Pellworm Pullovertiere im Teletubbieland
Pellworm ist eigentlich kaum größer als das Zentrum von Hamburg. Vom Fähranleger ist es nur ein Katzensprung zum reetgedeckten Friesenhaus Godewind im Süden der Insel. Das massige, weiß gekalkte Gemäuer von 1841 ist zwar spartanisch eingerichtet, dafür aber haben die Apartments klangvolle Namen wie "Leuchtturm" oder "Ebbe und Flut". Alle sind von Familien mit Kindern belegt.
Und wie Lea und Annika aus Karlsruhe, Lukas aus Hildesheim und all die anderen zieht es auch unsere Mädchen magisch nach draußen. Zum Bauernhof Clausen gegenüber, wo nicht nur ein Hund, hinreißend ungelenke Lämmer, sondern auch ein Dutzend Hasen leben. Die flauschigen Vierbeiner sind ständig hungrig und noch dazu "sooo süß". Meiner Freundin und mir jedenfalls fällt bald auf, dass Mila und Skye, unsere Töchter, in der viel zu kurzen Woche auf der kleinen Insel eindeutig mehr Zeit mit Meister Lampe und seinen Kollegen verbringen, als mit uns.
"Wo ist denn jetzt endlich der Strand?"
Und so meutert auch der Nachwuchs, als wir weg wollen vom Getier. Um etwas von der Insel zu sehen, indem wir sie auf Skates umrunden. Eine Tour, die etwa 28 Kilometer misst. Aber vielleicht ist das wirklich ein bisschen zu viel für unsere Lütten? Rollen wir also stattdessen am Deich entlang gen Meer. Vorbei am Bäcker Tilli, der göttliches Nussbrot backt. Und an dem mächtigen Leuchtturm, einem der drei Wahrzeichen von Pellworm.
"Wo ist denn jetzt endlich der Strand," wollen unsere Mädels wissen, als wir oben auf dem Deich über wollige Schafrücken hinweg auf die glitzernde Nordsee blicken. "Keine Ahnung," lacht meine Freundin. "Ich glaube, das hier ist eher das "Teletubbie-Land". Und wirklich, dieser leuchtend grüne Deichhügel, der mit bunten Strandkörben gesprenkelt ist erinnert an die künstliche Landschaft der Fernsehfiguren. Dahinter nagt der "blanke Hans", wie die Nordsee manchmal bezeichnet wird, mit leisem Schwappen an den Steinen der Strandpromenade. Vom Strand keine Spur.
Fünf Schafe pro Einwohner
Macht aber nichts, Mila und Skye pflegen auch hier die tierische Kontaktaufnahme und verfolgen munter blökende Schafe. Immerhin kommen auf Pellworm rund fünf Tiere auf jeden der 1000 Einwohner. Einige von ihnen sehen aus, als hätten sie auch mitten im Hochsommer noch einen bunten Pullover an. Die Vorstellung gefällt unseren Mädels besser als die simple Erklärung, dass die farbigen Markierungszeichen der Schafe vom vielen Regen der vergangenen Wochen ganz verwaschen sind. Apropos Wetter: Heute ist es endlich herrlich sonnig. Wir schlüpfen in unsere Bikinis und lassen weitere geplante Aktivitäten einfach sausen. Eine gute Entscheidung, wie der nächste Morgen zeigt.
Der Leuchtturm verschwindet im grauen Himmel und bis zum Treffpunkt Süderoog skaten wir durch Nieselregen. Mit Sebastian, der in der Wattschutzstation ein ökologisches Jahr absolviert, und etwa 30 weiteren Eltern und Kindern geht es barfuss ins Watt. Jetzt ist es von oben wie von unten feucht: "Ihhh, ist das aber glitschig", rufen einige. Mila und Skye aber finden ihre braunen Schlicksocken lustig. Als Sebastian dann den ersten Wattwurm ausgräbt und Wellhornschnecken und Herzmuscheln herum zeigt, scharen sich alle interessiert um ihn. Die gefangenen Wattwürmer kommen in einen mitgebrachten Eimer. Sebastian braucht sie morgen, für die Fütterung der Aquarientiere in der Wattstation.
