Südirland: Das Wunder von Dingle - DER SPIEGEL
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Südirland Das Wunder von Dingle

Er ist wild. Er nimmt kein Futter. Er springt, wann er will: Fungi kam vor 23 Jahren in die Bucht von Dingle, und eine kleine irische Stadt fand ihre große Liebe. Seither zieht der Delfin Tausende von Touristen, Heilsuchende und Esoteriker an.
Von Sandra Schulz und Justin Jin
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Eines Tages kam der Regenschirmmann nach Dingle und gackerte im Meer. Er schwamm hinaus in die Bucht, öffnete den Schirm und ließ ihn über seinem Kopf kreisen. Dabei imitierte er die Laute eines Huhnes. Andere schlugen Steine aneinander, schleppten ihr Didgeridoo an den Strand und bliesen aus Leibeskräften. Manche tauchten das Didgeridoo sogar in den Atlantik, wegen der Schallwellen unter Wasser. Sie spielten Harfe, sie spielten Flöte, sie nahmen aufgeblasene rosa Panter mit ins Meer, sie rüsteten sich aus mit Paddeln und Besen.

Alle wollten sie nur eines: die Aufmerksamkeit dieses wilden Tieres erregen, das seit 23 Jahren in der Bucht von Dingle lebt. Big Fish nennen die Einheimischen den Delfin liebevoll. Und wenn die Touristen tadelnd korrigieren, kein Fisch, ein Säugetier sei der Delfin, grinsen sie und sagen: "Ach, wirklich?"

Dingle, eine kleine Stadt an der Westküste Irlands, umgeben von grünem, gewelltem, baumlosem Land, liegt auf jener Halbinsel, die wie ein Finger in den Atlantik ragt. Weiter westlich kann man in Europa nicht kommen. Mehr Idylle geht nicht: bunte Häuser in der Bucht, steinerne Kirche auf dem Hügel, Fischernetze an der Mole, Leuchtturm auf der Klippe und am Hafen ein bronzener Delfin, der aussieht, als würde er lauthals lachen. Ein freundlicher Delfin, ganz wie das Original.

Fungi heißt der Tümmler, um die 400 Kilogramm schwer, fast vier Meter lang, der Tausende nach Dingle lockt. Er ist einer jener solitären Delfine, die sich aus dem Verband ihrer Artgenossen lösten und dem Menschen zugetan sind. Über 100 solcher Tiere hat man in den letzten 50 Jahren auf der ganzen Welt gezählt. Zwar gibt es viele Säugetiere, die für kurz oder lang ihre Gruppe verlassen, wenn aber der neugierige allein lebende Delfin sein soziales Verhalten auf Menschen ausrichtet und der delfinbegeisterte Mensch sich auf das Tier fixiert, lassen sich am Ende Geschichten erzählen wie die von Dingle und Fungi. Geschichten, in denen der Delfin das ist, was der Mensch aus ihm macht: Spielkamerad oder Geschäftspartner, spirituelle Kraft oder sexuelles Objekt, Wunderheiler oder Freund.

Ein Trampelpfad zum Fungi-Strand

Von September bis Dezember gehen Nick und Suzanne Massett mit Fungi schwimmen. Zunächst machen sie nur Ausflüge am Wochenende, um zu prüfen, wie neugierig Fungi ist. "Wir testen ihn", sagt Nick. "Er testet uns", sagt seine Frau. Im Oktober beginnt das Ritual: Jeden Tag gegen drei, vier Uhr nachmittags, wenn die letzte Stunde vor der Dämmerung anbricht, stapfen sie durch den Matsch einer Kuhweide, ein Trampelpfad führt an altem Gemäuer vorbei zu einem Flecken Sand, eingerahmt von schwarzem Fels: dem "Fungi-Strand".

