Piemont Mit Mountainbike im Skilift
Bardonecchia/Limone - Mit dem Snowboard wäre dieser Abhang kein Problem. So aber spritzen die Schottersteinchen wild nach allen Seiten, und immer wieder rutscht der Hinterreifen des Mountainbikes gefährlich weg. Am Ende hilft nur noch eins - absteigen und schieben, bis das erste steile Stück am Mont Jafferau in Bardonecchia unfallfrei überwunden ist.
Im Winter präsentiert sich das kleine Städtchen in den westlichen Alpen des Piemont tief verschneit. Hier absolvierten im Februar 2006 die Snowboarder ihre erste olympische Konkurrenz. Im Sommer aber tummeln sich Naturliebhaber auf den Hängen - das Hochgebirge an der französischen Grenze bietet Mountainbikern und Wanderern das passende Gelände für ihre Touren. Bis Ende August laufen sogar die Liftanlagen, um ungeübten Radlern in der "Bardonecchia Mountainbike Arena" den schweißtreibenden Anstieg zu ersparen.
Auf einer alten Arbeitsstraße geht es in 2000 Metern Höhe durch den lichtdurchfluteten Lärchenwald. Unter den Bäumen wachsen wilde Stiefmütterchen in blau, gelb und weiß, auch Schlüsselblumen sind zu sehen. Die Luft riecht frisch und holzig. Tourenführer Sergio Gallizet von der Mountainbike-Schule Oxygène VTT Extrême erklärt die Geschichte dieses Weges: Er wurde für eine kleine Eisenbahn gebaut, die Material zum Bau eines Staudamms in die Berge brachte.
Eine halbe Stunde später sind die beeindruckende Mauer und der grün-blaue Stausee erreicht. Kühles Bergwasser löscht den Durst nach dem anstrengenden Anstieg. Schneebedeckte Gipfel ragen in den knallblauen Himmel, zwischen den Felsen stürzen Wasserfälle hinab. Wer dem Schotterweg noch ein bisschen weiter folgt, erreicht in rund 3000 Meter Höhe einen Gletscher. Zwei Rifugios - Almhütten - bieten hier Unterschlupf. Der Weg zurück ins Tal führt durch den kleinen Ort Rochemolles.
"Piccola Dora" die längste tibetische Brücke Europas
In den Bergen des Montagnedoc gibt es sowohl leichte Strecken für Anfänger als auch schwierige Pisten für Profis. Es geht durch die Wälder der Muränenhügel, an den Bergseen entlang oder bis auf die 3000 Meter hohen Bergspitzen. San Sicario, Sestriere oder Pragelato lauten die Namen der bekannten olympischen Austragungsorte, die nun ein ganz anderes Gesicht zeigen. Der Sport spielt zwar auch im Sommer eine Rolle in den Bergen, zum Beispiel beim bekannten Bardonecchia Mountain Classic. Doch noch sind die Radwege nicht überfüllt.
Die beiden Mönche der Sacra di San Michele bei Avigliana können sich dagegen nicht über mangelnde Besucherzahlen beklagen. Vor allem im Sommer pilgern zahlreiche Gläubige zu der Abtei aus dem Jahre 983, die auf dem Gipfel des Monte Pirchiriano über dem Tal thront. Die Kirche, neben dem Mont-Saint-Michel in der Normandie das wichtigste Michaels-Heiligtum Europas, scheint förmlich aus dem Berg zu wachsen.
Steil und eng am Fels führt der Weg über die "Scalone di Morti", die sogenannte Treppe der Toten, zum hölzernen Portal des Sakralbaus. Von der Terrasse geht der Schwindel erregende Blick in die Tiefe. Höhenangst ist auch in Claviere nicht gefragt. In dem kleinen Ort überspannt die längste tibetische Brücke Europas den "Piccola Dora". Wie ein riesiges Spinnennetz hängt die 408 Meter lange Metallkonstruktion in der schmalen Schlucht. Mit Klettersteiggurten und Helmen gesichert, geht es schrittweise über die wackelige Hängebrücke. Unten gurgelt der Bach, oben ist Konzentration gefragt.
Bei jeder Biegung müssen die Sicherheitsringe am Seil umgeklinkt werden - ganz verschwindet das mulmige Gefühl nie. Wer das Tal auf diese Weise gequert hat, macht sich auf festem Untergrund wieder auf den Weg zurück zum Ausgangspunkt. Ähnlich erleichtert müssen sich im Olympiawinter auch die Bobfahrer gefühlt haben, nachdem sie sich gleich um die Ecke in Clariol durch den Eiskanal gestürzt hatten.
Auf ehemaligen Schmuggelpfaden
Limone Piemonte, ganz im Süden des Piemonts, ist durch ein anderes, sportliches Großereignis bekannt: den Giro d'Italia, die jedes Jahr im Mai ausgetragen wird. "Andiamo Petacchi" haben Fans des italienischen Sprinters mit Farbe auf die Straße geschrieben, die vom 1000 Meter hoch gelegenen Limone in Serpentinen zum Colle di Tenda hinaufführt. Der Pass auf 1871 Metern markiert sowohl den Übergang zwischen den ligurischen und den Seealpen als auch die Grenze zwischen Frankreich und Italien. Mit etwas Glück ist von hier oben das rund 100 Kilometer entfernte Mittelmeer zu sehen.
Vorbei an alten Festungsresten führt der Schotterweg die Mountainbiker langsam bergauf. Kleinster Gang, beständiges Treten. Endlich ist der höchste Punkt erreicht, der Blick entschädigt für vieles. Grasbewachsene Hügel soweit das Auge reicht, weitläufige Täler, in die kleine Bäche und Wege ein Muster schneiden. Viele davon sind ehemalige Salz-Schmuggelpfade, "Via del Sale", auf denen heute Radfahrer und Wanderer das Terrain erkunden können.
Die Stadt Cuneo hat jetzt erstmals 20 Fahrradführer ausgebildet, die für Trips zu buchen sind. Die "Accompagnatore Cicloturistico" zeigen interessierten Bikern die schönsten Ecken der Provinz. Und in den Cuneo Bike Hotels wartet nicht nur ein optimaler Service auf Radfreunde, der auch den Verleih von Rädern umfasst. Würziger Bergkäse und aromatischer Lardo mit selbst gebackenem Brot garantieren beim "Bikers Breakfast" die richtige Grundlage für Touren durch die Alpen im Piemont.
Von Nicole Jankowski, gms