Richtung Süden. Die Fenster geöffnet, aus dem Radio weht REM. In der Luft liegt ein Vorgeschmack von Salz und Meer. Linker Hand ist hinter Feldern ein schmales, blaues Band zu erkennen. Nicht das des Frühlings, sondern des spätsommerlichen Skagerraks in der flirrenden Mittagssonne. Zwei Stunden südlich von Oslo beginnt eine der schönsten Küstenlinien Europas, die Riviera des Nordens. Laut der britischen Tageszeitung "The Independent" sogar "die coolste Riviera Europas". Sørland mit den unzähligen vorgelagerten Inseln und den malerischen kleinen Orten mit ihren weiß getünchten Holzhäusern ist alles andere als mondän. Den Schicki-Schick der Côte d'Azur sucht man an der westlichen Südküste Norwegens vergebens.

Die "weißen Perlen" Risør, Grimstadt, Tvedestrand oder Lillesand strahlen ein verträumtes Flair aus, ein Laisser-faire und eine Dörflichkeit, die der echten Riviera seit den fünfziger Jahren abhanden gekommen sein dürfte. Als Durchreisender hat man nie das Gefühl, dass einem noch die letzte Krone aus der Tasche gezogen werden soll - vom Bezahlen des Bieres in einem der unzähligen Hafencafés abgesehen, aber ein kühles Øl ist in Norwegen auch auf den Lofoten oder am Polarkreis nicht günstiger. In den kleinen Gassen zwischen den meist weißen Holzhäusern scheint bisweilen die Zeit stehen geblieben zu sein.

Laxe Einstellung zum Tourismus

Im Polstergeschäft in bester Altstadtlage gibt's absonderlich anachronistisch gemusterte Sofakombinationen zu erwerben, und im Fischladen ist ein Lachsbrötchen auch nicht bedeutend teurer als in weniger prominenten Orten im Binnenland. "Die Zeit" brachte vergangenen Sommer eine Reisegeschichte über Sørland, in der sich ein Hotelmanager aus Lillesand über den fehlenden Geschäftssinn der örtlichen Tourismusbranche beklagte. Als einmal ein Kreuzfahrtschiff vor Lillesand vor Anker ging und Scharen von reichen Landgängern in den schönsten der weißen Orte Sørlands strömten, berichtete der Mann, waren alle Souvenirläden geschlossen - die Inhaber wollten sich ihrerseits das große Schiff anschauen.

Eine Anekdote, die viel über die Region aussagt. Obwohl die besten Jahre der florierenden Holzwirtschaft lange hinter Sørland liegen, wird die neue Herausforderung Tourismus vielerorts eher lax angegangen. Zwar wird in den meisten Orten jeder Hausbesitzer per Dekret verpflichtet, sein Eigenheim in makellosem Weiß zu halten - das Markenzeichen Sørlands und eine Reminiszenz an jene Zeit vor 100 Jahren, als die reichen Holzhändler ihre Häuser anstatt in skandinavischem Rot mit der wesentlich teureren weißen Holzschutzfarbe strichen. Doch Golfplätze, große Hotels oder gar Ferienresorts muss man lange suchen an dieser Riviera des Nordens. Die Norwegen-Touristen lieben das Flair der verträumten Schärenstädtchen - doch die wenigsten bleiben länger als eine Nacht in einem der weißen Orte.

Dann kamen die Bücher

Deswegen wachte ein Ort jetzt auf aus seiner verträumten Behäbigkeit. Die Verantwortlichen des etwa 2000 Einwohner zählenden Sørland-Gemeinde Tvedestrand wollen nicht mehr allein auf den Charme ihrer Architektur setzen. Jetzt sollen obendrein Secondhand-Bücher die Touristen locken - Tvedestrand nennt sich seit vergangenem Jahr offiziell Bücherstadt. Nach dem Vorbild der weltweit ersten Bücherstadt Hay-on-Wye in Wales wurden mittlerweile 20 Antiquariate eröffnet und der alte Ortskern zu neuem Leben erweckt. Denn in das Viertel am früheren Fährhafen verirrte sich kaum noch ein Tourist, seit die Schnellstraße E18 und neue Schiffsverbindungen vom nahen Arendal aus den Fährverkehr in Tvedestrand zum Erliegen brachten. Das Geschäftsleben verlagerte sich an die Promenade auf der anderen Seite von Tvedestrand, die kleinen Kaufmannsläden gaben ihre Geschäfte auf, die Häuser verfielen.

