Rhodos Leben so süß wie Honig
Rhodos - Es lohnt sich, auf Rhodos genau hinzuschauen; vorbeizublicken an den Tausend-Betten-Hotels, die sich an der Ostküste breit machen, vorbei an den Busladungen voll Touristen und den obligatorischen Souvenirläden, Gyros-Buden und Cocktailbars mit ihren bunt bemalten Säulen aus Gips. Der zweite Blick zeigt kleine Schätze: verwinkelte Gässchen, in denen nur ein abgestelltes Moped zeigt, dass die Zeit hier nicht in früheren Jahrhunderten stehen geblieben ist; Innenhöfe mit kunstvoll gelegten Bodenmosaiken; oder wilden Oregano, der aus Felsritzen sprießt.
Auf den zweiten Blick: Rhodos' verborgene Schönheiten
Am Einlass des Hamams, des städtischen Bades in Rhodos-Altstadt, verkauft Ulla Poporou Tickets. Die gebürtige Dänin ist mit einem Griechen verheiratet: "Ich vermisse nur den Schnee." Auf Rhodos scheint an rund 300 Tagen im Jahr die Sonne. Von Mai bis Ende Oktober läuft die Saison. Voll wird es vor allem im Juli und August, wenn das Thermometer bis auf über 40 Grad Celsius klettert und die Badegäste zu den Stränden eilen.
Ins Hamam kommen jedoch nur wenige Besucher. Dort, unter einer Kuppel mit Sternenfenstern, durch die Sonnenstrahlen einfallen, dringen die Stimmen von draußen gedämpft herein. Das Hamam wurde bereits im Jahr 1558 errichtet und hat sich seitdem nur wenig verändert. An den Wänden des großen Baderaums hängen Marmorbecken. Abwechselnd können sich die Badenden kaltes und warmes Wasser über den Körper gießen, so wie es hier einst die Türken taten, die fast 400 Jahre lang auf der Insel herrschten.
Fast völlig erhaltene Altstadt
Wo einst die antike Stadt lag, stehen heute mittelalterliche Häuser, eingerahmt von einer vier Kilometer langen Stadtmauer. Die Befestigungsanlage wurde im 13. Jahrhundert von den Byzantinern errichtet und später von den Rittern des Johanniterordens bis auf 14 Meter Breite verstärkt. Doch auch die dickste Mauer konnte den Einfall der Türken 1523 nicht verhindern. Später kamen Italiener, Deutsche und Briten, bevor 1948 die Griechen die Insel übernahmen. Trotz dieser bewegten Geschichte ist die Altstadt fast vollständig erhalten geblieben.
Zu den Hauptsehenswürdigkeiten gehört die Ritterstraße mit den prachtvollen Herbergen der Johanniter und dem Großmeisterpalast, den Italiens Duce Mussolini viel zu groß nachbauen ließ. Abseits davon sind die Gassen leer. Wein rankt über steinerne Streben, die die Häuser wie Torbögen verbinden und als traditioneller Erdbebenschutz dienen. Gelegentlich erlaubt ein geöffnetes Fenster einen Blick in Wohnungen, in denen einige alte Rhodier noch wie in früheren Zeiten leben: in einem einzelnen Raum mit dem auf einem Podest gebautem Bett, um möglichst viel Platz für Habseligkeiten zu schaffen.
"In diesen Häusern lebten früher bis zu acht Personen", erzählt Artemis Kakkiou. Nur ein Vorhang schützte die Privatsphäre der Eltern vor den Blicken ihrer Kinder. Kakkiou führt durch ein traditionelles Haus im alten Ortskern von Kóskinou, das heute ein Museum ist. Das Dorf, neun Kilometer südlich von Rhodos gelegen, hat im Zentrum seinen ursprünglichen Charme bewahrt und steht heute zum Teil unter Denkmalschutz. Trotzdem bleiben die Touristenbusse weitgehend fern, und so lässt es sich ungestört durch die Gässchen schlendern. Bunte Türen zieren die Häuser, und so mancher, dem das nicht reichte, malte gleich sein ganzes Haus in leuchtenden Farben an.
Hochzeitskuchen aus Sesam und Honig
Wenige Schritte von dem historischen Haus entfernt, backt Sofia Moskou Hochzeitskuchen. Zu jeder Hochzeit wird die Leckerei aus Honig, Sesam und Orangenschalen an die Gäste verschenkt. "Das Leben des Paares soll so süß sein wie der Honig", erklärt sie. Doch während früher die Frauen zu Hause gemeinsam die Küchlein backten, ist diese Tradition heute verloren gegangen - eine Marktlücke für Sofia Moskou, die seither tagein, tagaus Tausende Hochzeitskuchen backt.
Tradition wird auch bei Michalis und Dimitris Mavrikos groß geschrieben. Die Brüder kochen in ihrem Restaurant nach Rezepten der Großmutter: Soupioriso zum Beispiel, Risotto mit Sepiatinte, ein traditionelles Gericht in Lindos. Lindos liegt im Südosten von Rhodos und war in der Antike neben Ialyssós und Kamirós der dritte Stadtstaat der Insel und ein bedeutender Seehafen. Die meisten der kubisch geformten weißen Häuser, die sich an den Berg anschmiegen, stammen aus dem 17. Jahrhundert und wurden von wohlhabenden Reedern aufwendig gestaltet. Neue Gebäude dürfen nur im traditionellen Stil errichtet werden, und so gehört Lindos zu den schönsten Inseldörfern.
Hoch oben über den Wohnhäusern erhebt sich, durch mittelalterliche Ritterbauten eingefasst, die Akropolis mit dem Athenetempel. Hier drängen sich die Besucher hinauf, entweder auf dem Rücken eines Esels oder zu Fuß, vorbei an überladenen Souvenirständen. Den Touristen hier auszuweichen ist nur früh am Morgen und spät abends möglich. Doch der Aufstieg lohnt, schon allein wegen des Blickes auf das türkisblaue Wasser. Zu Linken liegt die Bucht von Lindos, rechts die Apostel-Paulus-Bucht, in der - so erzählt es die Legende - der Apostel im Jahr 51 nach Christus gelandet sein soll.
Doch auch im Gedränge von Lindos gibt es ruhige Stellen. Zum Beispiel unter der Kuppe des riesigen Baums, der mitten im Restaurant der Mavriko-Brüder wächst. Abseits von Souvláki und Pommes Frites servieren sie die Mezédes genannten traditionellen griechischen Vorspeisen. Kleine Gerichte werden auf den Tisch gestellt: eingelegter Feta, knusprig gebackenes Brot mit Olivenöl und Meeresfrüchtesalat. Immer wieder kommen neue Teller hinzu und werden leer gegessene abgeräumt, bis der Gast dankend abwinkt. Dimitri lernte als Koch in Italien, Michalis hat in London Ökonomie studiert, um anschließend in das Restaurant nach Lindos zurückzukehren: "Weil das mein Leben ist. Das, wofür ich geboren bin."
Von Carina Frey, gms