San Gimignano: Buddhas, Davids und Disney-Zwerge - DER SPIEGEL
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San Gimignano Buddhas, Davids und Disney-Zwerge

Die Geschlechtertürme sind Pflicht auf jeder Toskanareise, was bedeutet: Hierher kommt jeder, und sei es nur auf einen Schnappschuss. Schriftsteller Hermann Peter Piwitt wirft einen schiefen Blick auf schiefe Dinge.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Man schnuppert: Aber es riecht nach nichts. Nicht einmal, nachdem es geregnet hat. Das ist der erste Eindruck. Blank geputzt sind Straßen und Plätze. Man muss die Nase schon in einen der zwei, drei Krämerläden stecken, wo die wenigen Einheimischen einkaufen, um sich zwischen Käse und Trauben zu vergewissern, dass man in Italien ist und nicht in irgendeinem Museum.

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San Gimignano: Geschlechtertürme sind Pflicht

Foto: Fototeca ENIT

Vielleicht ist sie überhaupt nur ein Ausstellungsstück, diese Stadt, eingeschlossen in eine große Vitrine bis hoch zum Himmel, und Außerirdische haben ihren Spaß daran, wie die Busse von überall her, aus Dortmund, Como, Innsbruck und, Himmel! ja: Oggersheim, vorfahren und ihre Touristenfracht entleeren, hinein in die Via San Giovanni, durch die es dann, vorbei an den Souvenir-, Postkarten-, Wein- und Prosciuttoläden, hinaufgeht zur Piazza della Cisterna mit ihren voll besetzten Cafétischen.

Mittag ist es. Ein zerrupfter alter Kater streicht über den Platz, ein rostrotes Glühen im schwarzen Fell. Tauben, herumpeternd auf betulichen Zehen. Trocknes Laub, das weiter will ... Und unterdessen strömen sie von unten, vom Wohnturm der Cugnanesi, unaufhörlich herauf, die Fremden: Engländer, Franzosen, Deutsche, Amerikaner, Holländer, Japaner. Tauchen auf wie Schiffe über dem Horizont: Man sieht den Kopf, dann den Rumpf, dann die Beine; sie bleiben kurz stehen - und dann nehmen sie die Kamera vors Gesicht: Torre Lupi und Torre Becci. Die Türme der streitbaren und unglücklichen Ardinghelli. Der Palazzo Cetti. Und der Palazzo Tortoli mit seinen Doppelbogenfenstern, die so gotisch sind, dass sie schon wieder maurisch sein könnten; und natürlich der Brunnen, voll gehauen mit müder Jugend, wie er ist. Da stellen wir doch gleich die Gattin dazu!

Als hätten die Fotografen kein Gedächtnis

Zu Fotos werden die Zwillingstürme der Salvucci und der alte Rathausturm, die "Rognosa". Und natürlich der neue, die Torre Grossa. Und sogar im dunklen Dom werden die brav gemalten Fresken geblitzt, als hätten die, die da Fotos machen, kein Gedächtnis mehr, in das sich Bilder unvergesslich einprägen könnten; als gäbe es diese Stadt selbst vielleicht schon morgen nicht mehr; nicht einmal mehr auf Postkarten, auf denen sowieso schon alles drauf ist: sogar Ghirlandaios wundersame "Verkündigung", draußen, in einer Nische der Piazza Pecori, die jeden Tag für ein paar Stunden ein Holländer mit Renaissancemusik auf dem Cembalo verzaubert ... und Postkarte natürlich auch die Rocca oben, die Burg.

Was soll dem Reisenden diese Stadt, so oft wie er schon bei ihr vorbeigeschaut hat: entzückt, andächtig, amüsiert, kopfschüttelnd, genervt? Dies Manhattan des Mittelalters, über das die Armut kam wie der Aschenregen über Pompeji und es der staunenden Nachwelt konservierte, damals, als Pest und Geschlechterfehden San Gimignano schüttelten und die neue Handelsstraße die Stadt rechts liegen ließ; bis sie Cosimo I. Medici endgültig in den Dornröschenschlaf schickte, als er ihr 1563 selbst geringfügige Investitionen verbot, "heiligen oder profanen Bedarfs".

