Skurrile Museen Dessous-Sammlung der Kanalarbeiter
Bei bis zu 33 Grad Celsius Außentemperatur und überfüllten Schwimmbädern ist es eine Wonne, in klimatisierte und stille Museumshallen abzutauchen - doch können Gemälde, Skulpturen und Porzellan Ferienkinder und -eltern selten entzücken. Interaktive naturwissenschaftliche Ausstellungen wie das Universum in Bremen oder das Deutsche Museum in München machen da schon mehr Spaß, wenn es nicht gleich zum Gruseln ins Dungeon in Hamburg oder zu Madame Tussaud nach Berlin geht.
Doch neben den großen Einrichtungen gibt es in Deutschland eine Vielzahl kleiner Sammlungen, von Liebhabern sorgfältig zusammentragen, die allerlei Exotisches und Skurriles präsentieren. Wie wäre es mit einem Ausflug zu den Käse verfeinernden Milben in Würchwitz oder zur Selbstschussanlage für Mäuse in Güntersberge? Wer hat schon die Dessous-Sammlung der Pumpwerksarbeiter in Hamburg gesehen? Oder etwas über Süßstoff fressende Schweine gehört?
Von Armbanduhren, die ihren schnarchenden Träger mit Stromschlägen weckt, bis zur Mehlsack-Sammlung: SPIEGEL ONLINE präsentiert Ihnen die skurrilsten Museen Deutschlands.
Milbenkäsemuseum: Von Spinnentieren eingespeichelt
Er hält mehr als hundert Jahre, ist so gelb und hart wie Bernstein und wurde von Spinnentieren eingespeichelt: Dem wohl skurrilsten Käse des Landes huldigt ein kleines Museum in Würchwitz in Sachsen-Anhalt. Mit seinem Milbenkäsemuseum wollte Direktor Helmut Pöschel eine mindestens 500 Jahre alte Tradition vor dem Aussterben bewahren und dokumentierte deshalb genau, wie schon seine Großmutter Milbenkäse machte.
Mindestens ein Vierteljahr lang muss getrockneter und mit Kümmel und Holunderblüten angereicherter Magerquark in seinem Bett aus Milben jeden Tag gewendet werden. Damit die Tiere den Quark nicht gänzlich verzehren, werden sie nebenbei mit frisch gemahlenem Roggenmehl gefüttert. Die winzigen Viecher isst man einfach mit - rund tausend Milben pro Schnitte. Pöschel nennt es eine Erfahrung "zwischen Gruseln und Genuss". Aus aller Welt reisen Gourmets dafür an.
Sein Museum hütet außerdem ein 200 Jahre altes Stück Milbenkäse und eine Auswahl von Schmuck, der aus der teuren Delikatesse geschliffen wurde. Er stinkt auch angeblich nur, wenn man dran reibt.
Sporaer Straße 8
06712 Würchwitz
Telefon: 034426-21346
Öffnungszeiten: Nach Anmeldung
Eintritt: frei
www.milbenkaesemuseum.de
Schnarchmuseum: Horrortrip für Sägekünstler
Im Alfelder Schnarchmuseum hat der Schlafmediziner Josef Wirth Apparate zusammengetragen, mit denen Schnarcher zum Verstummen gebracht werden sollten. Zu sehen sind rund 450 Exponate von der Schnarchbrille, die bei Krach beginnt zu blinken, bis zur Armbanduhr, die den Schlafenden mit Stromschlägen weckt. Besonders rabiat: In Kriegszeiten bekamen schnarchende Soldaten Kanonenkugeln ins Nachtgewand eingenäht, damit sie im Schlaf nicht auf den Rücken rollen und die Kameraden an den Feind verraten konnten.
Warnetalstraße 10
31061 Alfeld
Telefon: 05181-829187
Öffnungszeiten: Mittwochs, samstags und sonntags 13 bis 18 Uhr
Eintritt: frei
www.schnarchmuseum.de
Mausefallenmuseum: Nichts für Zimperliche
Das Mausefallen- und Kuriositätenmuseum in Güntersberge ist nichts für Zimperliche. Das 300 Jahre alte Fachwerkhaus im Harz wartet mit Minigalgen und Selbstschussanlagen auf, mit denen Nagern früher der Garaus gemacht wurde. Auf dem Todesturm schlitterten sie über Rutschen in ein Wasserbecken und ertranken dort. Die Wühlmauskanone wurde in die unterirdischen Gänge der Plagegeister geschoben und automatisch ausgelöst, sobald eine Maus sie berührte.
