Südfrankreich Ein Engländer in Saint-Tropez
Le Rayol - "Das hier ist ein Drachenbaum aus Teneriffa", erzählt Lisa Bertrand. "Er ist noch ziemlich klein, aber er kann 20 Meter groß und 2000 Jahre alt werden." Den Großteil davon hat er noch vor sich. Gartenplanung ist eine langfristige Angelegenheit. "Man muss schon mindestens 30 oder 40 Jahre nach vorne schauen", sagt die Botanikerin, die bei der Domaine du Rayol angestellt ist, einer einzigartigen Gartenanlage in der Region Var, an der Küste zwischen Toulon und Saint-Tropez.
Die Geschichte des Gartens reicht zurück bis ins Jahr 1910: Damals ließ sich ein Geschäftsmann in Rayol auf einem Felsvorsprung an der Küste ein Haus bauen und einen Park anlegen. Später zog ein Flugzeugkonstrukteur ein, Jahrzehnte später verwahrlosten die Gärten. 1989 gingen sie in den Besitz der Küstenschutzbehörde über - ein Glück für Lisa. Denn seitdem der Landschaftsgestalter Gilles Clément den Garten neu angelegt hat, gibt es für die Biologin viel zu tun.
Le Domaine du Rayol ist heute ein ehrgeiziges Projekt: Verschiedene "mediterrane" Gärten der Welt sind dort zu sehen. "Die Gartenlandschaften zu verfolgen, ist wie eine Weltreise", sagt Lisa Bertrand. Der "Entdeckungspfad" ist rund zwei Kilometer lang und in eineinhalb Stunden gut zu bewältigen. "Es sind insgesamt zehn Gärten, aus Chile wie aus Südafrika oder von den Kanarischen Inseln."
So wachsen im australischen Garten wachsen Eukalyptusbäume: "Es ist der größte Baum, der blüht", erklärt Lisa. "Und es gibt von ihm 20 verschiedene Arten." Im mediterranen Garten Südafrikas stehen auch Aloe-Pflanzen, in dem mexikanischen neben Kakteen auch Yukka-Palmen und Agaven. Direkt am Meer lassen dagegen Kiefern ihre Äste über die Felsen ragen, unten spülen die Wellen an die Steilküste.
Romanée Conti 2000 für 7300 Euro
Im Gegensatz zu Lisas ist Franck Gabards Arbeitsplatz kühl und dunkel: Er ist Spezialist für gute Tropfen in der "Hostellerie Bérard" in La Cadière d'Azur. Gabards ist dort verantwortlich für einen der größten Weinkeller der Provence - und zwar einen exquisiten, spezialisiert auf französische Weine, rote vor allem.
Der Sommelier will nicht nationalistisch erscheinen, aber viele ausländische Tropfen haben es in seine Sammlung nicht geschafft. "Insgesamt haben wir 1030 verschiedene Weine und rund 14.000 Flaschen." Die ruhen in hohen Regalen, geschützt vor neugierigen Blicken und vor zu viel Licht. "Wir haben besonders Weine aus dem Bordelais, der Provence, dem Loire- und dem Rhône-Tal", erklärt der Sommelier. Der teuerste Tropfen des Weinkellers ist ein "Romanée Conti 2000" für 7300 Euro die Flasche.
Jacques Tery hat ebenfalls einen Job, den viele sofort gegen den eigenen eintauschen würden. Er arbeitet am liebsten auf dem Fahrrad, auf dem Mountainbike, um genau zu sein. Seine Aufgabe ist es, Besuchern der kleinen Insel Porquerolles die versteckten Seiten des Eilands zu zeigen. Jacques gehört "Le Cycle Porquerollais", ein kleines Unternehmen, bei dem sich Touristen Fahrräder leihen und geführte Touren buchen können - auch abseits geteerter Straßen.
In Radlerhose, grauem T-Shirt, mit grauem Dreitagebart und schwarzer Basecap empfängt er seine Gäste direkt vor seinem Geschäft, gibt Räder aus, stellt die Sättel ein, und schon geht es los. Nach wenigen Minuten auf dem Fahrrad liegt das Inseldorf hinter einem - der Weg wird von Zypressen gesäumt, dahinter reihen sich Olivenbäume aneinander.
Mit dem Rad zum Silberstrand
Jacques biegt auf einen Feldweg ab und plaudert ein bisschen über die Geschichte der Insel: Der französische Staat hat sie 1971 gekauft, rund 330 Menschen leben hier heute. "Etwa 100 kommen jeden Tag zum Arbeiten vom Festland rüber. Im Sommer kommen allerdings manchmal einige tausend Touristen dazu", erzählt er. Die Insel steht weitgehend unter Naturschutz. Selbst im Olivenanbau ist nur biologische Schädlingsbekämpfung erlaubt. Auch bei Obst sind Pestizide und Konservierungsmittel tabu. "Das ist teurer", sagt Jacques, "dafür schmeckt es phantastisch."