Und ist sie denn daraus erwacht? Kann man es Erwachen nennen, was ihr rund 400 Jahre später widerfuhr? Anfang des 14. Jahrhunderts hatte San Gimignano 12.000 Einwohner; gerade 8000 wohnen heute in der gesamten Kommune, davon kaum 3000 innerhalb der Mauern. Und die leben vom Wein und den Touristenmassen.

Noch einmal: warum gerade San Gimignano? Sind es die Türme? Sind sie denn "schön", wie es heißt? Viele italienische Städte des Mittelalters sahen einmal aus wie San Gimignano, um nicht zu sagen: schlimmer. Von Siena berichtet ein deutscher Chronist, es habe einem Röhricht geglichen. Und von Lucca ein italienischer, es gliche einem Wald. Militärtechnisch waren die Türme unbrauchbar und von einem Nachbarn durch Wurfmaschinen von unten zum Einsturz zu bringen.

Baute man zu hoch, waren Ziele unten mit Armbrüsten schwer zu treffen. Baute man zu niedrig, litt das Prestige; und da war man sensibel wie heute Bankiers in Frankfurt am Main. 13 Türme hat San Gimignano noch, nun von der Natur heimgeholt und also der Geltungssucht ledig, der sie sich verdanken; räudig wie sie nun sind, zerrauft und verwittert. Travertin, weiche braune Tuffe und Backstein durcheinander verbacken. Aus den Fugen bis hoch oben Bärte von grünem Kraut.

Grassierende Schmuck- und Putzsucht

72 Türme sollen es einmal gewesen sein. Denn viele Bürger waren im Woll-, Wein- und Gewürzhandel reich geworden und wollten entsprechend hoch hinaus. Und oft war der Besitz eines oder mehrerer Handelsschiffe im Hafen von Pisa zum Bau eines Geschlechterturms die Vorbedingung. Die Via Francigena, die wichtigste Nord-Süd-Achse damals, führte durch die Stadt und bündelte andere europäische Handelsstraßen südlich der Alpen. Man kaufte Rohwolle in London und Lyon und ließ sie daheim färben und spinnen zum Weiterverkauf. Leder-, Kupfer-, Glaswaren und Keramik verkaufte man nach Norden bis ins Baltikum und nach Süden nach Ägypten und ins Heilige Land. Und natürlich den Wein.

Um die Wende vom 13. zum 14. Jahrhundert, heißt es, liefen selbst Minderbemittelte mit goldenen Gürtelschnallen herum. Im Vicolo d'Oro soll sich Juwelier an Juwelier gereiht haben. Junge Mädchen hüllten ihr Haar in feinste goldene, perlenbesetzte Netze. Frauen trugen Hermelinmäntel und mit Edelsteinen besetzte Diademe und fegten mit bis zu drei Meter langen Schleppen aus Seide und Brokat die Straßen, so dass Gesetze erlassen werden mussten gegen die grassierende Schmuck- und Putzsucht.

Und so groß die Handelsspannen, so hoch waren die Zinsen, die die Geldverleiher nahmen, voran die gefürchteten Geld- und Steuereintreiber der Zeit: die Templer, die in San Gimignano gleich drei Niederlassungen hatten. Zwanzig Prozent Zinsen durften von Gesetzes wegen genommen werden. Nicht selten waren sie höher. Und daran kaputt gingen vor allem die Bauern. Hatten die Ernten verpfändet noch vor der Saat. Damals begann die Toskana um Florenz und Siena herum so auszusehen, wie wir sie inzwischen als schön empfinden: Einzelhöfe von Halbpächtern am Fuß von Hügeln, zu denen Ehrfurcht gebietende Zypressen den Weg hinaufweisen, hin zum Landsitz des meist städtischen Grundherrn. Auf ihn spitzte sich alles Leben, alle Arbeit zu und also auch die Architektur der Landschaft, aufgeräumt und vermessen nach Maß und Maßgabe derer, die den Gewinn aus ihr zogen und die entsprechenden Vergnügen.

Olivenpresse aus der Renaissance

Eindrucksvoll sind sie, die Kirchen und Palazzi, die Türme, Tore und Mauern von San Gimignano; aber um das Leben, das hier einmal stattfand, seine sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen scheint ihre architektonische Pracht restlos bereinigt. Wenig Tragisch-Heroisches zudem, was - mit Ausnahme der Fehden zwischen den Salvucci und den Ardinghelli - in dieser Kaufmannsstadt eine Legende hätte fett machen können. In der Absicht, alles architektonisch und künstlerisch Nachweisbare in Erinnerung zu bringen, ist alles andere in Vergessenheit gebracht.