Monatelang hatte der Delfin Nick einst ignoriert. Dann brachte Nick ein Schwimmbrett mit, und der Tümmler umkreiste den Menschen, und der Mensch begann, die Bewegungen des Delfins zu imitieren. Er drückte das Board unter Wasser, machte den Rücken rund und presste die Füße zusammen, die Plastikflossen wurden zum Fischschwanz. Geschmeidig tauchte sein Körper in die Fluten ein und beschrieb eine Wellenlinie. Ein falscher und ein echter Delfin, in Harmonie vereint. Bald aber ersann Fungi neue, aufregendere Spiele: Schnell wie ein Torpedo schießt er seitdem durchs Wasser, sein Ziel heißt Nick, Sekunden nur, dann würde seine Schnauze den Rumpf des Menschen durchbohren.

Nick weiß, durch die Wucht ihrer Stöße können Delfine selbst Haie töten. Im letzten Moment aber taucht Fungi stets ab, um hinter Nicks Rücken zum Sprung anzusetzen. Manchmal streift Fungi seinen Spielgefährten mit der Flosse, niemals aber rammt er ihn. Es ist ein wildes, hemmungsloses Vergnügen, dem Nick sich hingibt, es sind Minuten wie im Rausch, wenn das Wasser höher und höher spritzt und Nick vor Freude schreit. Er vertraue Fungi, sagt Nick Massett. Sie hätten ihre Bewegungen aufeinander abgestimmt, ähnlich wie beim Paartanz. Nur dass der Tanz mit dem Delfin Nick bis zur Erschöpfung treibt.

Delfine in der Schneekugel

Erst die Weihnachtstage unterbrechen den täglichen Rhythmus, wenn die Motoren der kommerziellen Delfinboote wieder das Wasser aufwühlen. Die Intimität, die Vertrautheit mit Fungi gehe in dieser Zeit verloren, sagt Nick Massett. Im Januar suchen Nick und Suzanne noch einmal den Kontakt, bis der Tag kommt, an dem Fungi auf die beiden Schwimmer zurast – und im letzten Moment abdreht und verschwindet. Indiz dafür, dass er das Interesse verliert.

Nick gefällt das Zyklische in der Begegnung mit Fungi. Er will keinen allzeit verfügbaren Delfin; er schätzt Fungi, gerade weil er weder abhängig noch bedürftig ist.

Am meisten fasziniere ihn, sagt Nick, wenn Fungi ihn im Wasser warten lässt, obwohl er ihn, davon ist Nick überzeugt, bereits am Ufer entdeckt hat. Wenn der Delfin also, wie es scheint, eine bewusste Entscheidung trifft, wann er bereit ist für den Kontakt. Für Nick, der mal hier, mal dort jobbte und lange auf einem Campingplatz am Strand wohnte, ist der Delfin das Sinnbild für Freiheit. Er ruft Fungi gern Fungus, das klingt maskuliner, klingt mehr nach Partner statt nach Schoßhund. Der Delfin sei wie ein alter Freund, sagt Nick. Niemals hat er versucht, Fungi zu streicheln, und vielleicht ist das auch der Grund, warum Fungi seit Jahren mit Nick spielt.

Tina Fröhlich nennt den Tümmler "mein kleines Zuckerbäckchen". Seit 1989 hat die Deutsche jeden Sommer mit Fungi verbracht. Schon als Kind kam sie in den Ferien nach Irland, irgendwann blieb sie ganz da und zog in ein Cottage mit Meerblick. Heute bevölkern Delfine ihr Haus. Delfine auf Handtüchern, Gläsern, Kopfkissen, Delfine als Flaschenöffner, Backform und Seife, Delfine auf dem Fensterbrett und in der Schneekugel. Geschenke allesamt. "Die Leute wissen, dass ich Delfinfanatikerin bin", sagt Tina Fröhlich. "Es gab Zeiten, da war Fungi mein absoluter Lebensmittelpunkt." Gerne hätte sie ein eigenes Zimmer nur für Fungi, mit all den Zeitungsartikeln und Fotos, die sie über die Jahre gesammelt hat. Vielleicht eröffnet sie irgendwann ein Fungi-Museum.

