Queen-Spotting: "Der Chef ist da" - DER SPIEGEL
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Queen-Spotting "Der Chef ist da"

Ob Schloss Windsor, Buckingham-Palast oder Schloss Balmoral – für niemanden in Großbritannien gilt der Spruch "My home is my castle" so sehr wie für die Queen. Elizabeth II. ist ständig auf Achse - und mit ihr die begeisterten Royals-Fans.
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London - Ein dunkelblauer Range Rover huscht an dem Bergstädtchen Braemar vorbei. Gleich danach ein zweiter und dritter. Die Insassen tragen Anzüge und Sonnenbrillen. "Kein Zweifel", sagt David Hampson mit verschwörerischer Miene. "Das ist der Voraustrupp. Sie muss hier gleich durchfahren." Nun hält es niemanden mehr in der "Clunie Lodge", Hampsons gemütlichem Gästehaus. Alles strömt zur A93, die durch den Cairngorms National Park führt. Jeder will sie sehen: Elizabeth II. auf dem Weg nach Balmoral, ihrem Privatschloss in den schottischen Highlands.

Reisen auf den Spuren der Queen erfreuen sich wachsender Beliebtheit. Dieses Jahr bietet sich für "Queen-Touren" besonders an: Ihre Majestät hat 80. Geburtstag. Über Monate hinweg gibt es daher eine lange Reihe von Veranstaltungen. Zu den Höhepunkten gehört die offizielle Geburtstagsfeier mit der glanzvollen Reiterparade "Trooping the Colour" am 17. Juni in London.

London mit dem Buckingham-Palast ist bei Reisen auf den Spuren der Queen ein Muss. Beginnen kann man eine Tour auf königlichen Pfaden allerdings an verschiedenen Orten mit Schlössern und Landsitzen der Royals. Zum Beispiel in Sandringham, in der ostenglischen Grafschaft Norfolk. Das Schloss wird bescheiden als "Haus" bezeichnet, wenngleich als das "komfortabelste Haus in ganz England".

"My home is my castle"

In "Dear Old Sandringham", wie Elizabeths Vater, König Georg VI., es zu nennen pflegte, verbringt die königliche Familie das Weihnachtsfest und den Jahresanfang. Besucher können Teile des Schlosses besichtigen, in dem Georg VI. am 6. Februar 1952 starb. An diesem Tag hielt sich seine Tochter in Kenia auf. So wurde sie fern von der Heimat im afrikanischen Busch Königin. Sandringham ist auch deshalb mit tiefen Emotionen verbunden. Nach der Familienfeier reist die Queen meist vor dem 6. Februar ab, um nicht am Todestag des Vaters am Ort seines Sterbens zu sein.

Für niemanden in Großbritannien gilt der Spruch "My home is my castle" so sehr wie für die Queen. Schloss Windsor vor den Toren von London, das prächtigste Burgschloss des gesamten Königreiches, ist ihr eigentliches Zuhause. Jeden Freitag - künftig wohl des Öfteren auch schon mal am Donnerstag - flieht die 80-Jährige vor der Hektik Londons nach Windsor. Für Touristen ist das Städtchen leicht per Bahn zu erreichen - und unbedingt einen eintägigen Abstecher auf den Spuren der dienstältesten Monarchin der Welt wert.

Ob die Queen gerade anwesend ist, lässt sich mit einem Blick auf den Turm der Schlossanlage feststellen. Dafür sorgt Tony Martin, der alte Flaggenmann. Kaum hat die Königin das Schlosstor durchfahren, holt er den Union Jack ein und hisst die gold-blau-purpurne Standarte mit den Löwen und der Harfe. "The boss is back", murmelt er dann oft.

"Die Welt bleibt wegen des Flaggenwechsels nicht stehen", sagt der Wirt im "Carpenters Arms", dem Pub direkt gegenüber des Schlosstors. "Aber unsere Gäste sind immer ganz wild darauf." 268 Tennisplätze ließen sich auf der Fläche von Windsor Castle unterbringen, das Wilhelm der Eroberer vor annähernd 1000 Jahren gründete. Es ist heute das größte und zugleich älteste bewohnte Schloss der Welt.