Fast alles. Denn seit 1988 hat die Stadt ihr Museum für Kunst und Gewerbe. Und hier, in großen Vitrinen, kann man bestaunen, wer wie womit einen Großteil der Güter erarbeitete, aus denen andere ihr Vermögen machten. Holzpflüge, die Schar mit Eisen beschlagen. Das hölzerne Räderwerk einer Olivenpresse aus der Renaissance. Eine Schmiede aus dem 16. Jahrhundert mit dem angeblich größten historischen Blasebalg Europas. Backtröge. Leider liegt das Museum etwas abseits vor der Porta San Giovanni. Zu leicht übersieht man es.

Und meist ist es leer. Offenbar hat es keine Chance gegen das, was, ein paar Schritte weiter, die Via San Giovanni zu bieten hat: bemalte Tassen und Schüsseln, Weinkrüge, denen ein Hahnenkamm schwillt, mit dem Schnabel als Tülle. Reliefs und mit Früchten und Trauben bekränzte Masken aus Terrakotta. Keramikhunde und -katzen in Lebensgröße. Buddhas, Davids und Disney-Zwerge. Dazu alles aus dem heimischen Alabaster. Und nicht einmal die "Sturmtruppen" fehlen, deren Originale 1944 die Stadt zwei Tage lang mit Artillerie beschossen; jetzt, als Nippesfiguren, zeigen sie mit obszönen Gesten aus herabgelassenen Hosen einen verpickelten Hintern.

Ewigen Mäuse um Finas armselige Schlafstatt

Genug des schiefen Blicks auf schiefe Dinge und das, wofür sie gerade stehen. Denn auch das ist San Gimignano: Sich hinhauen ins Gras hinter der Burgmauer, die Nase in die Kräuter stecken, den Katzen beim Eidechsenfangen zusehen, den Spinnennetzen, wenn sie in der Sonne aufblitzen, den Insekten, wie sie durch die blau blühende Minze stromern. Sich verlieren eine Weile an die Geräusche des Nachmittags, an das Schreien der Hähne, das Hupen und Bremsenseufzen der Busse. Und die Seele ein bisschen gehen lassen, hinaus in den leichten grünen Wellenschlag des Landes. Mit Wein, Mais, Klee auf den Hängen. Und Ölbäumen natürlich, fast weiß, wie sie aussehen können, wenn der Wind die hellen Unterseiten der Blätter ins Licht dreht. Und dazwischen, hineingewürfelt, die Ortschaften und Gehöfte.

Zu guter Letzt zu dir, Fina, wundersame Heilige du, Schutzpatronin der Stadt. Schön hat dich Ghirlandaio gemalt, der "Kranzbinder", 200 Jahre nach deinem Tod für die dir geweihte Domkapelle. Rechts, wie dir Papst Gregor der Große in einer Wolke erscheint, während aus dem Holzbrett, auf dem du fünf Jahre lang krank und gelähmt lagst, die schönsten gelben Veilchen sprießen. Links, wie sie dich aufgebahrt haben, die Geistlichen und Honoratioren der Stadt mitsamt ihren kessen Sohnemännern in ihren Messgewändern drumherum. Und wetten, dass sie allesamt recht gönnerhaft vergnügt gewesen sind, nachher, darüber, dass er sie so gut getroffen hat, ihr Malermeister? Mit all den vielen San Gimignaneser Türmen im Hintergrund. Und den Engeln, die, gerade so wie die Dohlen heute, um sie herumsummsen.

Und damit nicht genug. Denn noch einmal du, im Stadtmuseum, in goldenem Rahmen, auf Holz der Bilderbogen deiner Wunder: Wie du die Mutter rettetest vor dem Teufel, der sie die Treppe hinuntergestoßen. Einen Besessenen. Einen Schiffbrüchigen. Einen Dachdecker. Und dazu die ewigen Mäuse um deine armselige Schlaf- und Liegestatt.

Übrigens hat man eine verloren geglaubte Statue von dir wiedergefunden. In Florenz. Sie wird dem Pietro Torrigiano zugeschrieben. Dem, der dem Michelangelo mit der Faust soll die Nase eingeschlagen haben.

Addio, Liebe, Feine. In diesem Leben nicht mehr!

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