In der "Galerie der stillen Örtchen" präsentiert die Sammlerfamilie außerdem eine stattliche Auswahl alter deutscher Kackstühle. Dazu gehört zum Beispiel ein herrschaftlicher Sessel von 1860, dessen Sitzfläche man bei Bedürfnis zur Seite schieben konnte. Damennachttöpfe, Keuschheitsgürtel, Reiseklosetts, Flohfallen - in Güntersberge mangelt es nicht an Alltäglichem aus einer anderen Zeit.
Klausstraße 138
06507 Güntersberge
Telefon: 039488-430
Öffnungszeiten: Samstags und sonntags 14 bis 18 Uhr, wochentags nach Anmeldung
Eintritt: 1,50 bis 5 Euro
www.mausefallenmuseum.de
Glücksschweinemuseum: Ein ganzes Haus voll Glück
Glücksschweine, Sparschweine, Schweine auf Münzen, Gemälden, Fingerhüten, Schweine aus Plüsch, Holz, Blech oder Keramik - 16.500 Exemplare des Grunztiers mit Ringelschwanz stehen im Sammler- und Glücksschweinmuseum in Bad Wimpfen. Die Sammlung füllt zwei Dreizimmerwohnungen, die Korridore und den Garten und schaffte es sogar ins Guinness-Buch der Rekorde. Schwein gehabt!
Kronengässchen 2
74206 Bad Wimpfen
Telefon 07063-6689
Öffnungszeiten: täglich 10 bis 17 Uhr, November bis März nur an Wochenenden und Feiertagen
Eintritt: 30 Cent bis 2,60 Euro
www.schweinemuseum.de
Zusatzstoffmuseum: Himbeeraroma aus Sägespänen
Himbeeraroma aus Zedernholz, Mononatriumglutamat in Tiefkühlkost und mit Pflanzenhormonen gereifte Bananen: Das Deutsche Zusatzstoffmuseum in Hamburg sollte man lieber nicht auf leeren Magen besuchen. In Regalen reihen sich dort die Chemikalien, die wir alltäglich verzehren - oft, ohne davon zu wissen.
Wer weiß schon, dass Süßstoffe auch als Appetitanreger an Schweine verfüttert werden? Oder dass modifizierte Stärke mit Mitteln behandelt wird, die auch in Bleichmittel oder Bauschaum zum Einsatz kommen? Dieses kleine, aber feine Museum informiert über alles von Aromen über Emulgatoren bis zum Rieselhilfstoff im Kochsalz - und deren Nebenwirkungen.
Hamburger Großmarkt
Tor Ost, Anfahrt über "An der Brandshofer Schleuse"
20099 Hamburg
Telefon: 040-32027757
Öffnungszeiten: Mittwochs und freitags 11 bis 17 Uhr, samstags und sonntags 10 bis 17 Uhr
Eintritt: 1,50 bis 3,50 Euro
www.zusatzstoffmuseum.de
Lügenmuseum: Originalwasser vom Untergang der Titanic
Einen "Brei gekocht aus Wahrheit und Lüge" serviert ein Museum im brandenburgischen Kyritz. Um ihn verdauen zu können, schlürfen Besucher vor dem Rundgang einen Lügentee. Dann bahnen sie sich ihren Weg durchs Labyrinth der Erinnerung, durch Geisterhäuser und übers Deck der Titanic.
Das Lügenmuseum will nicht unterrichten, sondern inspirieren und provozieren. Das Marketingmotto: "Wir entlassen den Besucher ratlos." Zu sehen gibt es zeitgenössische Kunstwerke, Klang- und Videoinstallationen und allerlei Skurriles: eine Gießkanne, aus der marokkanische Musik rieselt, eine marode Leiter mit dem Namen "Aufschwung Ost" und ein Fläschchen Originalwasser vom Untergang der Titanic.