Und das Schönste daran ist, dass bis auf die rein privat genutzten Räume der Queen-Familie alles zu besichtigen ist. In Windsor hält die Königin ihren Frühjahrshof bis hin zur Pferderenn-Saison im benachbarten Ascot - das Ereignis, bei dem die Hüte der Damen manchem wichtiger sind als die Rennpferde.

Schottland: Buckingham-Palast des Nordens

Im Sommer geht es dann nach Schottland. Wer dort auf königlichen Spuren reisen will, sollte Edinburgh als Ausgangspunkt wählen. Der Bezug zur Königin stellt sich leicht bei einem Spaziergang über die "Royal Mile" von Edinburgh Castle bis hinunter ins Tal zum Holyrood Palace her, der als "Buckingham-Palast des Nordens" für staatliche Aktivitäten der Queen in Schottland genutzt wird.

Holyrood ist schon wegen seines Schatzes an schönen und auch schaurigen Geschichten einen Besuch wert. Der Rundgang führt auch in jenen Raum, in dem Maria Stuart vor 440 Jahren mit ansehen musste, wie ihr geliebter italienischer Privatsekretär David Rizzio von den Schergen ihres Ehemannes Lord Darnley erdolcht wurde.

Ganz anders die Stimmung auf der Royal Yacht "Britannia": Seit 1997 liegt sie für immer im Hafen von Edinburgh vor Anker, als Museumsschiff. Die Queen vergoss Tränen, als die Yacht außer Dienst gestellt wurde. Besucher erleben, wie stilvoll die Königin reiste. Das Reisen mit der "Britannia", die Elizabeth II. in alle Teile der Welt führten, war ihr stets der liebste Zeitvertreib. Kein Wunder, dass sie sich zum 80. eine Revival-Tour gönnt. Im Sommer steht eine königliche Kreuzfahrt an Bord der eigens dafür gecharterten "Hebridean Princess" an - eine Autofähre, die zu einem schwimmenden Luxus-Heim im schottischen Country-Stil umgebaut wurde.

Pünktlich zum Highland Gathering in Braemar, das am 1. September beginnt, wird die Königin wieder zurück sein. Die schottischen Nationalfestspiele mit Dudelsackmusik, Folklore-Tänzen und all ihren Kraftmeierwettbewerben wie dem Feldsteinheben und dem Baumstammwerfen hatten es schon Königin Viktoria angetan. Schottland hat sie innig geliebt. Auf Schloss Balmoral - malerisch in einem Tal am Ufer des Dee gelegen - bestand sie darauf, dass endlich wieder jeder Mann die Nationaltracht, den Kilt, zu tragen hatte.

Später soll die Zuneigung der verwitweten Viktoria zu John Brown, ihrem schottischen Diener, die Liebe zu Schottland noch beflügelt haben. Auch dies ist eine Geschichte, der sich beim Reisen auf royalen Spuren nachgehen lässt. Allemal bei einem Besuch des Schlosses Balmoral und der umliegenden Gartenanlagen - oder auch der Whisky-Brennerei gleich in der Nachbarschaft.

Selbst kreiertes Salatdressing zum Picknick

Dass Queen Elizabeth II. wie einst Viktoria Ausflüge in die schottische Natur liebt, erzählen die Leute rings um Balmoral immer wieder gern. "Auch Prinz Philip mag solche Picknicks", erzählt Margaret Rhodes, eine Cousine der Queen. "Er genießt es, wie sie den Campingtisch deckt und für beide den Salat mit ihrem selbst kreierten Dressing zubereitet."

Anders als in London taucht die Queen in der Umgebung ihres schottischen Landsitzes regelmäßig "unangemeldet" auf. Wie neulich in der kleinen Kirche von Braemar. "Wir trauten unseren Augen nicht", sagt David Hampson, dessen Gästehaus gleich um die Ecke liegt.

Legendär ist ihr Besuch in einem kleinen Laden der Ortschaft Ballater, als ein Tourist sie ansprach und sagte: "Gute Frau, Sie sehen ja total aus wie die britische Königin!" Elizabeth II. erwiderte: "Oh, wie beruhigend."

Von Thomas Burmeister, gms