Schweiz Vornehm diskretes Gstaad
Wer einen Einwohner des Ferienortes im Berner Oberland ärgern möchte, spricht ihn auf die vermeintliche Konkurrenz zu St. Moritz an. Den Rummel, den die Schickeria dort inszeniert, findet man in Gstaad eher peinlich. Je weniger Aufhebens einer von sich macht, desto wichtiger ist er im Zweifelsfall, lautet hier die Devise.
Diskret geht Gstaad auch mit dem Vermächtnis eines großen Mannes um. Bescheiden und familiär sollte es sein, das Menuhin Festival. Ein Treffen mit Freunden und Gleichgesinnten, inspiriert durch die Schönheit der sommerlichen Natur.
Und diesen Prinzipien ist das Musikfest bis heute treu geblieben, auch wenn sich die Zahl der Termine auf mehr als 40 erhöht hat. Die meisten Veranstaltungen finden im intimen Rahmen statt, etwa in der St.-Nikolaus-Kapelle von Gstaad oder in der alten Kirche im benachbarten Saanen. Rund 15.000 Besucher werden zum diesjährigen Festival vom 19. Juli bis 7. September erwartet.
Zu mehr als 90 Prozent kamen sie in der Vergangenheit aus der Schweiz. Für Werbung über die Grenzen hinweg sind die Organisatoren zu diskret. Dabei haben sich mit dem Cellisten Heinrich Schiff, der Violinistin Viktoria Mullova sowie den Dirigenten Wladimir Askenazy und Zubin Mehta auch in diesem Jahr wieder klangvolle Namen angekündigt.
Die meisten Besucher sind Stammgäste und haben den 1999 in Berlin verstorbenen Meister noch persönlich mit der Geige oder am Dirigentenpult erlebt. Was sie und die ganze Welt an Menuhin faszinierte, war weniger musikalische Perfektion als seine Aura unbeirrbarer Menschenfreundlichkeit. Ihr lässt sich in seiner Wahlheimat auch abseits des Festivals nachspüren.
Vor drei Jahren wurde zwischen der Kapelle in Gstaad und der Kirche von Saanen der so genannte Yehudi-Menuhin-Philosophenweg angelegt. Sein Name ist doppelt zu verstehen: Zum einen fördert der rund einstündige Spaziergang entlang des Flüsschens Saane die Gedankentiefe schon von ganz allein. Zum anderen lassen Schautafeln am Wegesrand den Wanderer an Überlegungen Menuhins teilhaben.
Die Erkenntnisse sind nicht immer weltbewegend, aber von jener erleuchteten Schlichtheit, die Menuhin auszeichnete: "Eine Gesellschaft kann ohne ihre Träumer nicht frei sein", ist dort etwa zu lesen - eine Mitteilung, die auch in eigener Sache gemeint gewesen sein dürfte.
In einem Gebäude auf halber Strecke wurde ein Yehudi-Menuhin-Raum eingerichtet, in dem Fotos, Schriften und ein Videofilm vom Schaffen des Kosmopoliten zeugen. Wer noch nicht viel über Menuhin wusste, bekommt hier eine Ahnung, dass sein humanistisches Engagement auch als Reaktion auf seine schwierige Vergangenheit als Wunderkind zu verstehen war. Dass die Ausstellung im Behinderten-Wohnheim "Alpenruhe" untergebracht ist, wirkt auf Außenstehende skurril. Man wollte den Personenkult offenbar nicht übertreiben, schließlich ist in Saanen schon ein kleiner Platz mit Büste nach Menuhin benannt.
Auch von dynastischen Bestrebungen hält man nicht viel. So sitzt Jeremy Menuhin, Pianist und Sohn des Meisters, zwar im Verwaltungsrat des Festivals und ist auch regelmäßig in Konzerten zu hören. Seine Versuche, die Leitung zu übernehmen, schlugen aber bisher fehl.
Eine leise Kritik mag er sich denn auch nicht verkneifen: Sieben Wochen seien zu lang für das Festival, das anfangs gerade aus zwei Konzerten bestand. Aber die Gstaader sind bei aller Diskretion eben auch Geschäftsleute, die ihre Hotels füllen müssen. Zum Festival werden Pauschalpakete angeboten, die außer Übernachtungen und Konzertkarten auch Vitalmassagen, River-Rafting oder Kräuterexkursionen umfassen. Immerhin ist es mit Hilfe des Festivals und des vorausgehenden ATP-Tennisturniers "Swiss Open" gelungen, das touristische Kräfteverhältnis von Sommer und Winter annähernd auszugleichen.