Plattensee Techno, Tristesse und Traditionen
Siófok - Große Worte hat der Ungar Eötvös einst für den Balaton gefunden: Das in Deutschland auch als Plattensee bekannte Gewässer sei "Geschichte und Tradition, eine Sammlung wehmütiger Märchen, Stolz der Vergangenheit und strahlende Hoffnung der Zukunft". In nackten Zahlen ausgedrückt ist der Balaton knapp 600 Quadratkilometer groß und damit der größte Binnensee Mitteleuropas. Zu einem beliebten Ziel für Badeurlauber macht ihn vor allem seine geringe Tiefe von im Schnitt nur drei Metern, die angenehme Wassertemperaturen garantiert.
Schon im Mai erreichen diese mitunter 22 Grad Celsius, im Sommer wird das Wasser bis zu 30 Grad warm. Am ehesten erreicht es am südlichen Ufer "Badewannen-Niveau": Selbst mehrere hundert Meter vom Ufer entfernt ist der See kaum einen Meter tief - kein Wunder also, dass besonders Familien mit Kleinkindern dieses riesige "Plantschbecken" schätzen. Im Norden ist der Balaton dagegen von Bergen vulkanischen Ursprungs umgeben und besser zum Schwimmen geeignet.
Als Ausgangspunkt für eine Rundreise bietet sich der Ort Keszthely am Westufer an. Dieser beheimatet das Balaton-Museum mit Exponaten zur Geschichte des Sees. Auch eines der schönsten Schlösser Ungarns, das Stammschloss der Fürsten Festetics steht in Keszthely. Vor allem die Bibliothek ist einen Besuch wert: Sie umfasst mehr als 100.000 Bände und Originalschriften.
Der üppig-barocke Spiegelsaal ist oft Kulisse festlicher Konzerte und Operettenaufführungen. Umgeben ist das Schloss von einem großen Park. Von diesem aus lässt sich leicht eine Wanderung an den "Kleinen Balaton" anschließen - ein winziges Gewässer inmitten eines Vogelschutzgebietes. Weil dort mehr als 250 Vogelarten leben- darunter Komorane, Reiher und Enten - , ist der größte Teil des Kis-Balaton, so der ungarische Name, und seiner Umgebung ein Naturschutzgebiet, das nur in Begleitung fachkundiger Führer betreten werden darf.
Hohe Basaltkegel, sanft abfallende Weinhänge, schmucke Weindörfer und stille Buchten sind die charakteristischen Merkmale des Nordwestufers rund um Badacsony und Balatongyörök. Die beiden Orte bieten gepflegte Uferpromenaden sowie Wanderwege in den nahen Hügeln. Aussichtspunkte mit einem schönen Blick auf fast den gesamten Plattensee sind der Lohn für die Mühen des Aufstiegs. Unterwegs können sich Wanderer immer wieder in einem der kleinen Landgasthöfe, den berühmten Csarda, stärken.
Viele dieser urigen Lokale bieten Garten- und Terrassenplätze. Unbedingt probierenswert sind Spezialitäten wie die Balatoner Fischsuppe. Diese wird aus Karpfen, Kleinfischen, Zwiebeln, Tomaten, Salz und natürlich einer gehörigen Portion Paprika zubereitet.
Weiter geht die Fahrt am Nordwestufer zur Halbinsel Tihany, vorbei am Friedhof von Balatonudvari. Dort sind mehr als ein Dutzend herzförmiger Grabsteine zu bewundern. Den Anstoß zu dieser Reihe gab ein Steinmetz im 18. Jahrhundert, der seiner ertrunkenen Verlobten ein entsprechendes Grabmal meißelte.
Schon von weitem grüßt dann die auf einem Hügel stehende Abteikirche von Tihany. Sie thront auf einer Halbinsel, die fünf Kilometer in den See hineinreicht. Der Stiftungsbrief des Klosters, zu dem die Kirche gehört, aus dem Jahr 1055 enthält die ältesten geschriebenen Wörter in ungarischer Sprache. Eine Kopie des Dokuments kann im Museum der Abtei betrachtet werden. Das Innere der Kirche lockt mit Fresken und einer Kanzel mit den Statuen der Kirchenväter.
Der wohl bekannteste Badeort am Nordufer ist Balatonfüred. Seinen kohlensäurehaltigen Quellen verdankt der Ort den raschen Aufstieg zu einem mondänen Heilbad im 18. Jahrhundert. Viele alte Villen inmitten von Gärten zeugen noch heute von jener Zeit, als sich Adel und Großbürgertum in Balatonfüred erholten. Wie früher lädt die fast zwei Kilometer lange Strandpromenade zum Flanieren am See ein. Mit seinem großen Yachthafen ist der Ort aber auch Treffpunkt für Segelsportler.
Wahrzeichen des nächsten Ziels, Siófok, ist ein weithin sichtbarer Wasserturm. Jeden Sommer füllt sich die "Hauptstadt des Balaton" mit tausenden von Touristen. Wer es bunt und quirlig mag, ist in Siofok genau richtig. Auch das Nachtleben kann sich sehen lassen: Jeden Abend trifft sich internationales Partyvolk am Strand.
Mit der einst so gepriesenen stillen Eleganz Siofoks war es aber schon lange vor dem "Siegeszug" der Nachtschwärmer aus: Vor 50 Jahren, als in Ungarn der Sozialismus regierte, wurde der Ausbau des Ortes zu einer Erholungsstätte für die Werktätigen begonnen.
Nur an wenigen Stellen hat die sozialistische Stadtplanung so viele hässliche Hotels und Erholungsheime hinterlassen wie hier. Zwar bemühen sich die Stadtväter, dem Ort durch die Renovierung alter Bauten verloren gegangenen Charme zurückzugeben und durch neue Gebäude Akzente zu setzen, doch die Tristesse weicht nur langsam.
Von Detlef Berg, gms