Alpen: Schnee-Spotting per Webcam
Das Pisten-Blog Let it snow!
Alle Jahre wieder hoffen Skifahrer auf das weiße Wunder über Nacht. Echtzeit-Webcams zeigen die aktuelle Lage: Die Skilifte laufen trotz Schneemangels. Wieso nur?, wundert sich die Pisten-Bloggerin von SPIEGEL ONLINE.
Anfang November schneite es im gesamten Alpenraum - und Schneesportler wie ich frohlockten. Ein Wärmeeinbruch folgte. Das weiße Gold ist futsch, der wertvolle Naturschnee auf 2000 Metern wieder weggeschmolzen. Ich habe mich zu früh gefreut.
Täglich starre ich nach dem Aufstehen auf die Webcams meiner bevorzugten Skigebiete, die von München aus gut zu erreichen sind, und hoffe auf ein Wunder über Nacht. Folgt man dem Wetterbericht, weiß man allerdings, dass dieses ausbleibt. Trotzdem sind alle renommierten Skigebiete seit Anfang Dezember auch wochentags geöffnet. Man fährt hauptsächlich auf Kunstschnee.
Immerhin: Die Temperaturen stimmen. Dank ordentlicher Minusgrade in den Nächten laufen die Beschneiungsanlagen in der Dunkelheit auf Anschlag. Kaum zu glauben: Sogar Talabfahrten sind schon möglich. An den Anblick dieser weißen Kunstschneestreifen, die sich vor allem auf Südhängen wie filigrane Spinnennetze durch die sonst grünen Skigebiete spannen, kann ich mich nur schwer gewöhnen.
Ist doch irre! Wer will da Skifahren?
Kaum einer, wie ich an einem Wochentag über die Webcam auf der Resterhöhe im Skigebiet Kitzbühel sehe. Der Sessellift läuft leer. Fünf Minuten lang steigt kein Mensch an der Bergstation aus. Zweimal schlendert je ein Winterwanderer durchs Bild, einmal kreuzt ein vereinsamter Skifahrer die Ausstiegsspur. In Leogang, das über eine Skischaukel an den "Skicircus" in Saalbach, Hinterglemm und Fieberbrunn angeschlossen ist, präsentiert sich ein ähnliches Bild.
Die Webcam an der Bergstation der Asitzbahn schwenkt auf die beliebte "Alte Schmiede". Vor der Hütte, in der man zur Hochsaison kaum Platz findet, sitzen gegen Mittag gerade einmal vier Personen unter strahlend blauem Himmel auf der Terrasse.
Weiter geht's im Stream. Über Panoramakameras besuche ich Skiorte, die deutlich höher liegen, und blicke der Reihe nach auf die hochalpinen Pisten von Hochfügen, Obergurgl, Sölden, St. Moritz und Lech am Arlberg. Natürlich gibt es dort mehr Schnee, aber richtiger Winter sieht trotzdem anders aus. Andererseits: idyllisch, diese Ruhe.
Macht dieser Aufwand wirtschaftlich denn Sinn?
Kornel Grundner, Geschäftsführer der Leoganger Bergbahnen, erreiche ich über sein Mobiltelefon nicht etwa auf der Piste, sondern auf der Rückfahrt von Wien nach Leogang im Salzburger Land im Auto. Mit 89 Schneekanonen und 50 Lanzen, erzählt er, hätte man in Leogang während der letzten Wochen einen 40 bis 80 Zentimeter dicken, weitgehend künstlichen Schneeteppich produziert. Das hierfür notwendige Wasser werde aus zwei großen Speicherseen gepumpt.
Alpen: Schnee-Spotting per Webcam
Von wegen Panik, Schneemangel und so. "Super Bedingungen im Gebiet, alle Verbindungen im gesamten Skicircus offen. Abfahrt ins Tal ab kommendem Wochenende möglich", sagt der 46-Jährige. Auch die verwaisten Pisten unter der Woche nimmt er gelassen: "Momentan sind wochentags eher Saisonkartenbesitzer, also hauptsächlich Einheimische beim Skifahren. Sie genießen die Ruhe."
Vergangenes Wochenende war allerdings beachtlich stark: "Wir verzeichneten immerhin 1600 Erstzutritte." Jetzt bin ich überrascht. 1600 Menschen sind also in Leogang in die Bergbahn eingestiegen, um sich nach der Auffahrt weiter im Großgebiet Saalbach-Hinterglemm/Leogang/ Fieberbrunn über Kunstschneepistennetze zu verteilen.
Fanatische Skifahrer, die nicht auf den richtigen Winter warten können, gibt es genug: "Ab 10. Dezember sind die meisten unserer führenden Beherbergungsbetriebe bereits erstmals ausgebucht", sagt Grundner und fährt fort: "Außerdem stützen wir als Bergbahn die Saisonverlängerung."
Das heißt im Klartext: Ob rentabel oder nicht, die Lifte fahren sowieso. Wobei man fair sein muss. Auch der Sommer wird verlängert. Die Bahn läuft für Wandertouristen und Sommerfrischler bis in den späten Herbst hinein. Das Minusgeschäft außerhalb der Saisonen nimmt man billigend in Kauf: "Von den 105 Gesellschaftern unserer Bergbahnen leben fast alle unmittelbar vom Tourismus. Die Saisonverlängerung schafft attraktive Jahresstellen für wertvolle Mitarbeiter."
In gerade einmal drei Tagen kann man - Idealtemperaturen für künstlichen Winter vorausgesetzt - vorher grüne Pisten so beschneien, dass sie gut befahrbar sind, erfahre ich zum Schluss. 30 Zentimeter Schneeauflage würden für den Anfang reichen.
Mag sein. Für mich bedeutet Skifahren jedoch viel mehr als eine mögliche Fortbewegung auf zwei Brettern. Geduldig warte ich daher auf Schneefall, den der Himmel schickt. Irgendwann wird er schon kommen, der nächste Winter. Ganz ausgefallen ist er ja noch nie.
Johanna Stöckl, 51, ist in Leogang, einem Skigebiet im Salzburger Land, mehr oder weniger auf zwei Brettern geboren. Die Helden ihrer Kindheit: Franz Klammer, Ingemar Stenmark und Alberto Tomba. Heute würde die freie Autorin für einen Skitag mit Aksel Lund Svindal oder Kjetil Jansrud alles stehen und liegen lassen. Beruflich hat es die gebürtige Österreicherin nach München verschlagen.
Im Pisten-Blog erzählt Stöckl von dem Genuss der frühen Abfahrt, philosophiert über den Charme von Mikroskigebieten und testet Produktneuheiten.