Provence Ein Plätzchenbäcker im ewigen Urlaub
St-Rémy - Hermann van Beek ist schon auf den ersten Blick anzusehen, dass er kaum ein waschechter Provençale sein kann: Der Konditor mit kurzen blonden Haaren und hellblauen Augen stammt aus Kleve am Niederrhein. "Ich war schon von Berufs wegen viel Unterwegs", erzählt er. "In Genf habe ich die Frau meines Lebens kennen gelernt - eine Französin aus einer jüdischen Familie." Auf dem Weg zum Antrittsbesuch bei ihren Großeltern nach Cannes legten die beiden einen Stopp in St-Rémy ein, eigentlich nur zum Kaffeetrinken.
Doch die kleine Stadt mit ihren vielen Restaurants unter ausladenden Platanen hat es ihm sofort angetan: Im Jahr darauf übernahm van Beek dort eine Konditorei und lebt mit seiner Frau nun schon seit Anfang der neunziger Jahre in St-Rémy. "Wenn die Arbeit fertig ist, mache ich die Tür zu und bin im Urlaub", beschreibt er seine beneidenswerte Situation. "Wir haben hier 300 Sonnentage im Jahr, und die Leute sind sehr entspannt."
Auch Isabella Reiland-Busch hat es aus dem hohen Norden in die Provence verschlagen: Ein verschlungener, von Zedern gesäumter Weg führt zu ihrem Haus in St-Marc Jaumegarde nicht weit von Aix-en-Provence. Rosen, Thymian und Hortensien stehen im Vorgarten.
Provence-typische Töpferwaren
Die Deutsche aus der Gegend von Iserlohn wohnt seit zehn Jahren hier, das Haus ist gleichzeitig ihr Atelier. Fliesenbilder sind ihre Spezialität - eines davon mit Pfauen und Blumen ist schon an der kleinen Mauer hinter dem Rosenbeet neben dem Haus zu sehen.
Die Entwürfe werden auf Papier vorgezeichnet, dann sorgfältig auf die Fliese übertragen - "eine Geduldsarbeit", wie die Künstlerin betont. "Die Farben halten bis in die Ewigkeit", verspricht sie. Ihre Einrichtung zeigt, wie vielseitig das Material ist: Der Tisch auf der Terrasse ist mit rotbraunen Fliesen samt Blätterdekor ausgestattet, das Tablett im Wohnzimmer ziert ein Fliesenbild mit Olivenzweig. Auch die Wandfliesen im Bad sind nach eigenen Entwürfen gezeichnet. Selbst den Pool hat Isabella Reiland-Busch nach eigenen Ideen gestaltet.
Ähnlich und doch ganz anders sind die künstlerischen Interessen von Abdelouhed Marouane und seiner Frau Lucie: Die beiden besitzen ein Töpferatelier in Aubagne. Die Stadt ist bekannt als Geburtsort des Schriftstellers Marcel Pagnol, aber auch für die Provence-typischen, Santons genannten Weihnachtskrippen und -figuren sowie für Töpferwaren.
Das war auch der Grund, warum Abdelhoued Marouane nach seinem Kunststudium in der marokkanischen Hafenstadt Casablanca in die Provence gekommen ist. In seinem Atelier in der Rue Fréderic Mistral stehen die Regale voller Schalen, Teller, Kannen und Service, manche gerade erst glasiert, andere schon gebrannt.
Ursprüngliche Landschaft abseits der Touristenpfade
Marouane bemalt jedes Stück per Hand und vereint dabei oft Stilelemente aus der Provence und seiner marokkanischen Heimat. "Eine Melange" nennt seine Frau das - eine Mischung aus dem Gelb der Sonnenblumen zum Beispiel, die auch van Gogh so fasziniert haben, einem hellen Himmelblau an einem mistralfreien Morgen und einer Formensprache bei den Mustern, die an arabische Kalligrafie erinnert.
Was viele Besucher der Provence neben dem Licht und den Farben so in den Bann zieht, ist die Landschaft, die manchmal nur wenige Kilometer abseits der Touristenpfade überraschend ursprünglich wirkt. Die Bergkette der Alpilles etwa hat auf Ernest Schneider schon immer eine gewisse Faszination ausgeübt. Schließlich ist der Unternehmer aus der Schweiz in die Provence umgesiedelt. Seit 1988 gehört ihm auch das Château d'Estoublon in Fontvielle, ein Weingut in einem alten Schloss, das ursprünglich im 15. Jahrhundert erbaut wurde. Olivenbäume säumen die Einfahrt, dahinter wachsen bereits Reben. Das Grundstück ist rund 600 Hektar groß, mehr als die Hälfte wird inzwischen wieder genutzt. "Seit knapp zehn Jahren pflanzen wir Oliven an", erzählt Schneiders Schwiegersohn Remy Reboul, der sich um die Verwaltung des Châteaus kümmert. Die Olivenbäume gelten als empfindlich - und bis das erste Öl gepresst ist, braucht es seine Zeit.
Muße wird in Fontvielle ohnehin groß geschrieben: "Das Leben ist ganz anders hier als zum Beispiel in Paris", sagt Reboul. "Es ist alles nicht so strikt und so geregelt." Aber auch nicht ganz einfach: Denn dass "Ausländer" das Schloss gekauft haben, ist nicht bei allen Provençalen auf Begeisterung gestoßen. "Wir sind schon mit viel Skepsis empfangen worden", erzählt der Schlossherr. Inzwischen ist das Château restauriert, und es wird auf 17 Hektar wieder Wein gepflanzt und geerntet, rote wie weiße Trauben.
Qualität ist hier nichts Äußerliches
Mittlerweile kommen auch viele Besucher. Das liegt nicht zuletzt daran, dass das Château Schauplatz einer Fernsehserie wurde - und natürlich am Comité Départemental du Tourisme du Bouches-du-Rhônes. Das Fremdenverkehrsamt für die Region in Marseille empfiehlt das Château als lohnenden Abstecher für alle, die die "Secrets de Provence" kennenlernen wollen, also die weniger bekannten Seiten der Region.
Dazu gehören neben dem "Petit Duc" von Hermann van Beek oder der Töpferei von Abdelhoued Marouane noch Dutzende anderer Betriebe von der Käserei bis zum Biowinzer: So einer ist Peter Fischer, dem in Jouques im Val Durance das Château Revelette gehört. Auch er ist auf verschlungenen Wegen in die Provence gekommen, aus der Gegend von Baden-Baden über ein Weinbau-Studium in Kalifornien.
In zerrissenen Jeans und Löchern in den Schuhen steht der Winzer vor seinem Schloss aus dem 17. Jahrhundert. Qualität ist hier nichts Äußerliches: Seine Weine werden vor allem an die Spitzengastronomie geliefert. "Wir haben hier zehn verschiedene Rebsorten", erzählt Fischer. "Pro Jahr kommen wir auf gut 100 000 Flaschen." Anders als für die Provence typisch setzt Fischer nicht speziell auf Rosé, sondern auch auf Rotwein: Syrah, Grenache und Cabernet Sauvignon etwa. Ähnlich wie Hermann van Beek hat er sich im Blick auf seine Arbeit einen gewissen Eigensinn bewahrt. Und noch eines teilen der Bäcker und der Winzer: Weg aus der Provence wollen beide nicht mehr.
Von Andreas Heimann, gms