Schweiz auf Schienen: Mit Dampf über Alpenpässe - DER SPIEGEL
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Schweiz auf Schienen Mit Dampf über Alpenpässe

An alten Schweizer Dörfern vorbei, steil aufragenden Bergwänden und schneebedeckten Gipfeln, durch Tunnel, über Viadukte und über 2000 Meter hohe Alpenpässe - Bahnfahren in der Schweiz heißt, Meisterleistungen von Ingenieuren und bahntechnische Superlative erfahren.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Chur/Brig - Bahnfreunde in der Schweiz äußern sich geradezu enthusiastisch über ihr liebstes Verkehrsmittel: Regelmäßig verkehrende Züge zwischen den großen Städten, gute Verbindungen auch zu den kleineren Orten. Bestimmte Strecken durch die Alpen faszinieren aber so, dass Gäste aus aller Welt hier Ferien auf der Schiene machen wollen. Der Weg mit seinen bahntechnischen Superlativen und Meisterleistungen der Ingenieure wird dann zum Ziel.

Als Star unter den Zügen in der Eidgenossenschaft gilt der Glacier Express, der das ganze Jahr von Zermatt im Wallis in die Jet-Set-Orte Davos und St. Moritz im Kanton Graubünden fährt. "Im vergangenen Jahr beförderten wir 235.000 Reisende, 50 Prozent von ihnen waren Deutsche", sagt Peider Härtli, Sprecher der Rhätischen Bahn in Chur, die diesen feuerroten Zug in Einmeterspur betreibt.

Der Zug braucht für die 291 Kilometer lange Panoramastrecke etwa siebeneinhalb Stunden. Wer diesen Zug durch 91 Tunnels und über 291 Brücken benutzt, hat aber keine Eile. Man reist im Panoramawagen erster Klasse, draußen ziehen schöne alte Schweizer Dörfer wie aus dem Bilderbuch und steil aufsteigende Bergwände vorbei. Die Fahrt geht auch über den 2033 Meter hohen Oberalppass, der im Winter im tiefen Schnee liegt - ein Traum bei schönem Sonnenschein. "Die meisten Gäste haben wir aber im Sommer", sagt Härtli.

Schräges Glas für 15 Franken

Im außen königsblauen und innen getäfelten Speisewagen "Gourmino" stellt Kellner Bruno ein schräges Glas auf den Tisch und antwortet auf den fragenden Blick: "Damit der Wein bei den Steigungen nicht überschwappt." Klar, dass die meisten Gäste ein solches Souvenir erwerben - für 15 Schweizer Franken, umgerechnet etwa 10 Euro.

Ganzjährig fährt der Glacier Express erst seit 1982. Damals wurde der 15,4 Kilometer lange Furka-Basis-Tunnel in Betrieb genommen. Der Durchstich sichert zwar den Betrieb des Glacier Express auch im Winter, doch mancher Bahnenthusiast muss nun auf den Blick zum Rhone- Gletscher verzichten. In privater Initiative gründeten daher Eisenbahnfreunde die Gesellschaft Dampfbahn Furka-Bergstrecke (DFB) und nahmen den Betrieb wieder auf. Seit einigen Jahren verkehren auf der Gebirgsroute zwischen Realp und Gletsch wieder von Dampfloks gezogene restaurierte Nostalgiezüge. "Wir betreiben die Strecke von Ende Juni bis Anfang Oktober", sagt Bruno Ettlin, der im Hauptberuf Arzt ist und ehrenhalber für die Furkabahn arbeitet.

Schon die Anreise ins Eisenbahnland im Süden der Schweiz kann zu einer fantastischen Panoramafahrt werden. Ausgangspunkt ist die Hauptstadt Bern. Entlang des Thuner Sees führen die Gleise dann bis Spiez. Hier zweigt die Lötschbergstrecke nach Süden ab - durch eine hochalpine Landschaft mit Tunneln und Viadukten. Die Reisenden blicken in Schluchten, in denen Ortschaften und Bahnstrecken wie aus einem Modellbaukasten anmuten. Die letzten Kilometer geben schließlich den Blick ins Rhonetal frei. Weil auf dieser Strecke ein Teil des planmäßigen Verkehrs durch die Schweiz rollt, sind dort besondere Reservierungen nicht notwendig.

Von eisigen Gipfeln zu Palmen

Am Bahnknotenpunkt Brig besteht Anschluss an den Glacier Express. Von hier bieten sich aber auch Tagesausflüge auf der Schiene an: beispielsweise über Domodossola mit der Centovalli-Bahn durch den Simplon-Tunnel nach Locarno am Lago Maggiore. Lohnend ist auch ein Abstecher nach Zermatt am Fuße des 4478 Meter hohen Matterhorns.

Noch nicht genug vom Bahnreisen? Dann ist man in Chur gerade richtig. Von der ältesten Stadt der Schweiz aus fährt täglich der Bernina Express nach Tirano in Italien. Die Entfernung beträgt nur 84 Kilometer Luftlinie, doch sind 150 Bahnkilometer für den von 1894 bis 1908 gebauten Weg an die Südseite der Alpen notwendig. Etwa vier Stunden dauert eine Fahrt. Die Höhepunkte: Bei Filisur steht der aus Steinen errichtete 130 Meter lange, 65 Meter hohe Landwasser-Viadukt, dann geht es durch das enge Tal der Abula und schließlich durch den fast sechs Kilometer langen Abula-Tunnel, dem mit einem 1823 über Meeresniveau gelegenen Scheitelpunkt höchstem Alpendurchstich.

Der Zug erklimmt anschließend scheinbar mühelos ohne Zahnradantrieb den 2253 Meter hohen Bernina-Pass und ist damit die einzige Bahnstrecke Europas, die offen über die Alpen führt. Durch die großen Fenster der Abteile sehen die Reisenden die bis in den Sommer von Schnee und Eis bedeckten Gipfel der Bernina-Gruppe. Talwärts passiert der Express den Kreisviadukt von Brusio und rollt dann gemächlich durch eine frühlingshafte, südländisch geprägte Landschaft, in der sogar Palmen gedeihen.

Bahnfahren ist auch in der Schweiz nicht billig, wenn man jede Strecke einzeln bucht. "Für Touristen bieten wir eine Reihe von Vergünstigungen", erläutert Stefanie Sattler von Schweiz Tourismus in Frankfurt/Main. "Man kann sich den Urlaub auf Schienen mit dem Swiss Travel System (STS) maßgeschneidert zusammenstellen."

Von Horst Heinz Grimm, gms