"Ich spüre, wenn Fungi da ist", sagt Tina Fröhlich. "Ich weiß auch, wann er springt." Wie oft ist sie mit ihrem Boot zum Delfin gefahren, und Fungi biss in ihr Paddel, knabberte an ihrer Flosse. Zwei, drei Mal war sie fast bereit, Fungi in die Tiefe des Meeres zu folgen, so sehr zog der Delfin sie in seinen Bann. Immer weiter schwamm sie hinaus, mit Schnorchel und Taucherbrille, sie konnte nicht umkehren, konnte den Blick nicht lösen von dieser flaschengrünen Welt. Fungi eilte ihr voraus, sie sah seinen massigen Leib mal neben, mal unter sich. "Du hattest das Gefühl, dass er dir sagt: Komm doch! Komm doch! Der wollte mich entführen."

Lesen Sie im zweiten Teil: Ist es der Delfin, der besonders auf Frauen reagiert, oder sind es die Frauen, die sich zum Delfin hingezogen fühlen?>

Ist es der Delfin, der besonders auf Frauen reagiert, oder sind es die Frauen, die sich zum Delfin hingezogen fühlen? Fakt sei, schwören die Taucher in Dingle, dass Fungi den Frauen stets mehr Aufmerksamkeit schenkte als den Männern. Zuerst glaubten sie, Fungis Verhalten lasse sich mit den Farben der Neoprenanzüge erklären, doch der Delfin blieb frauenfixiert, was auch immer die Taucher anstellten. "Er zwinkert dich an", sagt Tina Fröhlich, "so wie ein Mann mit dir flirtet."

Andere Frauen wünschten sich nicht nur Augenkontakt mit Fungi. In Dingle fand die Boulevardpresse die schönsten Liebesgeschichten, man erinnere sich nur an Siobhan Daly, jenes blonde, hübsche 19-jährige Mädchen, das seinen Job in den USA aufgab, sein Elternhaus verließ, um Fungi nahe zu sein. Fungi, dessen sanfte Nasenstüber Siobhan als Kuss empfand, Fungi, von dem sie glaubte, dass er ihre Gefühle verstand, Fungi, der zwischen ihren Beinen tauchte, der es angeblich genoss, wenn sie nachts mit ihm schwamm, nackt und allein. Fungi, der Delfin, den sie liebte, den sie als ihren Angetrauten betrachtete, ihren Mann.

Es gab die jungen Frauen im Bikini, die so lange mit Fungi spielten, bis sich ihre Lippen blau färbten. Aber es gab auch die anderen, die älteren Frauen, von denen es in Dingle hieß, sie seien von ihren Männern verlassen worden und suchten im Delfin einen Ersatz. Manche wichen den Bootsleuten, die ihr Geld mit Fungi-Touren verdienen, nicht mehr von der Seite, sie umlagerten deren Büro, folgten ihnen aufs Wasser, so anhänglich waren sie, dass Eifersucht die Dingler Ehefrauen quälte. Dabei ging es nie um einen Mann, sondern immer nur um dieses eine, männliche Tier.

"Was ist eigentlich mit Missbrauch an Delfinen?"

Für Tina Fröhlich führt das alles zu weit. Ja, sie unterhalte sich in Gedanken mit Fungi, habe ihm auch von der Geburt ihres Enkelkinds erzählt. Aber mit einem Delfin zu schmusen sei ihre Sache nicht. "Wir reden immer von Missbrauch an Kindern. Aber was ist eigentlich mit Missbrauch an Delfinen?"

