Rotweinwanderweg Spazieren mit Schwips
Bad Neuenahr-Ahrweiler - Im Ahrtal südwestlich von Bonn liegt alles nahe beieinander. In der kleinen Weinregion kennt fast jeder jeden. Alles ist überschaubar, auch die Strecke des beliebten Rotweinwanderweges von Altenahr nach Bad Bodendorf. Und so sind es nicht die 35 Kilometer Länge, die den Pfad hoch über dem linken Ufer des Rhein-Nebenflusses zur Herausforderung machen. Viele Wanderer kommen weinselig ans Ziel, weil sie einem Abstecher ins Tal nicht widerstehen können. Denn die Ahr ist eine der besten Rotweinadressen Deutschlands und hat kulinarisch viel zu bieten.
Der Dichter Ernst Moritz Arndt erklärte in den 1840er Jahren die Ahr "zum romantischsten Fluss von allen, welche ihre Wasser in den Rhein gießen". Der Professor aus Bonn hatte ihn von der Quelle in Blankenheim in der Eifel bis zur Mündung bei Sinzig erwandert. Schon damals war das Ahrtal kein Geheimtipp mehr, sondern ein beliebtes Reiseziel. Pittoreske Felsformationen, an die sich Weinberge schmiegen, gepaart mit Burgruinen, die an vergangene Ritterherrlichkeit erinnern, locken heute wie damals Besucher.
Rebstöcke auf schwindelerregenden Terrassen
In Jahrmillionen nagte sich die Ahr durch Vulkangestein und schuf sich dabei ihr eigenwilliges Bett. Gerade mal 89 Kilometer legt sie von der Quelle bis zur Mündung zurück. Aber nur an Mittel- und Oberlauf zwischen Walporzheim und Altenahr, wo das Tal immer enger wird, ist die frühere Wildheit des inzwischen begradigten Flusses noch zu ahnen. Zwischen hohen schiefergrauen Felswänden windet sich der Wasserlauf in engen Schlingen, und die Rebstöcke drängen sich auf kleinen, schwindelerregenden Terrassen.
Hoch am Hang über dem Winzerort Rech zeigt sich der Rotweinwanderweg von seiner besten Seite. Hier beginnt flussaufwärts das schönste Teilstück bis nach Altenahr. Am Recher Herrenberg kommen Weinkenner beim Anblick der Rebhänge ins Schwärmen. Die Spitzenlage des Ortes ist die Heimat edler Spätburgunder des Vorzeige-Weingutes Jean Stodden. Bei Sonnenschein, dem Duft von Ginster und dem Blick Richtung Mayschoß auf die Sassenburg, der ältesten Burg an der Ahr aus dem 11. Jahrhundert, lässt es sich gut aushalten.
Die Region ist ein junges Weinanbaugebiet, auch wenn dessen Geschichte bis ins 8. Jahrhundert zurückreicht. Denn alles, was für gehobene Weinansprüche interessant ist, nahm erst in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts seinen Anfang. Davor war die Region ein begehrtes Ausflugsziel von Reisebus-Gesellschaften. Der Wein floss in Strömen, aber irgendwann brach die Nachfrage nach dem "Limonadenwein" ab.
In dem rund 530 Hektar umfassenden nördlichsten Rotweingebiet der Welt begann ein Umdenken hin zu Qualität. Heute können Weinfreunde in allen Orten entlang des Rotweinweges Tropfen genießen, für die sich ein Abstieg lohnt.
Eine der fidelsten Wanderrouten Deutschlands
Auf dem letzten Stück nach Altenahr geht es durch schattigen Wald. Wenn die Sonne am Mittag hoch steht, ist man dankbar dafür. "Wir liegen im Regenschatten der Eifel und im Sonnenschein des Kölner Beckens", erklärt Wanderführerin Ulla Dismon. Treibhausartige, vor Wind geschützte Kleinklimate sind es, die zusammen mit dem wärmespeichernden Schiefer- und Grauwackegestein den Wein bestens gedeihen lassen.
Seit nunmehr 35 Jahren gilt der Rotweinwanderweg als eines der beliebtesten Ausflugsziele Deutschlands. Das hat seinen Preis. An schönen Wochenenden und vor allem zur Zeit der Weinlese erinnern die "wandernden" Scharen eher an das Getümmel auf großstädtischen Einkaufsmeilen. Dann ist der Pfad sicherlich eine der fidelsten Wanderrouten Deutschlands. Zumal an der Ahr gern gefeiert wird. "Wir sind ein feierfreudiges Völkchen. Nur an fünf Wochenenden im Jahr gibt es irgendwo bei uns kein Fest", erzählt Ulla Dismon.
Unter der Woche und außerhalb der Saison ist der Weg ein geruhsames Vergnügen. Das für Geübte leicht begehbare Gelände verhilft ungeübten Wanderern schnell zum Erfolgserlebnis. Und immer wieder beschert die Route schöne Aussichten, entweder ins Tal oder wie am so genannten Eifelblick kurz vor Altenahr auf die Höhenzüge des Mittelgebirges. Bei einer Rast in der Burgruine Are hoch über Altenahr überrascht, was aus den Jahrhunderte alten Mauerritzen alles wächst. Hier kommt ein Flieder schräg daher, dort drängen Vogelbeeren ans Licht.
Ein schöner Tag klingt in einer Weinregion am besten mit einem guten Essen aus. Im hochdekorierten Restaurant "Zur alten Post" von Hans Stefan Steinheuer in Heppingen bestätigt sich bei Eifeler Milchkalb, dass etliche Ahrweine wieder wie einst "hiesiger Gegend führnehmste Nahrung" sind. Aber auch ohne Sterne schmeckt es in dem kleinen Tal. So zeigt sich bei Manfred Bitzen im "Jagdhaus Rech" im gleichnamigen Ort, dass Spätburgunder ein idealer Begleiter zu Wild ist. An der Ahr leben qualitätsorientierte Winzer und Gastronome seit längerem in segensreicher Liaison.
Von Heidemarie Pütz, gms