Roms Lido di Ostia Das Meer im 13. Stadtbezirk
Eigentlich lieben die Hauptstädter ihren Badeort Ostia nicht besonders: In den Sommermonaten sei es schwierig, mehr als eine badehandtuchgroße Sandfläche zu erobern, klagen sie. Die Qualität des Wassers schneidet bei den jährlichen Untersuchungen stets schlecht ab. Wer das wirkliche Meer sehen will, müsse weiter gen Süden, heißt es: Nettuno, Sperlonga oder gar Gaeta bei Neapel böten weitaus gepflegtere Strände und saubereres Wasser.
Doch für weite Fahrten am Wochenende eignen sich die Motorroller der römischen "ragazzi" kaum, und Vergnügen bietet Ostia allemal - etwa nachts bei einem Ausflug auf das Mittelmeer oder bei den vielen, meist illegalen Partys am Ufer. Strandrestaurants zeigen im Sommer auf großen Leinwänden Kinofilme.
"Una borgata" - zu Deutsch: ein Vorort - sagen die Römer über den Meeresort. Und wer die "borgate" Roms kennt, weiß, dass dies wenig wohlwollend gemeint ist. Verwaltungstechnisch ist Ostia in der Tat nicht mehr als ein Vorort der Millionenstadt. Vor rund zehn Jahren wollten sich viele "Ostianer" noch ihre Eigenständigkeit erwählen. Doch das Referendum ging zu Gunsten derer aus, die sich lieber an den Rändern einer Metropole sahen, als im Herzen eines Provinzstädtchens: Ostia blieb Teil des 13. Römer Stadtbezirkes.
Geschichte und Architektur des kleinen Ortes bieten ein komplettes Panoptikum Italiens im 20. Jahrhundert. So spielte sich hier einer der mysteriösesten Mordfälle im Nachkriegsitalien ab. Nördlich von Ostia wurde am 2. November 1975 die Leiche des Filmemachers und Autors Pier Paolo Pasolini gefunden. In seinem Alfa-Romeo-Sportwagen habe man ihn oft in den Straßen des Ortes mit jungen Männern gesehen. Auf dem kleinen Fußballplatz an der "Via dell'Idroscalo" erinnert ein schlichtes Denkmal heute an den umstrittenen Linksintellektuellen.
Ausgerechnet im vorstädtischen Ostia nahm auch die Aufdeckung der italienweiten Korruptionskartelle in den neunziger Jahren ihren Anfang. Hier wurden 1991 italienische Spitzenmanager wegen Bestechung verhaftet: In den folgenden Jahren sollten die Staatsanwälte der "Mani Pulite" ("Saubere Hände") das italienische Politsystem umkrempeln.
"Man glaubt in einem Kinosaal zu sitzen, in dem Filme aus den Zwanzigern bis in die Siebziger gezeigt werden", schrieb der Autor Aurelio Picca über Ostia, das "Hollywood der Architektur". Da ist zum Beispiel das Postgebäude von Angiolo Mazzoni, das einem Ufo ähnelt und 1926, vier Jahre nach Benito Mussolinis Marsch auf Rom, fertig wurde. Von der kolonialen Sehnsucht der Epoche erzählt das Seemannshospiz "Colonia Marina Vittorio Emanuele III" von 1932.
Vom Bade-Massenboom der fünfziger Jahre und der "Dolce Vita" der Sechziger zeugt der "Kursaal" mit Schwimmbad, Tenniscourts und futuristischem Sprungbrett. Nicht weit davon entfernt ragt das kadmiumgrüne hutförmige Dach der Sporthalle mit dem eigenartigen Namen "Palafilpjk" hervor. Das ungewöhnliche kreisförmige Gebäude, das 1990 errichtet wurde, ist vielleicht das modernste der architektonischen Kuriositäten im "Hollywood an der Peripherie" - auch wenn viele Badegäste gar kein Auge für die Besonderheiten haben.