Dennoch macht gerade die Deutung des Schicksalhaften die emotionale Bindung zum Delfin stark. Tina verlor früh ihren besten Freund; er ertrank. Böse sei sie aufs Meer gewesen, sagt sie. Erst durch Fungi habe sie ihre Scheu vor dem Wasser verloren. Und auch bei Nick und Suzanne Massett ist der eigene Lebensweg mit dem Delfin verknüpft. Nick, der mit einem roten Hippie-Wagen durch Irland kurvte, entschied sich für Dingle wegen Fungi und der Delfinfreunde. Ähnlich erging es Suzanne, die Fungi dem Dubliner Stadtleben vorzog. Erst verband sie die Leidenschaft für den Delfin, dann wurde aus der Verbundenheit Leidenschaft. Und eines Tages sprang Fungi über die Verliebten hinweg, malte mit seinem Körper eine Acht in Himmel und Meer, und eine Freundin sagte: "Jetzt hat euch Fungi vermählt."

Die einen lieben Fungi für seine Wildheit, die anderen für seine Zutraulichkeit. Immer schwingt aber bei den Menschen ein gewisser Stolz mit, dass ein fremdes, intelligentes Geschöpf aus freien Stücken ihre Nähe sucht. "Ich fühle mich privilegiert, dass ich diese Erfahrungen mit Fungi haben durfte", sagt Nick Massett. Der Vertrauensbeweis des Delfins zeichnet den Menschen aus. Die Berührung des geachteten Wesens verzaubert und erhebt denjenigen, der es erhöht hat. Zumal, wenn der Delfin selbst die Intimität herstellt. Einmal legte Fungi seine Schnauze in Tinas ausgestreckte Hand. "Da bin ich den ganzen Tag durch Dingle gegangen und habe auf meine Hand geguckt." Schon bei der ersten Begegnung brachte Fungi Tina Fröhlich einen Aal. "Der wollte mir ein Geschenk machen", sagt sie. "Das macht der auch nicht mit jedem."

Fungi für alle

Sosehr sich jeder um eine persönliche Beziehung zu Fungi bemüht, so vehement weist jeder den Verdacht von sich, er mache Eigentumsrechte an dem Delfin geltend. "Der gehört allen", sagt Tina Fröhlich und ärgert sich über gewisse Leute, die plötzlich von "meinem Delfin" sprechen. Und doch fällt auf, wie oft und wie nachdrücklich die immer gleiche Botschaft verkündet wird: Fungi lehre die Menschen zu teilen.

Fast scheint es, als stünde der Delfin für das Gute schlechthin, der seine Spielgefährten zu besseren Menschen erzieht. Oder muss man sagen: Nur wenn alle den Delfin als Gemeinschaftsgut anerkennen, ist der Einzelne bereit, Besitzansprüche aufzugeben?

Angefangen hat alles recht profan. War es der Leuchtturmwärter, der Fungi als Erster bemerkte, oder waren es die Fischer, die im Winter 1983 das Tier entdeckten, das ihren Heimatort berühmt machen sollte? Zumindest fingen die Männer von Dingle abends im Pub an zu reden über diesen seltsamen Delfin. Nun bringt es keinen irischen Fischer aus der Fassung, wenn ein Delfin sich seinem Boot nähert. Delfine kommen, Delfine gehen. Jener Delfin aber blieb. Tag für Tag durchkreuzte er die Gewässer unterhalb von Tuirín Bán, dem kleinen weißen Turm auf der Felsspitze am Eingang des Hafens. Er war dort am Morgen, wenn die Fischerboote ausliefen. Er war dort am Abend, wenn die Boote heimkehrten, und das seit Wochen.

Ja, der Delfin begleitete sogar jedes einzelne Boot hinaus auf See und holte jedes einzelne Boot wieder ab, um ihm Geleit zu geben für die Rückfahrt. Einem Fischer hatte es der Tümmler besonders angetan. Fungi Face riefen ihn die anderen, da seine spärlichen Bartstoppeln im Gesicht an Pilzbewuchs erinnerten. Zwar zierte jenen Mann später ein dichter Bart, seinen Spitznamen aber erbte der Delfin.

