Schweizer Frühlingsskigebiete: Wellness im Gletschereis - DER SPIEGEL
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Schweizer Frühlingsskigebiete Wellness im Gletschereis

Leere Pisten, entspanntes Wedeln: Einige Schweizer Skiorte bieten gerade zum Ende der Saison ein besonderes Pistenvergnügen ohne Massentourismus. Wenn der Schnee am Nachmittag schwer wird, legt man sich einfach in die Sonne - oder in den Open-Air-Whirlpool.
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Schweiz: Skitipps für die Nachsaison

Foto: TMN

Engelberg/Saas-Fee - Bis zu drei Kilometer über dem Meer: So hoch liegen viele Skigebiete in der Schweiz. In Grimentz im Wallis zum Beispiel oder in Avers, Pontresina und Sils in Graubünden dauert die Skisaison deshalb oft bis weit in den April hinein. Zu den Regionen mit langem Liftbetrieb gehören auch Les Diablerets im Genferseegebiet, Engelberg in der Zentralschweiz und das autofreie Saas-Fee im Wallis. Wer in den Weihnachtsferien keinen Urlaub nehmen konnte, hat also bis nach Ostern dort eine Ski-Chance. Am Saisonende sind die Temperaturen meist höher als am Jahresanfang, und der Schnee wird am Nachmittag schwer. Dafür sind aber auch die Pisten oft leer.

In Les Diablerets stehen Skiurlaubern 125 Pistenkilometer und 36 Liftanlagen zur Verfügung. In den Ort zu kommen, kann mit einer abenteuerlichen Zugfahrt von Aigle durch das Tal der Ormonts im Genferseegebiet verbunden sein. Es geht direkt an Felswänden vorbei, über Schluchten und Bäche bis zu dem Bergdorf mit 1400 Einwohnern.

Die Chalets im traditionellen Holzbaustil breiten sich weitläufig am Fuße des Diablerets-Massivs aus. "Wir sind ein ruhiger Ort ohne Fünf-Sterne-Hotels", sagt Myriam Degallier vom Tourismusbüro. "Das Schickimicki-Publikum geht eher ins nahe Gstaad oder nach Villars."

Schnee wie Klebstoff

Mancher würde da von einem Geheimtipp sprechen. Drei kleinere Skigebiete in einer Höhenlage von 1200 bis 3000 Metern stehen in Les Diablerets zur Auswahl: Isenau, Meilleret und Glacier 3000. Vor allem Anfänger und Familien klettern in die roten, eiförmigen Gondeln der nostalgischen Bahn des Skigebiets Isenau. Die übersichtlichen, leichten Pisten liegen den ganzen Tag in der Sonne. Daher wird im Frühjahr der Schnee nachmittags oft sulzig. Wie Klebstoff hängt er an den Skiern. Dann heißt es: vormittags fahren und nachmittags sonnen.

Das auf 3000 Metern gelegene Gletschergebiet Glacier 3000 ist per Seilbahn erreichbar - sofern das Wetter es zulässt. Der Architekt Mario Botta hat in der luftigen Höhe ein Berglokal steil am Felsen gebaut. Die Pisten dort zählen zu den höchstgelegenen in der Schweiz.

Sie sind überwiegend blau markiert, also eher einfach zu fahren. Die zehn Kilometer lange Abfahrt "Combe d'Audon" sollten aber nur Könner wagen - sie gilt als Herausforderung an Technik und Kondition.

"Les Diablerets hat eine lange Tradition im Skisport", sagt Christian Reber, der eine Art historische Dorfzeitung herausgibt. Mehr als 5000 Schwarzweiß-Postkarten und Fotos vom Wintersport der frühen Jahre hat er zusammengetragen. Sie zeigen Schlittenfahrten, Abfahrtsrennen und Skispringen. Auf den Fotos um 1900 tragen die Damen noch Hut und Rock zum Skilaufen. Reber selbst geht am liebsten ins Gebiet Meilleret: "Die Pisten sind da schön lang und breit", sagt er. Direkt vom Dorf führt der Sessellift auf fast 2000 Meter Höhe. Von dort gleiten die Skifahrer durch den Nadelwald den Berg hinab.

In leichten Turnschuhen zum Gipfel

Bekannter als Les Diablerets ist Engelberg in der Zentralschweiz. Das Skigebiet Engelberg-Titlis erstreckt sich auf hier einer Höhe von 1050 bis 3020 Meter und bietet dabei 82 Pistenkilometer.

Eine runde Gondel der Rotair-Seilbahn schwebt über den Gletscher den Klein-Titlis hinauf und dreht sich dabei: "Ah" und "Oh" und viel Kameraklicken sind zu hören, neben den Wintersportlern drängen sich auch Touristen aus Asien. Inder und Chinesen wollen fürs Foto auf den Gipfel, manche barfuß in Sandalen, in leichten Turnschuhen oder ganz schick mit Handtasche. Einige sehen den ersten Schnee in ihrem Leben.

Die sportlichen Skiläufer von Engelberg lässt das kalt. Sie konzentrieren sich auf die steilen, anspruchsvollen Pisten. Direkt unterhalb des Titlis-Gipfels carven sie über Gletschereis. Bis weit in den Mai hinein können Ski-Enthusiasten hier fahren. Selbst die zwölf Kilometer lange Talabfahrt mit 2000 Höhenmeter Unterschied ist dank der künstlichen Beschneiung bis Ostern geöffnet.

