Schweiz Der Berg muht
Zwei Minuten bevor ihm der Himmel auf den Kopf fällt, hat der Wanderer die Felswand erreicht. Mit rasselndem Atem stützt er sich auf den grauen Granit und stemmt seine Stiefel ins Geröll. Schwer wie Blei erscheinen sie ihm. Rechterhand fällt der Abhang ins Gafia-Tal, links dräut der Berg. 1200 Meter Höhenunterschied sind es vom lauschigen Dorf St. Antönien bis hinauf zu den nebelverhangenen Klippen des Rätschenjochs, 600 davon hat er jetzt hinter sich. 600 Meter, die sich auf vier Kilometer Aufstieg verteilen. 600 Meter, auf denen die saftig grünen Auen zunächst von erdigen Furchen abgelöst werden und dann von schroffem Fels. 600 Meter, bei denen der Wanderer auf dem ansteigenden Pfad seine Beine bei jedem Schritt ein kleines Stückchen höher anheben muss. 600 Meter, die ihm vorkommen wie die Ewigkeit.
Die Ewigkeit endet mit einem gewaltigen Gewitterschlag. Gerade als der Wanderer den schweren Rucksack abgesetzt und den Flachmann entkorkt hat, um seinen vor Anstrengung zitternden Beinen ein Stärkungsschlückchen zu spendieren, öffnet sich die Wolkendecke für ein, zwei Sekunden und lässt eine Donnersalve hindurchschlüpfen, die sich nur deshalb aus den Weiten des grauen Alpenhimmels aufgemacht zu haben scheint, um genau in diesem Moment auf den Wandersmann niederzufahren. Trommelfelle und Beine zittern kurzzeitig im Takt, bevor der Wanderer den Schrecken und einen weiteren Schluck aus dem Fläschchen verdaut hat. Hinterher noch ein Riegel der guten Schweizer Schokolade, dann geht es weiter durch den Nieselregen. Schritt für Schritt für Schritt. Schließlich liegen nicht nur weitere 600 Höhenmeter Aufstieg, sondern auch noch 1000 Höhenmeter Abstieg vor ihm - hinten, auf der anderen Seite des Berges im Schlappintobel.
"Ja ja, das Rätschenjoch ist kein Kinderspaziergang", sagt Putzla Aeppli-Kreuzeder vier Stunden später, als sie dem Wanderer ihr hausgemachtes Rösti serviert. "Da muss man schon gut beieinander sein." Die Wirtin des "Berghaus Erika", das sich ganz hinten an die steilen Hänge des Schlappintobels schmiegt, kennt die Gipfel und Täler seit ihrer Kindheit. Wer den berühmten Walserweg geht, der die ganzen Alpen durchzieht, kommt irgendwann auch an ihrem Haus in dem kleinen Seitental des Prättigaus im Schweizer Kanton Graubünden vorbei.
Hotel wäre zu viel gesagt, Hütte zu wenig. Übernachtungsgäste schlafen zwar in holzgetäfelten Kammern unterm Dach, die Namen wie "Brunftzimmer" oder "Balzzimmer" tragen und aus ganzen Holzstämmen gezimmerte Betten bieten. Aber abends werden sie in die Familie aufgenommen und dürfen ihr Abendessen in deren Wohnzimmer genießen - einer gemütlichen, warmen Stube mit groben Holztischen unter einer niedrigen Decke, Jagdtrophäen an den Wänden und einem rustikalen Holzschild neben der Küchentür. Die Aufschrift: "Die Hausordnung". Daran aufgehängt: ein 30 Zentimeter langer Knüppel.
Der Rubel rollt im Tale
Doch der dient allenfalls der Folklore, denn friedlicher als in dieser Stube könnte es kaum zugehen - kein Wunder, wenn erschöpfte Wanderer auf Einheimische treffen, für deren Temperament der Begriff "Seelenruhe" einst erfunden worden sein könnte. Die Familie speist Brot und Käse, den Gästen bringt Putzla Rösti und Chäsgetschäder, eine Spezialität des Prättigaus: in Milch getunktes Brot, das in einer Pfanne geröstet und dann mit Bergkäse überbacken wird und viel besser schmeckt als es klingt. Zumal Putzlas fleißige Tochter dazu eine der berühmten Schweizer Calanda-Bierflaschen mit exakt 580 Milliliter Inhalt serviert. Keinen Tropfen weniger. Das ist die Schweiz. Und das ist sogar noch besser als der Schnaps vier Stunden zuvor.
Dabei hatte das Feuerwasser die härteste Etappe des Weges überhaupt erst erträglich gemacht. Wie die meisten Tourengeher hatte der Wanderer den Weg in Österreich begonnen und sich dann gen Süden vorgekämpft: nach der Ankunft im Montafoner Tschagguns mit der Bergbahn hinauf zur Golmalpe und den von Rindviechern umgepflügten Hang des Gauer Tals entlang zur Lindauer Hütte. Dort in 1744 Metern Höhe die erste Bergnacht.
