Sestriere Wedeln mit Olympioniken
Sestrière - Die alpinen Austragungsorte der XX. Olympischen Winterspiele (10. bis 26. Februar) sind ein Paradies für sportliche Skifahrer ebenso wie für Gourmets. Wer allerdings Schweizer Gemütlichkeit oder österreichischen Hüttenzauber sucht, für den lohnt sich der weite Weg in die westlichen Alpen nach Sestrière nicht.
Im Alpinzentrum der Winterspiele ist die Nähe zu Frankreich unübersehbar. Die Fiat-Dynastie der Agnellis hat den Retortenort in den dreißiger Jahren auf eine Passhöhe betoniert, über die einst Hannibal mit seinen Elefanten gegen Rom zog. Die Agnellis machten Sestrière bald zum Wintersport-Mekka der Turiner Gesellschaft. Wer in der piemontesischen Metropole etwas auf sich hält, besitzt hier ein Wochenend-Domizil. Freitagabends wälzt sich die Blechlawine rund 100 Kilometer die Täler hinauf. Am Sonntag trifft man sich wieder im Stau bergab. Die Woche über fällt Sestrière in einen Dornröschenschlaf.
Sestriere: Winterort mit Weltcup-Geschichte
Die mächtigen Hoteltürme am Ortseingang sind Geschmacksache. Seit Jahren sind sie das Wahrzeichen Sestrières und dienen nun bald den 1700 Athleten und Betreuern als Olympisches Dorf. Architektonisch erinnert Sestrière an französische Ski-Orte - die Ski-Arena aber ist typisch italienisch: Eine lange Promenade, auf der die Damen schon am frühen Nachmittag ihre Pelzmäntel ausführen, grenzt direkt an eine sanft auslaufende Skiwiese. Hier lernen die Bambini die ersten Schwünge, während ihre Eltern an einer der langen Bar-Theken den Ski-Tag mit einem Cappuccino und einem Cornetto gemächlich beginnen.
Enspannende Weiße Wochen
Skiurlaub heißt in Italien nicht umsonst "Settimana Bianca" ("Weiße Woche") - von Ski fahren ist gar nicht die Rede. Denn für die Italiener heißt Skiurlaub nicht Kilometerfressen von früh bis spät, sondern gemütliches Starten, ausgiebiges Mittagessen auf einer der 30 Hütten und den Tag mit den letzten kräftigen Sonnenstrahlen am frühen Nachmittag bei einem Bummel durch den Ort ausklingen lassen. Für sportlich ambitioniertere Naturen hat das einen Riesenvorteil: Die Pisten und Lifte sind meist angenehm leer. Vor allem Frühaufsteher und ausdauernde Skifahrer werden in Sestrière so belohnt.
Und die rund 400 Pistenkilometer des "Via Lattea"-Verbundes haben es in sich. Nicht umsonst ist das auf 2035 Meter Höhe liegende und damit schneesichere Sestrière seit Jahren ein fester Bestandteil im Ski-Weltcup. 1997 fand hier die Ski-WM statt, und nun erhält Sestrière dank des Einsatzes des verstorbenen Fiat-Bosses Gianni Agnelli auch höchste olympische Weihen. Die schon gut ausgebauten Pisten und 88 Lifte wurden weiter aufgepeppt und modernisiert.
Für die Spiele wurden gleich drei neue Pisten geschaffen: Die spektakuläre "Kandahar Banchetta - Giovanni Nasi" für Super G und Abfahrt, die "Sisses" für den Riesenslalom und die "Kandahar Giovanni Agnelli" für den Slalom. Den nach dem Fiat-Boss benannten Hang können Touristen unter Flutlicht auch noch am späten Abend hinunterwedeln.
"Mir tut es wahnsinnig leid, dass ich hier nicht mehr selbst starten kann", schwärmt Italiens Skilegende Alberto Tomba von dem Slalom-Berg. Mit den Herren-Pisten in Sestrière ist aber nicht nur Tomba zufrieden: Die Trainer der großen Skinationen finden die Rennstrecken "technisch anspruchsvoll und olympiawürdig". Für Normalskifahrer sind sie eine echte Herausforderung.
Alpenstädtchen Cesana mit Flair
Gar nicht so begeistert waren dagegen die Damen von ihren Pisten im benachbarten Cesana, wo auch die Bob- und Rodel-Wettbewerbe und die Biathlon-Rennen stattfinden. "Das ist ja eine Autobahn", spotteten die mittlerweile zurückgetretene deutsche Abfahrerin Hilde Gerg und die Österreicherin Renate Götschel nach den ersten Testrennen. Mittlerweile sind die Speed-Pisten für die Damen mit einigen in den Hang gearbeiteten Steilstücken verschärft worden.
Normal-Skifahrer wären hier allerdings auch ohne das Pistentuning auf ihre Kosten gekommen. Cesana ist - ebenso wie der für sein wildes Nachtleben bekannte Freestyler-Ort Sauze d'Oulx - ans Ski-Karussell "Via Lattea" rund um Sestrière angebunden. So schaukeln die Skifahrer ohne lange Wartezeiten bequem rund um den 2800 Meter hohen Motta-Gipfel von Sestrière. Und wem nach dem allmorgendlichen Cappuccino der Sinn nach einem Café au Lait steht, der kann auf Skiern auch einen Abstecher ins französische Montgenèvre machen.
Wer im Skiurlaub auch mal bummeln will, sollte sich in Cesana ein Quartier suchen. Das Alpenstädtchen hat im Gegensatz zu Sestrière ein gewachsenes Zentrum mit gemütlichem Flair. Außerhalb des "Via Lattea"-Verbandes lockt das verschlafene Bardonecchia vor allem Genuss-Skifahrer an, die keine riesigen Skigebiete suchen.
Während der Spiele wird es aber ausnahmsweise laut, denn hier werden die Snowboard-Wettbewerbe ausgetragen - und bei denen gehört laute Musik einfach dazu. Ganz anders ist das bei den Stille suchenden Langläufern. Die zieht es selten bis zur Passhöhe von Sestrière. Die nordischen Sportler sind vielmehr im Hochtal von Pragelato zu Hause, wo auch die Skispringer um Medaillen kämpfen.
Von Bernhard Krieger, gms