Taucher aus halb Europa strömten nach Dingle

Im März 1984 passierte etwas, von dem man wohl sagen kann, dass es der Geschichte von Dingle und dem Delfin die entscheidende Wendung gab. Ein Mensch begegnete Fungi in seinem Element, im Wasser. John O’Connor, Elektriker von Beruf, hatte sich mit Neoprenanzug ins Meer gewagt. Vermutlich war er – als leidenschaftlicher Taucher – der Einzige in Dingle zu jener Zeit, der überhaupt so einen Anzug besaß. Denn in einem Dorf, in dem die Männer seit Generationen zum Fischen gehen, zieht es die Einheimischen nicht auch noch in ihrer Freizeit aufs Wasser. Auf dem Meer wird gearbeitet, Erholung sucht man an Land. So war das in Dingle vor über 20 Jahren. O’Connor hatte zwar von Fungi gehört, doch keineswegs suchte er an jenem Tag den Delfin.

Der Delfin kam zu ihm. Plötzlich tauchte er neben ihm auf und eskortierte O’Connor und seine Tochter zum Strand. Sofort informierte O’Connor die Freunde vom Tauchclub in Tralee, der nächstgrößeren Stadt. "Wollt ihr nicht herkommen", fragte er, "und mit dem Delfin schwimmen?" Sie wollten. Wann immer sich irische Taucher künftig trafen, erzählte O’Connor von dem Tier, und die, die ihn hörten, erzählten es weiter, und plötzlich strömten Taucher aus halb Europa nach Dingle. John O’Connor hatte Fungi nicht nur bekannt gemacht. Er hatte auch dafür gesorgt, dass sich der Delfin an den regelmäßigen Kontakt mit Menschen gewöhnte.

Niemals habe er auch nur einen Cent aus Fungi gemacht, sagt John O’Connor, und das können nicht viele von sich behaupten. Im Büro der Touristeninformation verkaufen sie Autonummernschilder, auf denen "Fungi" steht. Der eine schrieb ein Kinderbuch über Fungi, der andere ein Lied. Fungi, the dolphin, he always loves to play / Fungi, the dolphin, is here in Dingle Bay. Sie zeichneten, sie fotografierten, sie filmten ihn. In den Geschäften liegen Fungi-Karten und Fungi-Videos von Tina Fröhlich aus. Und auch ein ehemaliger Fischer, der in seinem Leben schon Hunderte Wale, Delfine und Seehunde gesehen hat, verleiht heute Neoprenanzüge an Delfinfreunde, obwohl er, ehrlich gesagt, den Hype um das Tier nicht ganz versteht. Das aber will er lieber nicht so laut sagen. "Die erschießen mich sonst", sagt er und lacht.

Denn die Menschen in Dingle leben mit und sie leben von dem Delfin. Eltern werfen die Nuckelflaschen ihrer Kinder mit den Worten ins Meer: "Die bekommt Fungi!" Der Priester segnet Fungi, dessen Ankunft nichts weniger als ein Segen für die ganze Region war. In Umfragen geben 76 Prozent der irischen Touristen an, sie kämen vor allem wegen Fungi nach Dingle. Fungi, sagt Tina Fröhlich, sei in Irland so bekannt wie Mickymaus in Amerika. Manche fahren sogar hinaus, um die Asche ihrer Angehörigen in Fungis Reich zu verstreuen.

"Wir sind abhängig von Fungi"

Und wen zog es nicht plötzlich alles nach Dingle? Pierce Brosnan, erschöpft von den Dreharbeiten für seinen ersten James-Bond-Film, tobte im Wasser mit Fungi und wurde hinterher mit dem Satz zitiert: "Das war wahrhaftig eine spirituelle Erfahrung." Eine Engländerin, Heilerin nannte sie sich, erkor Fungi zu ihrem Guru. Junge Leute campierten am Ufer, was genau sie trieben, wusste man nicht, aber man sah sie nackt um ein Feuer tanzen, und man raunte, sie würden den Delfin vergöttern. Aus der ganzen Welt reisten Journalisten an, um über Fungi zu berichten, selbst aus dem fernen Japan und Australien.

