Schneeschuh-Wanderung: Im Türkis der Eisgrotte - DER SPIEGEL
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Schneeschuh-Wanderung Im Türkis der Eisgrotte

40 Meter unterm Eis: Im Gletscher des Schweizer Val d'Anniviers öffnet sich eine in Türkis und Blau schimmernde kleine Grotte. Nur mit Schneeschuhen und unter einigen Verrenkungen und Schweißtropfen können sich Wanderer dem Wunderwerk der Natur nähern.
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Zinal/St. Luc - Im Zinalgletscher ist es still. Unheimlich still. Nur ein gelegentliches Tropfen ist zu hören, wenn das Eis schmilzt und in eine der zahlreichen Pfützen fällt. Eine Stirn- oder Taschenlampe beleuchtet den Weg über Sand und Geröll ins Innere des Glaciers, des Gletschers, im Val d'Anniviers. Gut hundert Meter tief hinein in den Berg können Touristen und Einheimische im Winter mit einem Bergführer gehen - im Sommer steht das Wasser kniehoch in der Grotte.

Ein paar Minuten brauchen die Augen, um sich an die Dunkelheit im Gletscher zu gewöhnen. Dann lassen sich langsam Konturen über den Köpfen erkennen - von Steinen und Felsbrocken, die gefangen im Eis zu schweben scheinen. Immer heller wird es in der Höhle, das Blau und Türkis des Eises beginnt zu glänzen. "Etwa 40 Meter Eis sind über uns", sagt Bergführer Stéphane Albasini. Einzigartig ist dieses Erlebnis, denn beim Zinalgletscher im Schweizer Kanton Wallis hat niemand nachgeholfen - dort ist kein inszenierter Eispavillon entstanden wie in Saas Fee und kein Gletscherpalast wie in Zermatt.

Einzig die Natur hat hier Eis und Schnee geformt, und der Mensch hat dies in den vergangenen Jahrzehnten weitgehend unberührt gelassen. Bergführer Albasini war es, der die Hohlräume vor rund einem Jahrzehnt entdeckt hat - zufällig. "Wir waren auf einer Skitour unterwegs, als ich sie gesehen habe", erzählt der drahtige Mann mit den grauen Haaren. Seitdem führt er Gruppen auf Schneeschuhen durch das Tal und in den Glacier hinein.

Wand aus Eis

Von Zinal aus beginnt der Weg rund 350 Höhenmeter hoch auf oft schnee- und manchmal eisbedeckten Pfaden. Die Wanderer passieren den GletscherflussNavisence, verschneite Birkenwälder und vereiste Wasserkaskaden. Eiskletterer versuchen sich in den gefrorenen Hängen, oft lassen sich Gämsen und Adler sehen. In den Tiefschneefeldern am Fuß des Gletschers leisten Schneeschuhe gute Dienste.

Über den größten Teil der Wegstrecke ist der Gletscher nicht zu sehen. Von weitem ähnelt er einer Wand aus Eis. Doch je näher die Wanderer ihm auf den Schneeschuhen kommen, umso deutlicher zeichnet sich der Eingang ab. Oben Eis und gepresster Schnee in Schattierungen von fast transparent weiß bis hell- und türkisblau, auf dem Boden blankes Eis. Wie eine Empfangshalle sieht der Eingang des Glaciers aus. Gut hundert Meter geht es schließlich ins Innere des Eisberges.

Doch erst müssen sich die Wanderer durch den sich ständig verändernden, aber immer sehr niedrigen Einstieg robben. Recht warm ist es im Inneren - etwa plus sechs Grad Celsius misst der Bergführer dort im Schnitt, während es draußen wesentlich kälter ist.

Einst fürchteten die Bewohner der Dörfer das Eis. Sie errichteten noch vor 150 Jahren Kreuze, pilgerten an den rund sieben Kilometer langen Gletscher und baten Gott, das Eis nicht weiter vordringen zu lassen. Heute haben die Walliser Angst um ihren Gletscher. "Inzwischen schmelzen jedes Jahr rund 60 Meter", sagt Albasini. Gleichzeitig arbeitet der Berg sich rund 40 Meter nach vorn - in der Summe bedeutet das ein Schmelzen von etwa 20 Metern pro Jahr. Noch vor zehn Jahren reichte der Gletscher 150 Meter weiter ins Tal.

Verwunschenes Tal

Atemberaubend schön ist es nicht nur am und im Gletscher, sondern auch in den Dörfern des gut versteckten Tals südlich von Sierre. Über eine enge Straße voller Haarnadelkurven ist das Seitental der Rhone zu erreichen - die Fahrt mit dem Auto oder dem Postbus ist abenteuerlich. Arven und Lärchen prägen neben steil abfallenden Felsen die Landschaft, dazwischen stehen kleine, von der Sonne geschwärzte Walser Holzhäuser. Wer im Dorf Zinal den Blick gen Himmel richtet, sieht gleich eine ganze Gruppe von Viertausendern: Weisshorn, Zinalrothorn, Obergabelhorn, Matterhorn und Dent Blanche erheben sich dort zur "Couronne impériale", der Kaiserkrone.

Einen Namen hat sich das Tal als Freeride-Destination gemacht - doch seit einigen Jahren kommen immer mehr Schneeschuhwanderer in diese hinterste Ecke der Schweiz. Rund 73 Kilometer markierte Touren führen durch das Tal, die eindrücklichste unter ihnen ist unbestritten die zum und in den Gletscher. Rund 18 000 Gästebetten gibt es in den sieben Dörfern des Val d'Anniviers, Skifahrer und Snowboarder können sich auf mehr als 220 Pistenkilometern austoben.

Ein romantisches Ziel ist es noch dazu, das verwunschene Tal. Enge Straßen und Gassen, alte Häuser liebevoll instand gehalten und im Winter mit bunten Lämpchen geschmückt. Kleine gemütliche Hotels prägen das Bild - Bausünden mit vielen Geschossen und Flachdächern gibt es hier nicht. Auch wenn das Tal nur über verschlungene Wege zu erreichen ist - die Anreise ist seit dem vergangenen Winter einfacher. Denn mit dem neuen Neat-Basistunnel am Lötschberg verkürzt sich die Anfahrt aus Norden um bis zu 70 Minuten. Davon profitieren nicht nur die altbekannten Skiorte wie Zermatt oder Saas Fee - sondern auch die weniger bekannten, aber nicht minder spannenden Ziele wie das Val d'Anniviers.

Von Verena Wolff, dpa