Silvretta-Hochalpenstraße: Dem Bagger sei Dank - DER SPIEGEL
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Silvretta-Hochalpenstraße Dem Bagger sei Dank

Autowandern ist so ein Wort, das eigentlich nur mit gerümpfter Nase ausgesprochen werden darf. Es gibt aber Ausnahmen, dann, wenn die Straße, die Streckenführung, selbst zur Sehenswürdigkeit wird. Deshalb jetzt zum 50. Jubiläum: eine Fahrt über die Silvretta-Hochalpenstraße.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Tempolimit-Schilder sind überflüssig. Eilige Fahrer werden von 32 Haarnadelkurven abgebremst - oder von ihren staunenden Passagieren. Diese Straße ist für Genießer gebaut: großes Kino vor den Autoscheiben. Ein Asphaltband durchs Hochgebirge, ein dünner Streifen Zivilisation durch die Wildnis von Piz Buin (3312 Meter), Schneeglocke (3223 Meter) und Fluchthorn (3399 Meter). Freier Blick auf Gletscher, Felswände, Bergwiesen - und auf zwei gewaltige Stauseen.

Wir sind mit einem BMW X3 unterwegs. Optisch passt so ein schnittiger Allradler prima in die Umgebung, schon allein deshalb weil er höher ist als andere Autos. Ein Karosserieberg sozusagen. Dazu kommt der Allradantrieb, den man auf dem wohl gewalzten Asphaltband zwar nicht benötigt, der aber gut in diese wild zerklüftete Landschaft passt. Auf den holprigen Randstreifen jedenfalls, auf die wir ständig abbiegen, um anzuhalten, auszusteigen und das Panorama aufzusagen, rollt der Wagen ausgesprochen kommod ab. Motorisiert ist der Wagen mit einem Dreiliter-Sechszylindermotor mit 231 PS, was ihn nicht nur forsch bergauf treibt, sondern auch den Preis in die Höhe. 40.300 Euro kostet das Auto, dagegen nehmen sich die 10,90 Euro Pkw-Maut für das Befahren der Hochgebirgsstraße äußerst bescheiden aus.

Vor 50 Jahren wurde die im Südwestzipfel Österreichs gelegene Silvretta-Hochalpenstraße fertig gestellt. Sie verbindet Partenen im Montafon (Vorarlberg) mit Galtür im Paznauntal (Tirol). Eine 22,3 Kilometer lange Strecke, die auf der Bielerhöhe in 2032 Meter über dem Meer ihren Gipfelpunkt erreicht. Viele der 400.000 Besucher, die jedes Jahr auf dem Velo, dem Motorrad, im Auto, Wohnmobil oder Bus hier heraufkommen, halten die Bielerhöhe für den schönsten Parkplatz der Alpen. Der Blick geht über den von einer gewaltigen Mauer aufgestauten Silvretta-See ins Reich der Gletscherriesen. Wer mag, kann um den See herum wandern (zwei Stunden Fußweg) oder mit dem Boot darüber schippern. Nirgendwo sonst in Europa ist eine Motorbootfahrt in dieser Höhe möglich.

Die Panoramastraße über die Bielerhöhe ist ein Nebenprodukt gewaltiger Stausee-Projekte und Kraftwerke der Vorarlberger Illwerke. Bereits in den zwanziger Jahren wurde der alte Karrenweg von Partenen hinauf zum Vermuntsee verbreitert, damit Zement- und Kieslastwagen ihre Fracht bis zur Baustelle der Vermunt-Staumauer bringen konnten. Später wurde die Strecke bis auf die Bielerhöhe verlängert, um die Silvretta-Staumauer anzulegen.

In den Jahren 1951 bis 1954 ergab sich der Bau der Hochalpenstraße per Zufall. Denn auf der Bielerhöhe stand vom Staumauerbau noch ein riesiger Bagger. Für den Rücktransport ins Tal gab es zwei Möglichkeiten: zerlegen und per Seilbahn nach Partenen schaffen (so war das Ungetüm auch heraufbefördert worden) oder... Die Verantwortlichen wählten die zweite Alternative. Der Bagger bahnte sich aus eigener Kraft seinen Weg durch das sanft abfallende Hochtal über die Pritzen Alpe nach Galtür. Damit war eine durchgehende Straße geschaffen, die bis 1961 auf ihrer gesamten Länge zweispurig ausgebaut wurde.

Heute gehört die Silvretta-Hochalpenstraße zu den klassischen Hochgebirgsrouten für Rad-, Motorrad- und Autofahrer. Für Bergsteiger bietet sie überdies einen bequemen Weg zu den Ausgangspunkten zahlreicher Touren, etwa den Klettersteig über den Südgrat des Kleinlitzner (2783 Meter). Der Zustieg beginnt beim Silvretta-Stausee, auf dem Weg zum Gipfel liegt als Raststation auch noch die Saarbrücker Hütte. Wer eine leichte Bergwanderung vorzieht, kann vom Ostufer des Silvretta-Stausees zur Wiesbadener Hütte (2443 Meter) aufsteigen.

Aus der Höhe, jenseits der Reichweite des Motorenlärms, wirkt die Straße wie ein dünnes, dunkelgraues Band. Ein Umweg in eine andere Welt, wie ein zufällig herabgefallenes Band. Und ein bisschen stimmt das ja auch.