Skimarathon: Das Engadin hat 'nen Lauf - DER SPIEGEL
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Engadin Skimarathon: Jede Lücke nutzen

Foto: ALESSANDRO DELLA BELLA/ AP

Skimarathon Das Engadin hat 'nen Lauf

Taktieren, Spur wechseln und jede Lücke nutzen: Beim Start des Skimarathons im Engadin drängen rund 12.000 Langläufer aus aller Welt auf die Strecke. Das größte Schweizer Volkssportevent macht süchtig, so mancher Sportler war schon 43 Mal dabei - aus gutem Grund.
Von Dorothee Neururer
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wer sich bei minus 20 Grad zusammen mit Tausenden anderen Mitstreitern in der frühmorgendlichen Dunkelheit auf eine Loipe begibt, der muss schon ein hartgesottener Langlauffan sein. Und wer sich der 42 Kilometer langen Qual immer wieder stellt, der ist ergriffen vom sogenannten Marathonvirus, "der einen durch den Sommer treibt und den schönsten und größten Volkslanglauf-Marathon als Fixpunkt in der Agenda notieren lässt", so Ex-Bundesrat Adolf Ogi, der selbst 15-mal beim Engadin Skimarathon  dabei war.

Das Schweizer Volkssportevent bildet den Höhepunkt jeder Langlaufsaison im Oberengadin. Als im Winter 1969 zum ersten Mal 945 Läufer an der Startlinie in Maloja standen, ahnte niemand, dass sich das Rennen zum größten Volksskilauf der Schweiz entwickeln würde. Mit bis zu 12.000 Teilnehmern aus 39 Ländern setzt der Skimarathon heute geradezu einen Kontrapunkt zu den exklusiven Veranstaltungen in der mondänen Wintersportregion St. Moritz. Am kommenden Sonntag jährt sich der Lauf zum 43. Mal, und bereits jetzt haben sich über 10.700 Sportler registriert - elf Prozent mehr als im Vorjahr.

Taktieren, Spur wechseln, jede Lücke nutzen

Als FIS-Worldloppet-Rennen und Breitensportevent zieht der Marathon internationale Spitzen- sowie Hobbyläufer aus der ganzen Welt gleichermaßen an - und so kommen die Ersten schon nach gut eineinhalb und die Letzten erst nach sieben Stunden ins Ziel. Legendär ist der Start, wenn sich die Langläufer unter den Klängen von "Conquest of Paradise" in Bewegung setzen: "Da geht bei jedem der Puls rauf", sagt der Exildeutsche S. Christian, "egal, wie oft man schon mitgemacht hat." Voran stürmt zunächst die Startgruppe "Elite", die Weltspitze des Langlaufsports, gefolgt von den "Elite A"-bis-"C"-Gruppen, den ambitionierten Hobbysportlern und Amateurläufern. Schließlich kommen die Hauptgruppen und Volksläufer.

In den ersten Minuten nach dem Startschuss gilt es zu taktieren, die Spur zu wechseln und jede Lücke auszunutzen, um rasch auf das freie Feld zu gelangen. Dabei müssen die Läufer aber peinlichst auf ihr Material achten, denn im Getümmel kann einiges zu Bruch gehen. Für einen gelungenen Start heißt es zudem früh aufstehen. S. Christian stellt seine Ski gegen 6 Uhr auf das Startfeld, um sich eine gute Startposition zu sichern. Bis es dann um 8.40 Uhr losgeht, wärmt er sich mit seinem Langlaufkumpel beim traditionellen Marathon Z'Morge in den Restaurants in Maloja auf.

Die Rennstrecke (klassisch und Skating) zieht sich von Maloja über den Silvaplanasee nach St. Moritz Bad hinauf durch den Statzer Wald, wo etwa 200 Höhenmeter hügelige Strecke zu überwinden sind, nach Pontresina. Von dort strömen die Tausenden Läufer über das Flugfeld bei Samedan nach La Punt, wo in harten Jahren Temperaturen von bis zu minus 15 Grad Celsius und strammer Gegenwind den Durchhaltewillen schon mal auf die Probe stellen.

Holzskier und Knienbundhosen

Die stärkste Teilnehmergruppe sind die Schweizer, gefolgt von den deutschen Nachbarn, vor Italienern, Österreichern, Franzosen und Skandinaviern. Sogar aus Australien, Peru und Südafrika reist man zum "Engadiner" an, wie etwa das australischen Ehepaar Lambert. Seit 20 Jahren sind sie dabei und sind angetan von der Landschaft und der Stimmung beim Marathon: "An den Rennen in Australien stehen nur etwa tausend Langläufer in der Loipe, und man muss vor allem Sonnencreme dabei haben."

