Schottland: Highland-Safari im Urwald - DER SPIEGEL
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Schottland Highland-Safari im Urwald

Schottland im Sommer, das kann jeder. Die Highlands im frostigen Frühjahr erkunden, das ist nur etwas für wahre Fans. Wenn die Gipfel noch Schneemützen tragen, können abgehärtete Urlauber den ganz speziellen Charme einer rauen Landschaft entdecken.
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Schottische Highlands: Frostige Schönheit im Frühjahr

Foto: TMN

Schottland-Fans haben die Highlands im Frühjahr für sich. Die Sonne scheint seltener als im Hochsommer, wenn die Besucher sich in Scharen am Loch Ness drängen. Richtig ungemütlich kann es sogar werden. Der Wind bläst kalt, und oft schneit es. Liebhaber des grünen Landes stört das aber nicht. Die Landschaft hat in der Vorsaison einen speziellen Charme - und die Schotten haben Zeit für einen Plausch.

Ein leichter Anflug von Ärger in Alastair MacLennans Stimme ist nicht zu überhören: "Wenn man sie fragt, wo die Milch herkomme, sagen viele Kinder: aus dem Supermarkt." Alastair schüttelt den Kopf und stapft über den Hof in den Kuhstall. Acht Kälber sind dort in den vergangenen 24 Stunden geboren worden. Sie gucken die Besucher aus großen Augen an und muhen scheu. Alastair MacLennan hat oft Gäste im Stall seiner Balliefurth Farm.

Alastair zeigt seinen Gästen, wie sich Naturschutz und Landwirtschaft in den schottischen Highlands unter einen Hut bringen lassen. Dazu nimmt er sie mit in den Stall und auch hinaus auf die Wiesen und Weiden. Gerade hat es angefangen zu schneien. Die Flocken fallen weich und dicht. Alastair zieht die Schultern hoch und geht voran. Ein großer Hase hoppelt über eine Weide, zwischen zwei Waldstücken stehen einige Rehe. "Ich lebe hier, seit ich ein Jahr alt bin", sagt der schottische Landwirt. "Vor 20 Jahren habe ich den Hof von meinem Vater übernommen."

Sieben Monate Winter

Aber Landwirtschaft in den Highlands ist ein hartes Brot. "Wir haben hier sieben Monate Winter", sagt Alastair. Und das heißt manchmal Temperaturen von minus 20 Grad. Wenn der Schnee schmilzt, steigen die Flüsse über die Ufer. "1991 war die Farm für mehrere Monate überflutet. Ich hätte damals fast aufgegeben."

Hat er dann aber nicht. Alastair hat sich stattdessen neu orientiert - in Richtung "Green Tourism". Sein Hof nicht weit von Grantown-on-Spey ist heute ein Vorzeigeprojekt von "LEAF". Das steht für Linking Environment and Farming, also das Bestreben, Umwelt und Landwirtschaft zu verbinden.

Die Balliefurth Farm gilt als einer der besten Brutplätze für Vögel in den Highlands. Tausende davon nisten hier im späten Frühjahr. Deshalb kommen viele Gäste zum Farmurlaub, die sich für Vogelkunde interessieren.

Der Bahnhof von Broomhill ist gar nicht weit entfernt von Alastairs Farm. Auf den Schafweiden hinter dem alten Bahnhofsgebäude haben sich ein paar Dutzend Kiebitze niedergelassen. Es gibt nur ein Gleis und der Zug, der gerade einfährt, wird von einer Dampflok gezogen. Es ist kalt, und am Horizont sind die schneebedeckten Gipfel der Highlands zu sehen.

Reise im Nostalgie-Zug

Eine Fahrt mit dem "Strathspey Steam Train" ist wie eine Zeitreise. Die Sitze sind gepolstert, auf den Tischen liegen rote Deckchen. Die Passagiere trinken Ginger Ale und schauen aus dem Fenster auf eine menschenleere Landschaft, in der Bauernhöfe, Kühe und endlose Weiden das Bild bestimmen. Ein Fasan sitzt am Waldrand und plustert sich auf. Die Fahrkarte bis Aviemore kostet 10,50 Pfund (rund 12 Euro), die Strecke gilt als "scenic route", also als besonders schön.