Am folgenden Tag ging's hinauf zum sagenumwobenen Drusentor einer Felsspalte, die so schaurig schön im Grat klafft, dass die Phantasie des Wanderers sogleich zu jenen Berggeistern schweifte, die hier des Nachts ihr Unwesen treiben mögen. Weiter dann zur Carschina-Hütte, die mutterseelenallein auf einem Felsplateau über die Gipfelwelt wacht. Gern schenkte der Wanderer sein Ohr dem schnauzbärtigen Hüttenwart, der ihm den Klatsch und Tratsch aus Klosters einschenkte, dem Ort unten im Tal, wo "reiche Russen große Geschäfte machen." Von Immobilien war die Rede und von Einheimischen, die staunend dem hemdsärmeligen Investitionseifer der Osteuropäer weichen. Der Rubel rollt im Tale. Aber auch hier droben auf der Hütte läuft es rund natürlich in bescheidenerem Umfang. "4000 Übernachtungen jährlich!" frohlockt der Hüttenwart. " 's ischt enorm!"
Doch bei dem Wetter in diesen Tagen war von solchen Heerscharen weit und breit nichts zu sehen: Auf den Pfaden zwischen Stein- und Wolkenbergen hastete allenfalls ein Murmeltier zurück in seinen Bau, wenn der Wanderer seinen Weg kreuzte. Der Abstieg über grüne Auen nach Partnun wurde versüßt durch die Vorfreude auf ein weiches Bett im Hotel "Madrisajoch" in St. Antönien.
Der folgende Tag stand dann im Zeichen der Überwindung des Rätschenjochs, eines Grats wie einer zerklüfteten Mauer, an der sich allenfalls ein paar Disteln und der eine oder andere Enzian wohl fühlen mögen. Von droben erschienen die umwölkten Alpengipfel wie Schokoladenflocken in einem Meer aus Sahne: grandios und Appetit machend auf mehr. Wer sich einmal in die Graubündner Alpen verliebt hat, wird immer wiederkommen und sich auch von einem garstigen Dauernieselregen nicht verdrießen lassen.
Derart in seinen Überzeugungen bestärkt, war der Wanderer ins Schlappintobel hinab gestiegen, vorsichtig seine Schritte auf glitschige Steine und vollgesogenes Gras setzend.
Und plötzlich stand dort zwischen zwei urzeitlich anmutenden Felsbrocken eine Kuh und grüßte freundlich durch den Regen herüber: ein Nicken mit dem gehörnten Haupt, ein adretter Augenaufschlag und dann ein aufmunterndes, aus dem tiefsten Innern ihrer Kuhseele hervorrollendes Muhen, das über den Berghang dröhnte, von den Felsen zurückgeworfen wurde und für einen Augenblick die kalte Luft erbeben ließ. Der Berg muht.
"Ja, ja, 's ischt enorm", sagt Putzla später, als sie dem Wanderer zum Nachtisch ein Stück ihres köstlichen Apfelkuchens bringt. "Der Berg lebt." Und weil er lebt, kann er auch mal wütend werden. So wie vor einem Jahr, als Putzla und ihrem Mann Hans zwar nicht der Himmel, aber der Berg auf den Kopf fiel. "Das war am 25. Juni", erinnert sich Putzla. "Wir hatten schon wochenlang auf Regen gewartet. An diesem Tag begann es um elf Uhr endlich leicht zu nieseln. Um vier Uhr goss es wie aus Kübeln. Und zehn Minuten später kam der Berg."
Bilder der Sintflut
Direkt neben dem Haus brandete eine Schlammlawine zu Tale, riss Wiese, Bäume und Gartenmöbel mit sich, schleuderte Geröll aufs Hausdach. Und hinterließ ein Schlachtfeld. Wäre sie einige Meter weiter links hinuntergedonnert wer weiß, ob es das "Berghaus Erika" jetzt noch gäbe. Fotos von damals erinnern an die Sintflut. Doch mitten im Matsch, Dreck und Wasser tropfte an ihrer Holzstange die Schweizer Flagge. "Noch am selben Abend haben wir mit den Aufräumarbeiten begonnen", sagt Putzla und streicht über die blitzsaubere Tischplatte. Das ist die Schweiz. 's ischt enorm.
Bei so viel Tatkraft mag der Wanderer nicht hintanstehen und schnallt am nächsten Tag in aller Herrgottsfrühe den Rucksack auf. Schließlich liegen auf dem Weg über Klosters, Grüensee und Strassberg nach Langwies noch so einige Aufstiege vor ihm. Der Schokoladenvorrat ist frisch aufgefüllt, die Stiefel sind fest geschnürt. Putzla steht in der Tür ihres Hauses und ruft dem Wanderer das Motto des "Berghaus Erika" hinterher: "Seid ihr fröhlich, frisch und munter, kommt ihr rauf und geht nicht mehr runter."