Jung und alt zieht es auf den langen Lauf, zwischen dem ältesten und jüngsten platzierten Teilnehmer können schon mal bis zu 70 Jahre liegen. "Früher fuhr man noch mit Holzskiern, Kniebundhosen und dickem Pullover", erinnert sich Fritz Kohler aus Schlieren bei Zürich. Der 72-Jährige ist einer der 22 Giubilers (Jubilare), die bis heute vom Marathonvirus angefressen sind und kein einziges Rennen verpasst haben. Er erzählt, dass der Skimarathon seine eigene Atmosphäre entwickelt, wenn während der Vorbereitungen eifrig über Material und Bedingungen diskutiert wird, gemeinsame Trainings geplant und zuweilen langjährige Marathonfreundschaften geschlossen werden.

Nostalgisch schwärmt Kohler für den klassischen Laufstil. "Damals war der Druck durch die verschiedenen Laufarten noch nicht so hoch. Seit der Skatingtechnik wird aggressiver gefahren, und es gibt mehr Stockleichen." Er schätzt aber auch die Neuerungen in der Organisation. Gerade erst hat der Engadin Skimarathon für sein vorbildliches Umweltkonzept den Preis "ecosport" erhalten. Wer heute nach 42 Kilometern in S-chanf in die Zielarena einläuft, ist in wenigen Minuten mit der Bahn bereits wieder auf dem Heimweg, was auch den Lamberts gefällt. Ihr Tipp für andere Weitgereiste: "Sich in Zürich zuerst ein Halbtax-Abo für den öffentlichen Verkehr besorgen."

Aufbruch um 3 Uhr in Zürich

Wer das Hauptrennen zu anstrengend findet, aber dennoch ein Rennerlebnis haben möchte, für den bietet sich der Halbmarathon an. Er wurde anlässlich des 40. Jubiläums eingeführt und entspricht der Laufstrecke von 1969 auf einer Distanz von 21 Kilometern von Maloja nach Pontresina. Seit 2000 wird außerdem ein extra Frauenlauf durchgeführt, bei dem es am Start geruhsamer zugeht als beim Hauptrennen. Bei allen Rennen stehen Verpflegungsposten mit warmen Getränken an der Loipe, ebenso ein Wachsservice für die Ski und sogar Ersatzservice für gebrochene Stöcke.

Längst ist der Engadin Skimarathon bedeutender Tourismusfaktor für die Region. Laut einer Studie generiert er rund 84.000 Übernachtungen - sei's auf einem einfachen Stellbett im Massenlager oder im Fünf-Sterne-Hotel. Idealerweise reist man ein bis zwei Wochen vor der Marathonwoche an, um sich an die Höhe anzupassen und je nach Motivation auf das Rennen vorzubereiten. Langlaufschulen bieten Vorbereitungskurse mit Techniktraining, Streckenbesichtigung und Materialtipps.

Die Abgehärteten jedoch reisen mit einem Spezialangebot der schweizerischen SBB am Morgen des Rennens um 3 Uhr von Zürich aus an, gerade rechtzeitig, um einen guten Platz auf dem Startfeld zu ergattern, und kehren am selben Tag wieder zurück.

Der Marathon macht alle gleich

Nicht nur auf die Weitgereisten, sondern auch auf die Einheimischen übt der "Engadiner" seine Faszination aus. Für den Profi Curdin Perl aus Pontresina, Mitglied der Nationalmannschaft Swiss Ski, ist er das "schönste Langlaufrennen der Welt". Und für Ronja Heim aus Samedan, 19 Jahre alt und von Kindesbeinen an auf den Langlauf-Skiern, wird sogar der Arbeitsweg zur Trainingseinheit. Cool findet sie das Marathon-Village, das in St. Moritz ein vielfältiges Rahmenprogramm anbietet. "Die Leute kommen ins Engadin und zum Marathon, weil man sich jedes Jahr trifft, weil es schneesicher ist und wegen dieser schönen Landschaft."

Ob jung oder alt, Profi oder Amateur, Schweizer oder Australier - der Marathon macht alle gleich, wenn es wieder gilt, die 42 Kilometer aus eigener Kraft zu bewältigen. Das euphorische Gefühl auf der Ziellinie ist für alle einzigartig und der Lohn für so manche Qual bei eisigem Gegenwind.


Der Engadin-Skimarathon findet in dieser Saison am Sonntag, den 13. März 2011 statt. Anmeldungen sind bis 12. März 2011, 17 Uhr möglich.