Aviemore ist vor allem wegen Rothiemurchus Estate ein beliebtes Ziel, einem riesigen Landsitz mit dem größten Urwald Schottlands. Dort arbeitet Alfred Mcgregor. Freunde nennen ihn "Alf", alle anderen eigentlich auch. Alf ist Senior Ranger. Gerade klettert er aus seinem Landrover Defender, diesem geländegängigen britischen Urvieh, das sich durch Wüstensand genauso quält wie durch Schlammlöcher. Alf trägt zur Outdoorjacke eine graue Basecap über grauen Haaren und grauem Schnurrbart und fordert kurz angebunden dazu auf, in sein Fahrzeug zu steigen - zur Highland-Safari.

Das Land gehört seit 450 Jahren der Familie Grant, die hier in der 17. Generation residiert, Viehzucht betreibt und das Leben in der Abgeschiedenheit ebenso genießt wie die gute Luft und die Jagd. Von all dem bekommen die Besucher bei einer Landrover-Tour auch einiges mit. Alf sitzt am Steuer und umkurvt mit seinem Defender die größten Schlaglöcher. Die kleineren nimmt er, ohne mit der Wimper zu zucken. "Da auf den Weiden grasen unsere Hochland-Rinder", sagt er. Rund 50 hätten sie davon. "Da hinten, der Bulle, das ist Mr. Grumpy. Der ist zurzeit etwas sauer, weil er nicht zu seinen Ladys darf."

Mr. Grumpy wirkt tatsächlich schlecht gelaunt. Mit seinem Zottelfell, seinem massigen Körper und seinen riesigen Hörnern sieht er so aus, als sollte man ihm besser nicht zu nahe kommen. Nur ein Stück weiter ist eines der rund 80 Kälbchen zu sehen, die jedes Jahr auf Rothiemurchus Estate geboren werden. Es steht noch auf dünnen Beinen und erinnert vom Körperumfang nur wenig an seinen mutmaßlichen Vater. "Das Kleine ist gerade erst drei Tage alt", sagt Alf.

Um die 100.000 Besucher kommen Jahr für Jahr zum Rothiemurchus Estate - nicht nur für die Landrover-Touren. Im Angebot sind auch Pony-Trekking, Rafting und Tontaubenschießen.

Im Haus spukt es, sagt der Ranger

Weiter geht es mit Alf über das riesige Gelände, vorbei an "Caledonian Forest" mit Wacholder, Birken und Heidekraut. Ein Eichhörnchen flitzt einen Baum hoch, Mountainbiker und Wanderer kreuzen den Weg. Es geht vorbei an frisch geschlagenem Holz und dem Haus des alten Colonel Grant. "Es heißt, darin spukt es", sagt Alf. Ob er das für dummes Zeug hält oder nicht, verrät er nicht. Zwischendurch muss er immer wieder aus dem Wagen springen, um ein Gatter zu öffnen, bevor die holprige Fahrt weitergehen kann.

Alf steuert den Defender ins Hirschgehege. Die Grants züchten die Tiere seit 1975. Gleich ein Dutzend umrunden das Auto. Besuchern gucken sie freundlich mit großen Augen entgegen. Dabei werden sie vor allem wegen des Fleisches gehalten. Rund 120 Hirsche werden jedes Jahr erlegt. Das Fleisch ist gleich an Ort und Stelle zu kaufen, genau wie das der Hochland-Rinder.

Im Restaurant "Ord Ban" gibt es "local food", also vor allem Hase, Hirsch, Fasan und Rind. Ross und Polly Cameron betreiben das Restaurant im ehemaligen Schulgebäude. Essen kann man im "Ord Ban" das ganze Jahr über. Aber im Frühjahr haben Ross und Polly mehr Zeit für ihre Gäste.

Und ein Tee schmeckt besonders gut, wenn draußen der Wind fegt und Flocken fallen.

Andreas Heimann, dpa