Traum von Sonne
Auch meine Freundin und ich lassen uns nicht vom Schietwetter - wie es hier auf gut Norddeutsch heißt abhalten. Wir gehen zu Fuß ins nur drei Kilometer entfernte Tammensiel. Um die wenigen Stunden unseres Alleinseins auszukosten. Und um saftigen Pflaumenkuchen im Café Leuchtfeuer beim Leuchtturm zu vertilgen. In Friesennerz und tarnfarbenen Schimanski-Blouson gehüllt, träumen wir von einem weiteren Sonnentag im Teletubbieland. Es tut eben richtig gut, einmal wieder viel Zeit zusammen zu verbringen. Tür an Tür zu übernachten und abends im Gasthof bei "Matjes Hausfrauenart" über alte Zeiten und unsere Zukunft zu reden.
Als wir zurückkehren ist der Nachwuchs längst wieder bei den Insel-Hasen. Unzählige Löwenzahnbüschel werden gepflückt und verfüttert. Die Kinder erzählen von Dirk, dem Taschenkrebs, der die Hauptrolle bei der Fütterung der Aquarientiere hatte. Von den Plattfischen, die einen Wattwurm im Ganzen verdrücken können.
Besonders gut gefallen hat Skye die große Muschel- und Steinsammlung der Wattstation. Einige der Findlinge durfte sie mit Alex unterm Mikroskop untersuchen. Es gibt wirklich unzählige Möglichkeiten, die Landschaft Pellworms und die des Wattenmeeres zu entdecken. Die Entscheidung, was wir an unserem letzten Urlaubstag anstellen wollen, fällt uns richtig schwer. Radeln wir noch einmal zum Ponyreiten auf den Appelhof, wo selbst der schwarzbraune Hofhund die Größe eines kleinen Reittiers hatte? Doch dann sind die Mädchen hin und her gerissen zwischen der Inselkutschfahrt oder einem Ausflug zu den Seehundbänken.
Hügel schwimmen über dem Horizont
Als wir auf dem kleinen weißblauen Kutter von Kapitän Gebrüder an dutzenden silbrig schimmernden Seehunden vorbeifahren sind wir froh, uns für diesen Törn entschieden zu haben. Ein Blick zurück auf Pellworm und ich verstehe, was Theodor Storm meinte, als er die friesischen Inseln als "schwimmende Träume" beschrieb: An warmen Sommertagen lösen sich die Warften, die höher gelegenen Hügel, in der flimmerndem Luft aus dem Meer. Sie schweben dann einer "Fata Morgana" gleich über dem Horizont.
Die Tiere auf der Sandbank haben in der Zwischenzeit längst Wind von uns bekommen. Sie recken ihre runden Köpfe nach oben. Einige von ihnen robben hastig über den Sand, um dann mit einem elegantem Köpper in den Fluten zu verschwinden. Sie umschwimmen unser Boot und dabei fallen mir die Nordseeurlaube ein mit meinen Eltern: Oft brachten mein Bruder und ich einen kleinen Spielzeugseehund aus echtem Fell als Andenken mit nach Hause. Gerd Clausen, der Nationalpark-Ranger, erklärt mir später, dass es diese Souvenirs auch heute noch zu kaufen gibt. Sie werden aus Fellen von Tieren hergestellt, die aus bestimmten Gründen zum Abschuss frei gegeben werden mussten. Trotzdem widerstrebt es uns, ein solches Mitbringsel zu kaufen.
Mit unseren Kindern wird Clausen Andenken selber basteln. Bilder aus Sand, Kleister und natürlich Muscheln. Skye verarbeitet in ihrem kleinen Kunstwerk auch ein Miniaturabbild des Pellwormer Leuchtturms. In die Mitte klebt sie einen winzigen Seehund aus Kunststoff. Dieses Exemplar ist auf jeden Fall politisch völlig korrekt.