Schweizer Bahnabenteuer: Gedanken in Fahrt - DER SPIEGEL
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Schweizer Bahnabenteuer Gedanken in Fahrt

Kristallklare Bergseen funkeln in der Sonne, saftige grüne Wiesen und dunkle Wälder ziehen am Zugfenster vorbei. Eine Fahrt mit der Bahn durch die Schweizer Bergwelt ist Entschleunigung pur. Historische Züge entführen ihre Fahrgäste zu einer Zeitreise in die dreißiger Jahre.
Von Andrea Lammert
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Gemächlich schnauft die Bahn durch die Schweizer Bergwelt, vorbei an Häusern mit grünen Fensterläden vor den Sprossenfenstern. Die Waggons rumpeln durch bunt blühende Bergwiesen und Lärchenwälder, passieren Brücken in schwindelerregender Höhe und rauschende Wasserfälle.

Der Golden Mountain Pullman Express ist eine einzige Zeitreise in die dreißiger Jahre: dunkelgrüne Sitze, die an Plüschsessel erinnern, Intarsien auf dunkelbraunem Mahagoniholz und gedämpftes Licht aus Jugendstillampen. Gebaut für den Hochadel und den damaligen Jet-Set, verbindet der Luxuszug im Stil des Orientexpresses die Städte Montreux und Zweisimmen östlich des Genfer Sees und passiert prominente Orte wie etwa Gstaad.

Luxuszüge wie der Pullman Express machen das Bahnfahren in der Schweiz zum Abenteuer. Im Land der Berge und der Heidi-Romantik ist der Zug mehr als nur ein alternatives Verkehrsmittel zum Auto. Jenseits der Schnellverbindungen zwischen den großen Städten gibt es zahlreiche Wege, die Bergwelt auf Schienen zu entdecken.

Abenteuer auf Schienen

Eine der Bahngesellschaften ist das Unternehmen Golden Pass. Guido Jacopino ist dort Reisebegleiter. "Bahnfahren liegt bei uns total im Trend. Vor allem bei den Studenten - sie setzen sich in die Züge, einfach nur um zu lernen", sagt er. Auch manche Manager treffen sich im Zug mit ihren Geschäftspartnern zu Gesprächen. Es lockert die Atmosphäre auf, aus dem Zugfenster kristallklare Bergseen und saftige Wiesen an sich vorbeiziehen zu lassen.

Ein Student sitzt im Golden Pass  zwischen Interlaken und Luzern. Er entwirft in seinem Laptop ein Haus. Zeichnet hier eine dünne Linie, setzt da eine Tür ein. "In die Weite blicken statt gegen die nächste Wand macht einen offen für neue Gedanken", findet er. Auf seiner Tour verbindet er das Angenehme mit dem Nützlichen - er ist auf dem Weg zu seinen Eltern und nutzt die Fahrzeit für eine Hausarbeit.

Schokolade und Käse

Über die Panorama-Fahrten hinaus können Urlauber auch in Themen bezogene Sonderzüge zusteigen, wie etwa in den Schokoladezug. "Dieser Sonderzug ist vor allem beliebt bei amerikanischen, indischen und japanischen Touristen", sagt Jean-François Moreford, Sprecher der Zuggesellschaft Golden Pass. Kein Wunder, vereint er doch die beiden bekanntesten Exportartikel der Schweiz: Käse und Schokolade. In Luxuswaggons und Panoramawagen rollen die Fahrgäste von Montreux aus zur Schokoladenfabrik von Cailler-Nestlé sowie in eine Käserei. Die Verköstigung während der Fahrt gehört dazu.

Überhaupt ist das Angebot sehenswerter Schweizer Strecken groß - auch jenseits dieser eher touristischen Routen: von der kleinen Polybahn in Zürich, die vom Ufer des Zürcher Sees zur Universität hochächzt, über den berühmten knallroten Glacier-Express  bis hin zum Mont Blanc Express mit seiner kühnen Streckenführung durch wilde Schluchten. Während alte Bahnen in Deutschland ein Symbol für quälende Langsamkeit sind, nehmen die Reisenden es in der Schweiz als ein Stück Nostalgie. "Die Kinder genießen es, hier mal die Fenster aufschieben zu dürfen und in den Tunneln rauszubrüllen", meint Zugbegleiter Jacopino. Moderner Komfort bleibt allerdings auf der Strecke - Klimaanlagen gibt es nicht, und so wird es in den Waggons im Sommer hübsch warm.