Vom "Ice-Flyer", wie der Sessellift über dem Steinberg-Gletscher genannt wird, sind unzählige Spuren im Tiefschnee zu sehen. Engelberg ist sehr beliebt bei Freeridern, denen die planierten Pisten längst zu langweilig sind. "An manchen Tagen kommen schon mehr Tiefschnee- als Pistenfahrer", stellt Bergführer Oliver Lustenberger fest. Denn in Engelberg muss man nicht erst lange Skitouren bewältigen, um weite Felder für das Variantenfahren zu erreichen. Ein Spaß ohne Risiko ist das allerdings nicht - mancher Rider stürzt in eine Gletscherspalte.

Auf einen Drink ins Igludorf

Es gibt eine Brotzeit in der Skihütte bei der "Station Stand" auf 2450 Metern Höhe. Das rustikale Berglokal wurde erst 2008 eröffnet, doch erinnert es mit seinen Holzwänden und Kachelöfen mehr an urige Hütten im alten Stil. Eine coolere Variante der Pause ist ein Drink im Igludorf, nahe der Station am zugefrorenen Trübsee. Die Skifahrer stehen hier in einem zeltartigen Raum ganz aus Schnee an der Eisbar.

Im Schneehotel, das von außen wie ein großer Schneehaufen aussieht, lässt sich auch übernachten - mit einem Käsefondue zum Abendessen. Nachts mummeln sich die Gäste dann allein oder zu zweit, manch einer mit Mütze, in den Schlafsack. In den Iglu-artigen kleinen Schneezimmern erleben sie die Stille und die Dunkelheit des Eises. Kein Laut, kein Lichtstrahl dringt durch die dicke Schneemauer.

Ein drittes Skigebiet mit langer Saison ist Saas-Fee im Kanton Wallis - ein eher ruhiger Ort. Hier gibt es 22 Liftanlagen, 100 Pistenkilometer in Höhen zwischen 1483 und 3600 Meter und einen Freestylepark für Snowboard- und Skifahrer. Vor Freeriding abseits der Pisten wird wegen der Gefahr von Gletscherspalten gewarnt.

Am Morgen trägt Anja Roy ihre Ski zur Talstation des "Alpin Express". Das Bergdorf Saas-Fee, in das es die Kölnerin verschlagen hat, liegt auf einem Hochplateau am Fuße des Feegletschers, und für die letzte Etappe auf den Berg nimmt Anja die "Metro", eine unterirdische Standseilbahn. Sie wurde durch einen schrägen Stollen ins Bergmassiv gehauen. Endstation ist der Allalin auf 3500 Metern.

Kaffee mit Dom-Blick

Mit einem Blick auf einen der höchsten Berge der Schweiz, den 4545 Meter hohen Dom, bestellen sich Snowboard-Fahrer gerade einen Kaffee im Drehrestaurant "Top". Eine Stunde dauert ein 360-Grad-Umlauf. Die Panoramafenster geben hier eine freie Sicht auf 13 Viertausender.

"Diese außergewöhnliche Höhe ermöglicht das Skifahren bis weit ins Frühjahr und sogar in den Sommer hinein", sagt Anja Roy. Doch manchmal sind - wie an diesem Tag - die hochgelegenen Abfahrten des Skigebietes gesperrt. Zu stark pfeift der Wind. Deshalb drängen die Besucher in die Gletschergrotte: Gänge aus Eis und Räume mit Eisskulpturen bilden einen großen Pavillon mitten im Gletscher.

Rund um die Mittelstation Felskinn ist es weniger windig. Dort tummeln sich die Ski-, Snowboard- und Telemarkfahrer vor allem auf roten, also mittelschweren Pisten. Anfänger sind auf den steileren Hängen kaum zu erkennen. Ob Längfluh oder Spielboden: Stets haben die Wintersportler die nahen Gletscher im Visier. Doch auch in Saas-Fee schrumpfen die Eismassen. Gut einen Meter im Jahr ziehen sich die Gletscher nach oben zurück.

In der Sonne sind die Außenterrassen der Berglokale schnell gefüllt. Von Helm, Schal und Skijacke entzwiebelt, ruhen die Gäste in Liegestühlen oder sogar Strandkörben. Doch Anja nimmt auch gerne die Gondel auf den Plattjen und fährt mit den Skiern zum "Berghaus", dem ältesten Gasthaus im Skigebiet. Es wurde vom Schweizer Künstler Heinz Julen neu ausgestattet.

Bei der Talabfahrt vom Plattjen wird die Baumgrenze passiert. Dann zieht sich diese leichtere Piste durch den verschneiten Wald bis zum Dorf, wo ein Hundeschlitten vorbeijagt. Dominik Bütikofer hat mit seinen Huskys "Tina", "Duke" und "Chey" zwei Touristen an Bord.

Saas-Fee ist froh, ein Ort ohne Autos zu sein. Entsprechend ruhig ist es. Die Elektrofahrzeuge für den Gepäcktransport müssen sich sogar mit einem Glöckchen bemerkbar machen. Die Gletscher im Blick, flanieren die Gäste ungehindert durch das dicht bebaute Dorf, und aus manchem alten Gemäuer duftet es noch nach Schafstall.

Daniela David, dpa