Oberengadin Schussfahrt auf dem Eis
Celerina - Der vierjährige Kasimir betrachtet ein Eichhörnchen, das eine Tanne hinunterhüpft und sich mit einem weiten Satz in den Schnee fallen lässt. Weg ist es. "Bekommt es noch Luft?", will Kasimir besorgt wissen. Offensichtlich: Eine rotbraune Schwanzspitze wird sichtbar und zieht fröhlich Kreise im Weiß. "Es spielt nur", beruhigt die Mama. Kasimir nickt zufrieden und rafft seine kleinen Skier an sich. Die Piste lockt. Es ist Winter in Celerina im Oberengadin.
Celerina: Tanz auf dem Eis
Bis in die fünfziger Jahre war Celerina ein stiller Ferienort, ein wenig im Schatten des nahen, mondänen St. Moritz. Noch 1980 lebten nur 890 Bewohner in dem Dorf. Heute sind es fast doppelt so viele. Ruhig ist es noch immer, aber im Sinne von erholsam. Während der Nachbarort auf Après-Ski und Shopping setzt, konzentriert sich Celerina auf Sport, Wellness und Angebote für Familien. Es gibt rund 80 Kilometer Winterwanderwege, die 4,2 Kilometer lange Schlittenbahn vom Muottas Muragl sowie lange Loipen für Langlauf und Skating - unter anderem durch den umliegenden Stazerwald. Man kann Curling üben, Eishockey spielen oder Nordic durch den Schnee walken.
Skilaufen ist im Winter natürlich das Hauptthema. Die Bergbahnen in Celerina bieten gemütliche eigene Abfahrten, aber auch Zugang in zur Skiregion Corviglia/Marguns, eines der modernsten Skigebiete weltweit. Die gesamte Skiregion Engadin/St. Moritz hat 350 Kilometer Abfahrten in einer Höhe zwischen 1750 bis 3303 Meter. In Celerina läuft seit Dezember 2005 der erste kindersichere Lift der Schweiz.
Über 100 Jahre Bobbahn in Celerina
"Wir setzen voll auf Familien mit Kindern", sagt Stefan Sieber, Geschäftsführer von Celerina Tourismus. Es gibt Übungshänge und einen Skikindergarten. 120 Skilehrer unterrichten vor Ort. "Wir nehmen Kinder ab drei Jahren", heißt es in der Skischule. Die "Pamperspiloten" lernen zu allererst zu stoppen. "Die bleiben da, bis sie bremsen können", sagt ein Skilehrer mit Nachdruck.
Nur für Erwachsene ist dagegen ein anderes Wintervergnügen in der Region: Bobfahren. 1904 wurde der Olympia Bobrun St. Moritz-Celerina das erste Mal gebaut. Seither wird die einzige Natureisbobbahn der Welt jedes Jahr drei Wochen lang neu errichtet. Rund 20 Spezialisten, die eigens aus Südtirol anreisen, bauen an der 1712 Meter langen Bahn. Entlang des Bobrun können Trainingsfahrten und Rennen beobachtet werden, der Tourismusverband bietet aber auch 2,5 Stunden dauernde Führungen entlang der Eisbahn an. Ganz Mutige können auch mitfahren: 210 Euro kostet eine bis zu 130 km/h schnelle Schussfahrt auf dem Eis in einem Vierer-Bob-Taxi.
Auch Schlittschuhlaufen ist ein wichtiges Thema für Celerina. Viele Gäste kommen seit Jahrzehnten nur wegen des Eislaufplatzes. Wie die alte Dame, die ihre Hände in einen Pelzmuff gesteckt hat und weite Kreise auf dem Eis zieht. Das hellblaue Strickröckchen ihres Kostüms aus den Sechzigern flattert im Wind. Die Bahn gehört zu den sonnigsten der Schweiz und zog deswegen bereits um 1900 die ersten Eislauflehrerinnen ins Oberengadin - sie konnten auf dem Platz länger unterrichten als anderswo.
Tea-Time in Jugendstilhalle
In Celerina, auf 1730 Meter Höhe liegend, werden mit 1800 die meisten Sonnenstunden pro Jahr im Oberengadin gezählt. Keine nahen Gipfel werfen Schatten auf die Häuser, wie etwa im benachbarten Zuoz. In dem hellen Ort stehen noch viele Engadinerhäuser, massige Bauernhäuser aus Stein mit breitem Satteldach. Die kleinen, schießschartenartigen Fenster und die Torbögen sind oft mit Muster-Girlanden verziert, Sgraffiti genannt. Sie wurden von wandernden Handwerkern im 16. Jahrhundert eingeführt. Wahrzeichen von Celerina ist die mittelalterliche Kirche San Gian, vor dem Ort auf einem kleinen Hügel gelegen.
Auch wenn die Hotels in Celerina mit ihren 821 Gästebetten nicht so berühmt sind wie etwa das "Badrutts's Palace" in St. Moritz oder das "Waldhaus" in Sils - sie bieten überraschend viel für einen so kleinen Ort. Das führende Haus am Ort, das "Cresta Palace", hat gerade rechtzeitig zu dieser Wintersaison seine 1200 Quadratmeter große Wellnessanlage fertig gestellt. Es lockt aber auch zur Tea-Time in eine der schönsten Jugendstilhallen der Schweiz - sie ist 200 Quadratmeter groß und in schlichtem Weiß und Zartgrün gehalten.
Das "Chesa Rosatsch" bietet Arvenholzzimmer und Engadiner Küche vom Feinsten. Und das Hotel "Misani" hat sich auf fröhliche kleine Design-Zimmer in altem Ambiente spezialisiert. Das Konzept hat Jürg Mettler den Titel "Schweizer Hotelunternehmer des Jahres" eingebracht.
"Wenn wir davon wissen, wissen wir nichts davon"
Die Hotels und Restaurants bieten fast alle Leckeres aus der Engadiner Küche - köstlich, aber auch reichhaltig. Weil früher im Winter die Wege oft über Monate unpassierbar waren, mussten die Lebensmittel lange halten. Die Gerichte bestanden vorwiegend aus Kartoffeln, Mehlspeisen und Käse. Dazu gab es Eingemachtes. Auch heute noch stehen Tasch, Pfannkuchen mit Apfelmus und Alpkäse, sowie Capuns, Teigklößchen mit Speck und Mangold, auf den Speisekarten der Region. Die Tuorta da Nusch - die Engadiner Nusstorte - zum Nachtisch gibt dem Gast kalorienmäßig den Rest.
Nur zu früh in der Saison sollte man nicht nach Celerina kommen. Während andernorts bereits im November über die Pisten gewedelt wird, beginnt im Oberengadin die Saison erst Anfang Dezember. Und Popstars, Politprominenz und Geldadel wie in St. Moritz darf man auch nicht erwarten - obwohl es sie gibt. Aber wer nach Celerina kommt, möchte nicht im Rampenlicht stehen. "Promis kommen schon", sagt Sieber und guckt wie eine Sphinx. "Aber wenn wir davon wissen, wissen wir nichts davon - oder?"