Schloss Colditz: Fluchtversuche nach der Theaterprobe - DER SPIEGEL
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Schloss Colditz Fluchtversuche nach der Theaterprobe

Jedes Kind kennt das Schloss Colditz. Zumindest in Großbritannien, wo die Ausbruchsgeschichten aus dem ehemaligen Gefängnis in Sachsen enorm populär sind. Kriegsgefangene versuchten mit Tunnelbauten und gefälschten Nazi-Uniformen zu entkommen - oft mit Erfolg.
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Etwa 50 Kilometer südöstlich von Leipzig steht im Muldentalkreis ein Anwesen, das in Deutschland kaum bekannt ist, in Großbritannien aber den Status einer Legende besitzt: das fast 1000 Jahre alte Schloss Colditz. "Auf der Insel kennt uns fast jedes Kind", sagt Cornelia Kasten, Geschäftsführerin des Fördervereins des Schlosses. Für die Briten ist das Gemäuer über der Mulde ein Symbol für den Widerstand gegen Nazi-Deutschland. Denn im Zweiten Weltkrieg wurden hier zahlreiche alliierte Offiziere gefangen gehalten - ihre spektakulären Fluchtversuche sind Stoff zahlreicher Filme und Romane.

Rund 15.000 Besucher kommen jedes Jahr in das Schloss - mehr als die Hälfte davon stammen aus Großbritannien. Colditz hat sich auf seine Gäste eingestellt: Hinweisschilder und Speisekarten in den Restaurants sind zweisprachig. In diesem Jahr hoffen die Colditzer auf einen neuen Schub. Nach rund zweijähriger Bauzeit eröffnet im April eine Jugendherberge für 161 Gäste auf dem Schlossgelände.

Besonders die Erzählungen des englischen Offiziers Pat Reid machten Colditz in Großbritannien berühmt. In dem Buch "The Colditz Story" schildert er die Ausbruchsversuche. Das Werk wurde in mehr als 100 Sprachen übersetzt, mehrfach verfilmt und als Spiel verkauft.

Musizierabend im Sicherheitstrakt

Das Schloss prägt eine wechselhafte Geschichte. Es diente als Jagdschloss, Armenhaus, Verteidigungsanlage für die Stadt, später in DDR-Zeiten als Krankenhaus und eben als Gefängnis: 1939 errichteten die Nationalsozialisten hier das Kriegsgefangenenlager "Oflag IVC". Es sollte ein "Vorzeigegefängnis" sein, in dem die Bestimmungen der Genfer Konvention weitestgehend eingehalten wurden. Das Rote Kreuz machte sich regelmäßig ein Bild von der Behandlung der Insassen. Sport und Theaterspiel, Musizieren und Sprachen erlernen gehörten in Colditz zu den Alltagsbeschäftigungen. Neben Briten wurden auch Offiziere aus Frankreich, Belgien, Holland und Polen interniert. Zu den Häftlingen zählten auch Mitglieder des britischen Hochadels.

Nach Colditz kam im Zweiten Weltkrieg nur, wer bereits in anderen deutschen Kriegsgefangenenlagern missglückte Ausbruchsversuche hinter sich hatte. Mit seinen steil abfallenden Felsen, Stacheldraht, Wachposten und Scheinwerferbestrahlung galt es als ausbruchssicher. Das hinderte die Offiziere jedoch nicht. "Escape University" - die "Fluchtuniversität" wurde das mehr als 500 Jahre als Schloss genannt. Rund 300 Ausbruchsversuche soll es gegeben haben, 31 alliierten Offizieren gelang die Flucht.

Bei den Führungen durch das Schloss erfahren Besucher von den sagenumwobenen Geschichten. So sollen Gefangene neun Monate lang einen Tunnel vom Glockenturm zum Burggarten gegraben haben. Dessen inneren Eingang suchte die Wehrmacht wochenlang erfolglos, nachdem Grabungsgeräusche bemerkt worden waren. Im Schlossmuseum werden die Ausbruchsversuche heute präsentiert. Zu sehen sind unter anderem mühselig gefertigte Strickleitern und von den Häftlingen zur Täuschung der Aufseher nachgeschneiderte deutsche Uniformen.

Erik Nebel, gms