Nostalgie-Trip Die Entdeckung der Langsamkeit
Alljährlich im Frühling beginnt ihre große Zeit: Mehr als 120 Nostalgie- und Museumsbahnen gibt es in Deutschland, schätzt Markus Kaiser aus Krefeld, Betreiber der Website www.eisenbahnnostalgie.de . Der Eisenbahn-Fan hat Pionierarbeit geleistet und die regional verstreuten Angebote zusammengetragen.
Während die meisten alten Klein- und Schmalspurbahnen von Vereinen aufrechterhalten werden und nur am Wochenende zu Lustfahrten aufbrechen, gibt es im Osten Deutschlands noch Veteranen im Regelbetrieb. Das längste zusammenhängende Streckennetz betreiben mit 131,24 Kilometern die Harzer Schmalspurbahnen (HSB) in Wernigerode.
25 Dampflokomotiven verkehren auf drei Routen. Die Fahrt zum Brocken mit Start in Wernigerode oder Nordhausen ist beliebteste. "Rund 600.000 unserer 1,1 Millionen Passagiere pro Jahr fahren dorthin", sagt HSB-Sprecherin Heide Baumgärtner.
Wer in die Harzer Bahn einsteigt, kann sicher sein, es mit einer hochbetagten Zugmaschine zu tun zu haben. Die jüngste Dampflok stammt aus den fünfziger Jahren, die älteste wurde 1897 in Dienst gestellt. Dieses Schmuckstück kommt mit den historischen Waggons des Traditionszuges bei Sonderfahrten zum Einsatz, die etwa im Mai und Juni jeweils sieben Mal auf den Brocken führen.
Bei schönem Wetter wird ein offener Aussichtswagen angehängt. Kostenpunkt für die Exkursion: 24 Euro für Erwachsene, 12 Euro für Kinder zwischen 4 und 14 Jahren.
Wer das Thema Schmalspur vertiefen möchte, kann auf besondere Angebote der HSB zurückgreifen: So lässt sich in elf Tagen ein Diplom als "Ehrenlokführer" erwerben. Teilnehmer des Lehrgangs werden in Theorie und Praxis einer Dampflok unterwiesen und nehmen am planmäßigen Zugfahrdienst teil. Kostenpunkt: 745 Euro.
Ein verheißungsvoller Ruf eilt dem "Rasenden Roland" voraus, der zwischen Lauterbach, Putbus und Göhren auf der Insel Rügen verkehrt. Ein Konkurrent für den Hochgeschwindigkeitszug Transrapid ist er freilich nicht. Der Name wurde vom Volksmund in bewusster Verkennung der Durchschnittsgeschwindigkeit von 30 Stundenkilometern geprägt.
Der Beliebtheit bei den Touristen tut das gemächliche Tempo keinen Abbruch: Rund 330.000 Passagiere wurden 2001 befördert. Die sieben im Dienst befindlichen Dampfloks stammen aus der Zeit von 1914 bis 1953. Nach einer groß angelegten Rekonstruktion sollen auch die Waggons wieder im alten Glanz erstrahlen.
Zu einem wichtigen Datum im Kalender der Eisenbahngemeinde hat sich das Dresdner Dampflokfest entwickelt. Am Pfingstwochenende vom 18. bis 20. Mai 2002 findet es zum elften Mal statt. Auf einem 50.000 Quadratmeter großen Areal an der Zwickauer Straße, einem ehemaligen Bahnbetriebswerk, werden historische Dampf- und Elektroloks, Dieseltriebwagen und Reisezüge präsentiert.
Mitfahrten auf dem Führerstand sind möglich, ausgedehnte Touren führen ins tschechische Decin, nach Nossen und ins Elbsandsteingebirge. Auch die Anreise nach Dresden kann in stilechtem Ambiente erfolgen. Nostalgische Sonderfahrten starten in Hamburg, Berlin und Cottbus. "Wir erwarten wieder rund 35.000 Besucher, zum Teil aus Übersee", sagt Helga Kuhnle von der Deutschen Bahn AG in Dresden.
Zum Dampflokfest wird in Dresden eine Zweigstelle des DB Museums eröffnet. Ein ganzer Fuhrpark restaurierter Züge ist dort zu bestaunen, die zu verschiedensten Anlässen gechartert werden können. Auch Publikumsfahrten werden ab Berlin, Düsseldorf, Frankfurt/Main, Hamburg, München und Nürnberg regelmäßig angeboten. Meist starten die Nostalgiezüge dabei zu Tagesausflügen mit einem Radius von 200 bis 300 Kilometern. Ein Reiseleiter erläutert Besonderheiten der historischen Technik.
Zu den Stars der Nostalgiezüge gehört der legendäre Fernschnellzug "Blauer Enzian" mit seiner schnittigen Stromlinienform aus der Zeit des westdeutschen Wirtschaftswunders. Aber auch bahnbrechende Entwicklungen der DDR-Konkurrenz sind zu bestaunen, etwa der dieselgetriebene "Vindobona" aus den sechziger Jahren, dessen bullige Schnauze entfernt an den heutigen ICE erinnert.