Reisehorror Mit Badehandtuch ins Abteil
Morgens gibt's im Regionalexpress eine lustige Durchsage. Beziehungsweise: Sie wird gemacht, um lustig zu sein: "Hallo, hier ist Jürgen. Wenn jemand Klaus kennt, dann grüßen Sie ihn von mir."
Es ist Montagmorgen, Lübeck Hauptbahnhof, planmäßige Abfahrt des Zuges um sieben Uhr siebenunddreißig - ein "Guten Morgen, verehrte Fahrgäste" hätte völlig gereicht, vielleicht wäre die Aufmunterung vom Schaffner - "Wir versuchen heute mal wieder, nach Plan zu fahren, mal sehen ob's diesmal klappt" - passender gewesen, oder: "Nett, dass Sie immer noch mit uns fahren bei den Fahrpreisen, dem Tarifwirrwarr und den vielen falschen Auskünften am Schalter."
Stattdessen hat man eine Art frühmorgendlichen Klassenclown engagiert, der im Laufe der Fahrt - als Chefsteward verkleidet - überteuerte Brötchen und Kaffee vor sich her schiebt.
Abfahrt nach Plan: "...Ich begrüße Sie im Namen der Regionalbahn Schleswig-Holstein im Regionalexpress 35137, mein Name ist Soundso - ich bin Ihr Kundenbetreuer!"
Es muss bei der Deutschen Bahn AG immer noch Menschen geben, die unverbesserliche Witzbolde sind und immer wieder die Heizungsregler bis zum Anschlag auf Rot stellen, um dann den Knopf verschwinden lassen und sich zu Hause über die vielen Pendler zu freuen, die morgens schweißgebadet zur Arbeit erscheinen, weil sie auch im November nicht damit gerechnet haben, dass man nur mit einem leichten Badehandtuch ins Abteil hätte steigen müssen, um in der Hitze nicht auf der Stelle verrückt zu werden.
So ähnlich müssen auch diejenigen gepolt sein, die für Justierung der Bordlautsprecher verantwortlich sind: Jede Durchsage als Schock: "Nächster Halt: Reinfeld!" Selbst die, die Stöpsel in den Ohren haben, schrecken für einen Moment zusammen.
Kann Verschweigen ein Instrument zur weiteren Kundenbindung sein?
Heute verschweigt die Bahn zur Abwechslung, dass der Zug nicht nur außerplanmäßig in Kupfermühle hält, sondern ab Bad Oldesloe buchstäblich hinter jedem Baum einen Fahrgast vermutet. Dieser würde zwar sonst nie mit diesem Zug rechnen, heute blockiert er die Gänge für immer mehr Leute. Irgendwann ist nicht mal mehr ein menschenwürdiger Stehplatz zu bekommen, nachgerückt werden soll aber trotzdem.
Ist der Schaffner genauso überrascht wie die Passagiere? Jedenfalls tut er so und schüttelt jedes Mal resigniert den Kopf, wenn wieder ein Bahnsteig voller Fahrgäste naht - offenbar sind mehrere Bahnen ausgefallen.
Fahrplanänderung? Keiner weiß es. Man ist sich nur einig: Der Mann mit seinem Getränke-Trolley und der leutseligen Art würde jetzt noch fehlen.
Die Bahn ist auch in solchen Fällen guter Dinge. Als der Zug in Hamburg mit 36 Minuten Verspätung eintrifft, ist bei manchem zwar der Anschluss weg oder eine ausgleichende Überstunde fällig. Die Ansage bleibt jovial: "Wir würden uns freuen, Sie bald wieder als unsere Fahrgäste begrüßen zu dürfen."
Etwas leiser hätte nicht geschadet.