Ruhrgebiet: Schlösser und Industrie - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Ruhrgebiet Schlösser und Industrie

Im Ruhrgebiet ist der Strukturwandel fast abgeschlossen. Stahl und Kohle sind verschwunden, aus vielen Industrieanlagen wurden Freilicht-Museen. Und im Umland warten Burgen und Schlösser in Fahrrad-Nähe auf Besucher.
Von Frank Schneider
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Mit der Schwerindustrie ging im Ruhrgebiet ein ganzes Kapitel Zeitgeschichte zu Ende. Stahl und Kohle begründeten den Ruf Deutschlands als Industrienation. Ein gewichtiger Grund also, diese hundertfünfzigjährige Vergangenheit nicht einfach spurlos verschwinden zu lassen, sondern wenigstens einen Teil davon zu bewahren. Die "Route der Industriekultur" erinnert - etwa mit dem historischen Schiffshebewerk in Henrichenburg oder der Zeche Zollverein in Essen - eindrucksvoll an alte und zuweilen schwere Zeiten.

Wer hätte noch vor zwei Jahrzehnten gedacht, dass Reisebüros einmal Wochenendtrips ins Ruhrgebiet anbieten? Bestimmt nicht die Stahlwerker im Duisburger Norden, die auf der berühmten Ruhrbrücke für ihre bedrohten Arbeitsplätze demonstrierten. Das ist Vergangenheit. Die Gegenwart heißt Industriepark Nord und ist ein Glanzpunkt der "Route der Industriekultur". Die Besucher des stillgelegten Stahlwerks kommen von weit über die Grenzen des Ruhrgebietes hinaus hierher. An schönen Tagen herrscht an den alten Hochöfen richtig Trubel - ebenso wie an der berühmten Villa Hügel, dem Stammsitz der Krupps. Der pompöse Bau oberhalb des Baldeneysees im Essener Süden war im Gegensatz zum alten Stahlwerk schon immer ein Vorzeigeobjekt der Industriekultur.

Indes wurden die Stätten des Ursprungs großindustriellen Reichtums früher gerne links liegengelassen. Malochen statt bestaunen war angesagt. Lange war das Bergbaumuseum in Bochum einziges Anschauungsobjekt im Arbeiterland Nordrhein-Westfalen. Das ist heute anders, auch wenn man die Arbeitsstätten keinesfalls in Disneyland-Manier romantisiert.

Gleich zwei ausgediente Gasometer machten Schlagzeilen. Der eine, unweit des neuen Oberhausener Einkaufszentrums und Besuchermagnats CentrO, findet durch Ausstellungen wie etwa von Verpackungskünstler Christo international Beachtung. 53.000 Besucher kamen zwischen Dezember 2000 und August 2001, selbst in der ausstellungsfreien Zeit interessierten sich 260 Neugierige pro Tag für schöne Aussicht oben vom "Deckel".

In Duisburg wurde ein Gasometer zum größten Tauchturm der Welt umfunktioniert. Ein Club versenkte darin als Showeffekt sogar eine alte Motoryacht. Gleich daneben lässt sich ein fünfzig Meter hoher Hochofen besteigen. Kleine Tafeln erläutern die unterschiedlichen Arbeitsprozesse im ehemaligen Stahlwerk.

Neben den herben Industriebauten erinnern aber auch zahlreiche Schlösser an die Zeit vor Krupp und Thyssen. Über den alten Leinpfad der Ruhr, auf dem früher Pferde die Lastkähne gegen den Strom zogen, gelangt man zu Fuß oder mit dem Rad vorbei an Hattingen nach Schloss Kemnade. Gleich daneben thront hoch über dem Ruhrtal die mittelalterliche Burg Blankenstein.

Am Nordrand des Ruhrgebietes findet man mit Schloss Lembeck ein wunderschönes Barockschloss inmitten einer botanischen Anlage. Zunächst als englischer Garten angelegt wurde im 19. Jahrhundert ein französischer daraus, dem seit den sechziger Jahren ein groß angelegter Rhododendrengarten angeschlossen ist. Die Besonderheit von Lembeck: Die Schlossherrin wohnt tatsächlich noch selbst in einem Teil des großzügigen und gepflegten Gemäuers. Damit der pflegliche Eindruck erhalten bleibt, kostet der Besuch in den Sommermonaten Eintritt - außer freilich, man ist Gast im stilechten Schlosshotel.

Wie rund um Schloss Lembeck gibt es auch bei Raesfeld, einige Kilometer weiter nach Norden und somit fast schon im südlichen Münsterland, Waldgebiete, die zum Wandern einladen. Vor der Vorburg des Wasserschlosses Raesfeld liegt ein kleiner verwinkelter Dorfkern samt dreihundert Jahre alter Kirche.

Mit dem Auto sind die Schlösser von Duisburg, Essen oder Bochum aus in weniger als einer dreiviertel Stunde zu erreichen - und sie zeugen doch von einer ganz anderen Welt als die Industriedenkmäler, auf die man im Ruhrgebiet nicht weniger stolz ist.