Schwules Brighton Karaoke mit Drag Queen
Es ist "Pride-Time" in Brighton. In dem verwinkelten Pub "Queen's Arms" ist gerade noch ein schlechter Stehplatz zu bekommen. Auf einer kleinen Bühne stehen zwei englische Ladys mit ziemlich männlichen Stimmen. Beide sehen sehr nach Las Vegas aus und haben mit Berliner Drag Queens optisch nicht viel gemein. Ihr zotiger Humor ist allerdings nicht so verschieden - wenn man denn die Witze versteht.
Die "queere" Szene von Brighton, nur 60 Zugminuten von London entfernt, bietet das ganze Jahr über am Wochenende für zahlreiche Schwule und Lesben aus der Hauptstadt beste Ausgehmöglichkeiten. Zudem feiert sich die Community - zu denen offiziell und wegen ähnlich empfundener gesellschaftlicher Situation auch alle bisexuellen Erdenbürger und Transgender gehören - zweimal im Jahr selbst: seit 1992 mit dem "Summer Pride" und aufgrund des großen Erfolgs seit vier Jahren auch mit dem "Winter Pride" im März.
Nicht nur Drag Queens mit Namen wie Mis Hap, Lola Lasagne und Betty Swollocks drängen dann auf die kleinen Bühnen der Pubs. Sondern auch so ziemlich jeder Gast versucht sich als Selbstdarsteller auf den Karaoke-Bühnen. Unter den Teilnehmern finden sich erstaunlich viele echte Talente, aber auch mutige Jauler, die freundlich beklatscht werden. Eben noch schmettert eine Unbekannte den Amy-Winehouse-Hit "Valerie" auf gehobenem "Britain's Got Talent"-Niveau, dann folgt der Untergang der "Titanic" mit "My heart will go on", von einem enthusiastischen Mann voller Tätowierungen gesungen.
"It's just a bit of fun", so der tolerante Kommentar von Pete aus Manchester, der mit seinem Partner Chris regelmäßig zum Pride kommt und Angst hat, aus einer Laune heraus selbst mal auf der Bühne zu landen. Die Einheimischen erleben beide als "sehr, sehr freundlich und zuvorkommend". Dass dieser zutiefst britische Höflichkeitskodex auch dann aufrechterhalten wird, wenn ein Teil der Gesellschaft die Stadt auf den Kopf stellt, ist um nichts weniger britisch und stimmt fröhlich.
Andreas aus Hamburg hat miterlebt, wie der ehemals kleine Brightoner Pride der Neunziger zu dem Riesen-Event wurde, das er heute ist. Die Stimmung findet der extrovertierte Mittvierziger ausgelassener als daheim - und kommt daher gern wieder. Nicht zuletzt wegen der Karaoke-Abende, deren entspannte und "trashige" Stimmung er genießt.
Chinesisches Lustschlösschen von Prinny
Brighton & Hove, so der offizielle Name der Doppelstadt, ist die queeren Bürger und Besucher gewohnt: Sie besitzt den statistisch größten Anteil offen schwul-lesbisch lebender Einwohner und Einwohnerinnen in Großbritannien. Und die prägen ein eigenes Stadtviertel, Kemp Town - und zwar in bester Lage, oberhalb der Küstenstraße Marine Parade. Den Royal Pavilion im Rücken geht man durch die St. James's Street und hat die Wahl: Restaurants, Bars, Pubs und einschlägige Geschäfte sind in Brightons "Gay Village" alle nah beieinander. Ist das "Star Inn" wegen Überfüllung geschlossen, geht's halt weiter zur "Marine Tavern" oder ins "Queen's Arms".
Spaßiges Leben hat in Brighton eine 200-jährige Tradition. Sind es heute oft die Schwulen, die Trends setzen, war einst ein heterosexueller Royal Stammvater des "easy way of life". Um 1800 lebte Prinzregent und Bigamist George (Spitzname Prinny) hier seinen Traum von Bigamie mit einer Bürgerlichen katholischen Glaubens. Dazu ließ er sich mitten in Brighton den berühmten Royal Pavilion bauen, ein chinesisch eingerichtetes Lust- und Protzschlösschen.
Prinnys prüde Nachfolgerin Queen Victoria verlegte ihren Sommersitz auf die züchtige kreideweiße Insel Wight vor der südenglischen Küste. Später kam in Brighton noch eine kilometerlange Kiesstrand-Promenade, der 550 Meter ins Meer ragende Palace-Pier (heute ein Rummelplatz auf Stelzen) und ein London-ähnliches Viertel namens The Lanes hinzu.
Zum Summer Pride 2008 war die Stadt so angefüllt mit Mitgliedern der Community, dass sie "wall to wall" voller schwuler Männer war, wie Pete sagt. Darunter auch viele Deutsche und Franzosen. Die Hotels der Stadt waren ausgebucht, die Kanadierin k. d. lang reiste für ein Konzert an. Aus den Fenstern der Häuser hingen massenweise Regenbogenflaggen, die seit Jahren das internationale Symbol der Szene sind. Schon am Ortseingang wurden die Autofahrer auf Verkehrssperrungen zur großen Straßenparade hingewiesen.
Schon um 22 Uhr in der Small-Talk-Sackgasse
Das Winterfestival, in diesem Jahr vom 7. bis zum 15. März, muss zwar klimabedingt ohne Parade auskommen, bietet aber eine Woche lang zahlreiche Veranstaltungen. Höhepunkt sind Travestie-Shows und die von Drag Queens moderierten Karaoke-Abende.
Daneben gibt es Quiz-Nights, Bingo-Abende und das normale Ausgehprogramm in den Pubs der Stadt. Sogar ein Nacktschwimmen an Brightons "Nudist Beach" ist trotz Winterkälte geplant. Und es wäre nicht Großbritannien, würde nicht der Wohltätigkeitsgedanke die Veranstaltung prägen. Statt Eintrittsgelder erwarten die Organisatoren häufig eine Spende in die Pride-Büchse. Mit dem Geld werden Projekte der Community unterstützt.
Zu Zeiten der "Prides" in Brighton sollte man das abendliche Flirten im queeren Stadtviertel nicht zu spät beginnen. Axel, 39 Jahre alt und Tourguide aus Berlin, war im vergangenen Sommer mit einer Reisegruppe hier. Abends versteckt er sich gern im Club "Bulldog" vor seinen Gästen. Dass hier attraktive Männer um 22 Uhr schon so blau sind wie die deutschen daheim um 3 Uhr morgens, ist allerdings ein Hindernis, sagt er: "Flirte mal mit einem Betrunkenen! Small Talks führen da gerne in gesprächstechnische Sackgassen."