Panoramatour: Das Zen des Bahnfahrens - DER SPIEGEL
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Panoramatour Das Zen des Bahnfahrens

Eine Bahnfahrt kann mehr sein, als so schnell wie möglich von A nach B zu kommen. Mit viel Zeit und Gelassenheit und nach gründlichem Studium der Kursbücher gerät eine Ausflug auf Nebenstrecken zur Entdeckungsreise durch deutsche Landen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg/Stuttgart - Die flache Landschaft der Lüneburger Heide zieht am Fenster vorbei. Schneverdingen und Schwarmstedt heißen die Stationen auf der Strecke, über die keine ICEs donnern. Und die Sicht aus dem Zugfenster auf die malerische Umgebung ist auch nicht von Schallbegrenzungen versperrt. Routen wie diese zwischen Buchholz südlich von Hamburg und Bennemühlen nördlich von Hannover eignen sich bestens, um in Tagesausflügen auf der Schiene Deutschland zu entdecken.

In den Kursbüchern der Bahn finden sich zahlreiche dieser Nebenstrecken. Wer hier nach Verbindungen sucht, stößt allerdings auf eine verwirrende Vielfalt von Bezeichnungen für Strecken, Zugnamen und Bahngesellschaften, die an die Gründerzeit des Schienenverkehrs in Deutschland vor rund 160 Jahren erinnert. Der Marktführer Deutsche Bahn (DB) unterhält das umfangreichste Netz regionaler Verbindungen.

So verkehrt die Vogelsbergbahn auf der Strecke Fulda-Gießen, die Höllentalbahn verbindet Freiburg mit Donaueschingen, und die Donautalbahn fährt zwischen Ulm und Regensburg. Der "Kupfer-Express" pendelt mehrmals täglich zwischen Halle und Nordhausen am Südrand des Harzes.

Besonderen Komfort bieten die durchaus bequemen Züge trotz ihrer klangvollen Namen aber nicht, für Getränke und Imbiss unterwegs sorgt man besser selbst. Die Züge bedienen die Netze im Nahverkehr und sind in der Regel nur zu den Spitzenzeiten voll besetzt. Die Kategorie Regionalbahn (RB) unterscheidet sich vom Regionalexpress (RE) durch mehr Zwischenhalte. In Doppelstockwagen, die auf einigen Strecken verkehren, können Reisende im oberen Abteil einen besonders guten Blick auf die Landschaft genießen.

Der Vorteil der Bahnreisen abseits der Rennstrecken liegt darin, dass man die Landschaften in Ruhe genießen kann. Paradebeispiele für solche Panoramatouren sind Fahrten auf der linken und rechten Rheinstrecke zwischen Wiesbaden oder Mainz und Koblenz sowie die Moselstrecke von Koblenz nach Trier. Auch der Schmalspur-Rundkurs Weinheim-Mannheim-Heidelberg-Weinheim, den die Oberrheinische Eisenbahn-Gesellschaft (OEG) befährt, bietet sich für eine erholsame Bahnreise an.

Für die Strecke Tübingen-Sigmaringen ist die Hohenzollersche Landesbahn (Hzl) zuständig. "Wir unterhalten auf der Schwäbischen Alb im Sommer auch einen Rad-Wander-Shuttle", heißt es bei der Hzl-Zentrale in Hechingen.

Doch nicht nur schöne Aussichten bieten die Nebenbahnen. Im Osten eröffnen sie den Blick auf die Tristesse der wirtschaftlichen Wirklichkeit: Verrottende Industrie-Anlagen, heruntergekommene Wohngebiete und Bahnhöfe, die dringend einer Sanierung bedürfen, liegen an der Strecke. Von den fast 5800 Stationen entlang der befahrenen Gleisstränge sind deutschlandweit ein Viertel renovierungsbedürftig, die meisten in den neuen Bundesländern.

Seit 1996 sind die Bundesländer für den Regionalverkehr verantwortlich und müssen "Transportleistungen", also den Zugverkehr, einkaufen. Hauptlieferant ist die Deutsche Bahn mit ihren RegioNetzen. Sie hat dazu im vergangenen Jahr eigens ein Konzept vorgestellt. Mit der so genannten Mittelstandsoffensive sollen etwa 9000 Kilometer von regionalen DB-Töchtern betrieben werden.

Dieser Politik ist es zu verdanken, dass alte Strecken wieder reaktiviert werden: Die von der Stilllegung bedrohte Schwarzatalbahn verkehrt seit Dezember 2002 wieder 25 Kilometer lang durch die idyllische Landschaft des Thüringer Walds. Gleiches gilt für die benachbarte Oberweißbacher Bergbahn: Sie wurde 1899/1900 erbaut und gilt als die steilste Standseilbahn für Normalspur, die auf einem speziellen Fahrgestell die Waggons auf 1,4 Kilometern 323 Meter hoch befördert. Die Steigung beträgt dabei 25 Prozent.

Auch die Erzgebirgsbahn fährt wieder auf vier Strecken südöstlich von Zwickau. "Touristisch sehr interessant", nennt DB-Sprecherin Kerstin Eckstein in Dresden das Gebiet, das auf Grund seines Kunstgewerbes auch als "Weihnachtsland" bekannt ist. "Hier sind alte prächtige Kirchen aus der Hochzeit des Silberbergbaus zu sehen", sagt sie. Auch Wintersportler schätzen das westliche Erzgebirge, Langläufer vor allem Johanngeorgenstadt.

In Deutschland fahren längst nicht nur Züge mit dem Logo "DB". Auf das Schienennetz drängen private Konkurrenzunternehmen, vor allem die Firma Connex mit Unternehmenssitz in Frankfurt/Main. Mehr als 1000 Kilometer befährt sie schon im Nahverkehr auf Strecken, die der DB nicht mehr attraktiv genug erschienen. "Ein Erlebnis ist die Lausitzbahn zwischen Görlitz und Zittau, die auf ihrer Strecke durch dichten grünen Wald auch ein kurzes Stück durch Polen fährt", sagt Connex-Sprecher Matthias Roeser.

Und auch im Norden sind Bahn-Konkurrenten auf attraktiven Nebenstrecken unterwegs: Die Nord-Ostsee-Bahn (NOB) verbindet Kiel und Neumünster sowie Husum und St. Peter-Ording. Seit April bringt ein Triebwagen außerdem Reisende von Niebüll ins nahe dänische Tönder.

Von Horst Heinz Grimm, gms