Weiter geht es mit dem Rad Richtung Steilküste. Jacques hat wieder die Führung übernommen. "Falaises dangereuses" warnt ein Schild - Absturzgefahr an den Felsen, die steil über das Meer ragen. Krähen sind in der Luft, die nach Kiefern riecht. Der Ostwind hat viele der Bäume schief wachsen lassen. In den kleinen Wäldern abseits der Wege gilt von Mitte Juni bis Ende September "Betreten verboten" - wegen der Brandgefahr. Seit drei Jahren sinkt der Wasserspiegel auf Porquerolles - das Trinkwasser wird knapp. "Es wird schon überlegt, Wasser mit einer Pipeline vom Festland zu holen." Dass Porquerolles nicht bis in den letzten Winkel touristisch erschlossen wird, findet Jacques daher nur richtig.
Auf dem schmalen Weg zum Leuchtturm müssen die Räder über den weichen Waldboden geschoben werden. Der Turm gehört zu den wenigen noch bewohnten an der Mittelmeerküste. Das Leuchtfeuer ist für viele Boote nach wie vor wichtig - nicht alle haben Radar und GPS. "Zweimal kurz, einmal lang" ist das Lichtsignal, das mehr als 50 Kilometer weit zu sehen ist.
Auf dem Weg zurück geht es "downhill" durch den Wald, und auch durch Hindernisse lässt Jacques sich nicht bremsen: Wurzeln quer über den Weg nimmt er im Sprung. Das Ziel ist der "Plage d'argent", der Silberstrand am anderen Ende der Insel. Die Räder müssen nun abgestellt werden: Ans Meer geht es zu Fuß. Der Sand ist tatsächlich eher weiß als silbern, aber dafür nicht weniger schön, das Wasser klar. Weit draußen dümpeln Boote mit weißen Segeln. Warum Jacques seine Insel für so schützenswert hält, muss er an dieser Stelle nicht mehr lange erklären.
Ein Engländer in Saint-Tropez
Eigentlich müsste auch Saint-Tropez unter Schutz gestellt werden. Denn die Zahl der Touristen nimmt im Hochsommer oft bedrohliche Ausmaße an. "Dabei ist Saint-Tropez ein Dorf", sagt David Singleton. "Hier leben gerade 5400 Menschen. Aber von Ostern bis Oktober kommen 5,5 Millionen Besucher, manchmal 70.000 am Tag." Singleton ist gebürtiger Engländer, lebt aber seit mehr als 20 Jahren in Südfrankreich und arbeitet für das Office de Tourisme in "St-Trop".
"Die Stadt hat schon eine besondere Atmosphäre", sagt er. "Und das Tolle ist, dass man alles zu Fuß entdecken kann." Bei seinen Stadtführungen macht er sich das zunutze: Gemächlich geht es durch die Altstadt mit engen Gassen und betagten Häusern. Am Place Hôtel de Ville stehen rund um einen Springbrunnen neben dem Rathaus heute noch Olivenbäume. Nur ein paar Schritte ist es zum alten Hafen: "Heute gibt es allerdings nur noch acht Fischer", sagt Singleton. In einem der Häuser ein Stück weiter hinten wurde "Und ewig lockt das Weib" mit Brigitte Bardot und Curd Jürgens gedreht.
Das Restaurant "La Ponche", in dem die Filmcrew tafelte, gibt es noch. "Ist gar nicht schlecht", sagt David. Auch das "L'Esquinade" in der Rue du Four hat nach wie vor geöffnet - nachts jedenfalls. "Es war 1956 der erste Nightclub von Saint-Tropez, einer der Ersten in ganz Frankreich", erzählt David.
Der Flohmarkt auf dem Place de Lice ist einer der schönsten Frankreichs: Mitten unter Platanen reiht sich hier Stand an Stand, Kunst an Kitsch: Bronzebüsten und Engelsputten, afrikanische Masken und Silberbestecke, Aktmalerei neben chinesischem Porzellan, Wollsocken und Windjacken. Und als ob das Var auch seine kulinarische Überlegenheit zur Schau stellen will, sind etliche Händler vertreten, die zeigen, was üblicherweise in der Region so auf den Tisch kommt: Oliven, Schafs- und Ziegenkäse, Feigen, Weintrauben und Auberginen, Artischocken, Honig oder Konfitüren aus Feigen, Aprikosen oder Erdbeeren. Das Var schöpft auch in dieser Hinsicht aus dem Vollen. Es wird schon seine Gründe haben, warum David nicht zurück nach England will.
Von Andreas Heimann, gms