Dann aber kamen die Bücher - und die Tauben wurden aus dem Gebälk vertrieben, neue Mauern gezogen, Fenster gerichtet, die Fassaden gestrichen - und eine Unmenge Bücherregale aufgebaut. Jedes Antiquariat hat sein eigenes Fachgebiet. Das "Grønne spor" (grüne Spuren) bietet gebrauchte Bücher über Umweltschutz und Gartenpflege, "Det innerste rommet" (das innerste Zimmer) hat sich auf religiöse Literatur, Koch- und Kinderbücher spezialisiert und im "Locus Bokhus" gibt es Fachbücher zum Thema Architektur. Außerdem wurde ein "Tillitsbokhandelen" eingerichtet. In diesem "Vertrauensbuchladen" ohne Verkaufspersonal stehen Dutzende von Billy-Regalen mit Büchern für 5, 10 oder 20 Kronen, die Kunden legen das Geld in eine bereitgestellte Kasse.

Neu belebte Viertel

Und das Konzept mit den Secondhand-Büchern geht offenbar auf. 25.000 verkaufte Bücher und 8000 zusätzliche Touristen hat Jan Kløvstad, Kulturbeauftragter der Stadtverwaltung, im ersten Sommer gezählt. "Nimm' eine kleine Stadt und überschwemme sie mit Büchern - das funktioniert", erklärt der bärtige Kommunalpolitiker sein Projekt, während er durch das neu belebte Viertel des "Grübchens von Sørland" führt, wie Tvedestrand wegen seiner engen Bauweise in einer hügeligen Nische des Oksenfjords auch genannt wird. "In modernen Buchhandlungen haben ältere Bücher oft keinen Platz mehr", sagt Kløvstad. "Wir bringen all die guten, vergessenen Werke wieder in Umlauf."

20 Bücherstädte gibt es mittlerweile in Europa, drei davon auch in Deutschland, etwa Gingst auf Rügen. In Norwegen wurde 1995 Fjaerland am Sognefjord nord-östlich von Bergen zum Bücherdorf, seitdem wird sehr erfolgreich in einem alten Fährgebäude, in Ställen und einem früheren Postgebäude mit Secondhand-Büchern gehandelt. "Die haben jetzt doppelt so viele Besucher wie früher", sagt Kløvstad. Er glaubt, dass auch nach Tvedestrand in drei Jahren bis zu 50.000 zusätzliche Touristen pro Jahr kommen werden. Etwa 250.000 Bücher werden derzeit in den Antiquariaten der verschlungenen Gässchen feilgeboten, Literaturlesungen von norwegischen Autoren, Theateraufführungen und Konzerte ergänzen das Bücherprojekt.

Bestseller "Esmeraldas dicker Globusbauch"

Und ein frisch restauriertes Literaturhotel. Am Marktplatz, gleich neben dem früheren Fähranleger, wurde vergangenen Sommer das Tvedestrand Fjordhotel neu eröffnet. Jedes der 18 Zimmer ist einem norwegischen Autor gewidmet - und mit all seinen Werken bestückt. Jetzt können Besucher, so sie die Zeit mitbringen, sich abends im Bett durch das Werk von Henrik Ibsen oder Knut Hamsun arbeiten. Zwar sind die meisten Bücher auf Norwegisch, doch die Antiquariatsmitarbeiter wurden gebeten, für die internationalen Gäste auch nach englischen und deutschen Übersetzungen Ausschau zu halten. In den Läden selbst gibt es bereits viele gut erhaltene Secondhand-Bücher in allen möglichen Sprachen, sogar in Swahili. Und gerade bekam die Stadt von einer alten Übersetzerin 3000 Werke auf Deutsch geschenkt.

Und natürlich sind auch Werke von ortsansässigen Autoren in den Buchläden vertreten. Die Kinderbücher von Peter Svalheim zum Beispiel, einem Lokalreporter des "Tvedestrandposten". Dessen Erstlingswerk, "Esmeralda og klodemagendas", übersetzt etwa "Esmeraldas dicker Globusbauch", ist mittlerweile zu einem kleinen Bestseller in Norwegen avanciert. "Es hat sogar schon ein deutscher Verlag angefragt", sagt Svalheim nicht ohne Stolz, während er in der Kinderbuchabteilung im "Skagerrak Antikvariat" nach neuen Schnäppchen sucht.

Ein Geschäft weiter erlebt Jan Kløvstad just an diesem Tag die Überraschung des Sommers. Jemand hat sein Buch gekauft, "Lutefisk", das 1988 veröffentlicht wurde und von dem ein Exemplar seit Monaten im Antiquariat auf die Adoption wartete. Jetzt ist das längst vergriffene und vergessene Werk über eine spezielle Art der Stockfischzubereitung wieder im Umlauf.

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