Schließlich gibt es nirgends einen anderen "freundlichen Delfin", der über so lange Zeit ohne Unterbrechung bei den Menschen blieb und mit ihnen spielte – ohne dass man ihn fütterte. Keiner kann sich erinnern, dass Fungi jemals toten Fisch annahm. Im Gegenteil, wollte man ihn füttern, posierte er Minuten später mit einem selbst gefangenen Lachs im Maul. Manchmal, heißt es in Dingle, schleuderte er seine lebendige Beute sogar an Deck jenes Bootes, in dem seine vermeintlichen Wohltäter saßen. "Fungi ist nicht abhängig von uns", sagt Jimmy Flannery, "aber wir sind abhängig von ihm."

Ein Amerikaner war es, der die Einwohner von Dingle auf eine Gewinn bringende Idee brachte. Fungi wolle er sehen, sagte der Fremde, gerne gegen Bezahlung, und so malte man kurzerhand ein Schild: "Delfintrips, drei Pfund". Das war im Sommer 1984. Mittlerweile operieren elf Boote, fünf davon gehören dem Flannery-Clan, auch Jimmys Söhne wurden zu "Fungi-Männern". So nennen die Einheimischen die Bootsmänner. 1987 hatte Jimmy, Nachfahre einer Fischerfamilie, den Job gewechselt. Immer mühsamer war der Lachsfang geworden, die ökologischen Schutzmaßnahmen immer strenger. Als man ihm auch noch in der Bucht von Dingle das Fischen verbot, tauschte Jimmy den Lachs in der Ferne gegen den Delfin vor der Haustür. Seine Familie warnte ihn, morgen schon könne das Tier verschwunden sein. Doch Jimmy Flannery setzte auf Fungi.

Seitdem steht er Tag für Tag im holzverkleideten Steuerhaus seines Bootes und hofft, dass Fungi "kooperiert". Wenn Flannery von dem "kooperativen" Delfin spricht, klingt es, als sei von einem Geschäftspartner die Rede, und das kommt der Wahrheit schon nahe: kein Delfin, kein Geschäft. Zahlen müssen die Passagiere nur, wenn Fungi sich zeigt.

Lesen Sie im dritten Teil: Der Starkult hinterlässt Spuren, in der Hochsaison gibt es bis zu 44 Delfintrips täglich

Doch Flannery weiß, wie er den Delfin locken kann: vorwärts, rückwärts fahren und im Kreis, bis das Wasser sprudelt, schäumt. Fungi, sagt er, liebe den Whirlpooleffekt. Selbst im Winter rücken manchmal sechs Schiffe gleichzeitig aus, an einem schönen Sommertag in der Hochsaison gibt es bis zu 44 Delfintrips. In der kleinen ruhigen Bucht von Dingle, umgeben von Schaf und grünem Hügel, wirken die Ausflugsboote wie ein Flottenverband in lockerer Formation, "Hast du ihn gesehen?" "Nein, du?" Über Funk halten die Kapitäne Kontakt, bis einer das graue Dreieck in den Wellen entdeckt: die Flosse. Sie kreisen den Delfin ein, und plötzlich sieht Fungi, dieses schwere, große Tier, unglaublich klein aus im Vergleich zu den Schiffswänden, die über ihm aufragen.

