Sensible Kreideküste Rügen bröckelt
Sassnitz - Das Tauwetter der vergangenen Tage führt an Rügens Kreideküste wieder zu massiven Abbrüchen. Am vergangenen Wochenende seien in der Nähe von Sassnitz mehrere hundert Kubikmeter Kreidegeröll aus dem Kliff gebrochen, teilte das Nationalparkamt Vorpommern mit. Darüber hinaus gebe es eine Vielzahl kleinerer Erdrutsche. "Nicht nur an der Kreideküste, sondern an allen Kliffs der Ostsee, die höher als ein Mensch sind, droht Gefahr", sagte Manfred Kutscher vom Nationalparkamt Rügen in Sassnitz der Nachrichtenagentur AP.
Während der Frostperiode sei das Wasser in der Kreide gefroren und habe dabei zu gefährlichen Rissen in der Wand geführt. Mit dem Einsetzen des Tauwetters drohten die tonnenschweren Gesteinsmassen abzubrechen. Vor fast einem Jahr war auf diese Weise an der Kreideküste ein beträchtlicher Teil der so genannten Wissower Klinken abgebrochen. Damals waren rund 50.000 Tonnen Kreide in die Tiefe gestürzt.
Kurz darauf war an der Steilküste bei Göhren eine 27-jährige Berlinerin von herabstürzenden Lehm- und Sandmassen erschlagen worden. Vier Wochen später war es bei Lohme zu einem großflächigen Erdrutsch gekommen. Seitdem droht ein inzwischen gesperrtes Diakonieheim auf den 20 Meter tiefer liegenden Strand abzustürzen. Die Strände zu sperren, hält Kutscher jedoch für ungeeignet. Aber gerade Touristen müssten regelmäßig gewarnt werden.
Die alljährliche Aufregung um die Abbrüche an Rügens Steilufern sieht Kutscher gelassen: "Es handelt sich um ganz natürliche Prozesse mit versickerndem oder abfließendem Niederschlag, Spaltenfrost und Wellenschlag." Auch am Königstuhl, der mit 118 Metern höchsten Kreideklippe, komme es zu Erosionen, betonte er. Die Kreideblöcke reichen allerdings unter dem Waldboden kilometerweit ins Inselinnere und es werde noch Jahrtausende dauern, ehe die weißen Felsen ganz vom Meer verschluckt seien.
abl/AFP/AP