Ein Fest für die Augen

Jacopino kennt jeden Gleiskilometer der Schweiz in- und auswendig. Er fährt am liebsten mit dem Golden Pass von Luzern nach Interlaken: "Das ist hier eine der schönsten Strecken unseres Landes", findet der Schaffner und genießt derweil den Ausblick auf den Brienzer See. Hier ist die Schweizer Klischeelandschaft: Wie ein Edelstein glitzert das türkisgrüne Wasser, dahinter erheben sich steile Berghänge mit schneebestäubten Gipfeln. "Besonders im Frühling und im Herbst, wenn die Natur in vollster Pracht steht, ist diese Strecke ein Fest für die Augen."

Jacopino zeigt aus dem Fenster. Brienz ist nicht nur Stadt der Schnitzkunst und des Geigenbaus, erzählt er. Die Stadt rühmt sich mit der Brunngasse als schönster Gasse Europas. Obendrein hat Brienz auch Fußballgeschichte geschrieben. "Die deutsche Nationalmannschaft war hier 1954 im Grand Hotel Giessbach untergebracht, als sie das Wunder von Bern erlebt hat." Damals sei das Hotel nur per Schiff oder Bahn über den See erreichbar gewesen. Idyllisch und abgeschieden liegt der hundert Jahre alte Prachtbau heute noch, hoch über dem See, nahe den in 500 Meter Tiefe fallenden Giessbachwasserfällen. Das Hotel ist mit einer historischen Standseilbahn zu erreichen.

Die älteste Dampfzahnradbahn der Schweiz ist nur wenige Kilometer weiter am Rothorn zu bestaunen: Die Brienz-Rothorn-Bahn  überwindet seit mehr als 110 Jahren die 1678 Meter bis zum Rothorn-Gipfel. "Sollte man unbedingt gesehen haben, wenn man schon in der Nähe ist", rät Zugbegleiter Jacopino. Und natürlich gehört auch die Jungfraubahn zum Pflichtprogramm. Sie führt durch ein Meer aus Eisgletschern auf die höchstgelegene Bahnstation Europas: Die Fahrt zum 3454 Meter hohen Jungfraujoch eröffnet ihren Fahrgästen Panoramablicke, die sie sonst nur beim Wandern finden.

Gotthardbahn droht das Aus

Neben der Jungfraubahn  zählt die Gotthardbahn zu den Attraktionen für Bahnfans in der Schweiz. Allerdings nicht mehr lange: Bald wird eine neue Strecke durch die Berge gebaut. Auch ein Grund die Bahn unbedingt bald auszuprobieren, wie Jacopino findet: "Im Jahre 2014 wird sie abgelöst von einer modernen Bahn, die mit Riesengeschwindigkeit fährt. Das geht zwar schnell, aber man sieht dann auch kaum noch etwas, weil sie nur noch durch Tunnel fährt."

Die Bahn durch das Gotthardmassiv ist zwar alt, aber dennoch auf neuem Stand der Technik: "Viele unserer Zahnradbahnen würde man heute noch genauso bauen wie vor hundert Jahren. Denn um die Höhenunterschiede zu überwinden, geht es gar nicht anders", sagt der Bahnexperte.

Ein Paradebeispiel dafür ist der moderne Panorama-Zug der Golden-Pass-Linie. Er überwindet bis zu zwölf Prozent Steigung, wenn er von Luzern nach Interlaken fährt. In Meiringen muss er sich kräftig mühen – er überwindet einen Höhenunterschied von 600 Meter. Mit quietschenden Zahnrädern verringert die Bahn ihr Tempo auf 30 km/h beim Aufstieg. "Das Schwierigste ist der Abstieg", erklärt Jacopino. Dann schleicht der Zug mit 19,5 km/h die Strecke sicher hinab.

In Interlaken wechselt er die Spurbreite, denn auf der Ebene geht’s auf Normalspur weiter, bis nach Zweisimmen. Am dortigen Bahnhof wartet der Nostalgiezug am Bahnhof: Der Pullman-Express mit seinen Plüschsesseln und seinen altmodischen Toiletten. Wo manchmal in den Tunneln das Licht ausfällt und die Abteile ins Nachtdunkel versetzt. Ganz wie in der guten alten Zeit eben.

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