Am Anger 1
16866 Kyritz
Telefon: 033971-54782
Öffnungszeiten: täglich 11 bis 17 Uhr
Eintritt: 2 bis 4 Euro
www.luegenmuseum.de
Nummernschildmuseum: Die Plakette des Bundespräsidenten
Schilderwald im Erzgebirge: Fahrzeugplaketten und Verkehrsschilder aus 173 Ländern und über hundert Jahren zeigt das Nummernschildmuseum in Großolbersdorf. Nummernschilder für Pferdedroschken, Strafzettel aus dem Deutschen Reich und Ortsschilder aus der Kaiserzeit - rund 3000 Einzelteile stellt das Museum aus. Darunter auch das Autoschild, das Theodor Heuss zu seinen Zeiten als Bundespräsident spazieren fuhr. Der wertvollste Schatz sind vier Nummernschilder aus der Vatikanstadt. Dort gibt es schließlich nur eine Handvoll Autos.
Grünauer Str. 3
09432 Großolbersdorf
Telefon: 037369-87448
Öffnungszeiten: Dienstags und samstags 9 bis 17 Uhr, sonntags und feiertags 10 bis 17 Uhr
Eintritt: 1,10 bis 2,20 Euro
www.nummernschildmuseum.de
Abwasser- und Sielmuseum: Streifzug durch Kloaken
Das Abwasser- und Sielmuseum in Hamburg präsentiert die vergessenen Schätze der Kanalisation. Als die Abwasserentsorgung noch nicht automatisiert war, machten sich die Pumpwerksarbeiter einen Spaß daraus, Kurioses aus den stinkenden Fluten der Siele zu fischen und zu sammeln. Juwelen, Spielzeug, Reisepässe und Gebisse - was sie zutage förderten, erzählt heute vom Alltag der fünfziger bis achtziger Jahre. Besonders stolz ist das Museum auf seine Dessous-Sammlung aus der Kloake - vom Liebestöter bis zum G-String.
Besucher dürfen auch einmal in ein Siel hineinschnuppern. Vorher wird die Luft im Korridor freilich auf ihren Methangehalt getestet. Wer in die Kanalisation hinabsteigt, wandelt auf den Spuren von Kaiser Wilhelm II. Der ließ sich 1904 in einem Schlauchboot durch die neu erbauten Siele rudern. Mit Blasebalgen pusteten ihm seine Untergebenen damals Frischluft zu. Heute wäre das nicht mehr möglich - dafür sind die Ausdünstungen der modernen Kloake viel zu aggressiv.
Bei den St. Pauli-Landungsbrücken 49
20359 Hamburg
Telefon: 040-78882483
Führungen: Dienstags und donnerstags 10, 12 und 14 Uhr, mittwochs 9.30, 12 und 16 Uhr, samstags 14 Uhr
Eintritt: frei
www.hamburgwasser.de (Klicken Sie auf: Aktuell > Service)
Mehlsackmuseum: Martha auf Jute
Sie heißen Vasundhara, Martha oder Farina. Und sie haben eines gemeinsam: Ihr Lächeln und ihr makelloser Teint zieren das Logo auf einem Mehlsack. Zu sehen sind die Damen im weltweit wohl einzigen Mehlsackmuseum in Mecklenburg-Vorpommern. Seit Anfang Juni lädt das Museum in der Stadt Wittenburg zum Rundgang durch eine wenig beachtetete Kulturgeschichte ein. Mehr als 1600 Mehlsäcke aus 110 Ländern sind in einem alten Schulgebäude ausgestellt.
Mal hängen die Säcke ausgestopft von der Decke, mal sind sie Projektionsfläche für einen Stummkurzfilm über nie versiegende Mehlberge, mal ertönt beim Vorbeigehen ein heiteres Müllerlied. Nach Besichtung der überraschenden Inszenierungen geht der Besucher mit der Erkenntnis nach Hause, dass man aus Mehlsäcken eine ganze Menge herausholen kann.
Amtsberg 1
19243 Wittenburg
Telefon: 040- 28403955
Öffnungszeiten: An jedem ersten Sonntag im Monat und am "Tag des offenen Denkmals", 14 bis 17 Uhr (oder nach Voranmeldung)
Eintritt: frei
www.flour-art-museum.de
son/reh