Nick Massett möchte sich das Treiben nicht ansehen. Wie eine Herde Wölfe, die ein Karibu jagt, kommen ihm die Boote manchmal vor, und dann kann er nicht anders, er freut sich, wenn Fungi alle ausgetrickst hat und den suchenden Blicken entkommen ist. Doch ist es so, dass der Delfin Mitleid verdient? Oder sagen nicht alle, dass der Delfin Geschwindigkeit liebt? Dass er vielleicht sogar, wie Jimmy Flannery glaubt, die Wettrennen genießt? "Man jagt Fungi nicht", sagt Tina Fröhlich immer wieder. "Fungi tut, was er will." Tatsächlich gibt es so etwas wie das Credo von Dingle, es lautet: Wenn sich der Delfin hier nicht wohl fühlen würde, würde er ja gehen.

Sicher ist, dass die Menschen Glück mit dem Delfin hatten und der Delfin Glück mit den Menschen. Weder reagierte Fungi aggressiv auf das Massenspektakel, noch drehte ein Fischer durch und tötete das Tier. Beides ist an anderen Orten passiert. Trotzdem hat der Starkult um den Tümmler, glauben manche, Spuren hinterlassen. Denn alle wollen immer nur eines: anfassen. An manchen Tagen schwammen 30 Touristen gleichzeitig im Wasser, grobe, kräftige Männer, die gleich einer grapschenden Meute von allen Seiten Richtung Delfin drängten, während Fungi selbst wie gebannt auf sein Spielzeug starrte, das Paddel, mit dem Jimmy Flannery ihn lockte. "Fungi hat das Vertrauen in die Menschen verloren", sagt Tina Fröhlich.

Ob der Delfin seiner Fans überdrüssig geworden oder ob er schlicht gealtert ist – den neugierigen Fungi, der sich mit Wonne am Bauch kratzen ließ, der seine Schnauze in O’Connors Achselhöhle steckte und ihn beiseite schob, nur um selbst den besten Blick auf den Meeresboden zu ergattern, gibt es nicht mehr. Nicht Taucher interessieren ihn heute, sondern kleine Boote. Nick und Suzanne haben begonnen, sich Fragen zu stellen. Als kürzlich ein anderer wilder Delfin an der Küste auftauchte, ließen sie in Ruhe. Fungi, sagen sie, habe eine bestimmte Grenze überschritten. Doch wiederholen wollen sie den Prozess nicht, den Fungi durchgemacht hat.

Niemand in Dingle spricht gern über Fungis Tod

Hat sich Fungi in den Jahren verändert? "Vielleicht ist er langsamer geworden – so wie ich", sagt Jimmy Flannery. Und berühren lasse sich der Delfin auch nicht mehr gern. "Aber er ist aktiv! Er ist gesund!" Das sagt Flannery laut, fast wütend. Kürzlich haben wieder zwei Radiosender gemeldet, Fungi sei krank. Da hat Flannery die Radiostation angerufen und den Journalisten mitgeteilt, er selbst habe Fungi gesehen, er höchstpersönlich könne bezeugen, dass es Fungi gut gehe. Jimmy Flannery hatte das Gefühl, es sei seine Pflicht, die Dinge klarzustellen. Für die letzten 19 Jahre, in denen er das Geschäft mit dem Delfin betreibt, gelte Folgendes: An jedem Tag, an dem die Boote hinausfuhren, wurde Fungi von mindestens einem Boot gesichtet.

Niemand in Dingle spricht gern über Fungis Tod, tut man es doch, hat es den Anschein eines Tabubruchs. "Es wäre ein Verlust für die ganze Nation", sagt Jimmy Flannery. "Selbst den Fischern würde es das Herz brechen", glaubt John O’Connor. "Etwas würde fehlen", sagt Nick Massett, die Bucht wäre leer, das Meer gliche einem verlassenen Haus. Die Menschen würden trauern, und vielleicht würden alle Boote gemeinsam hinausfahren, dem Delfin zu Gedenken.

Auf gute 30 Jahre schätzt man Fungi heute. Sieben, acht, neun Jahre war er wohl alt, als er nach Dingle kam, seiner damaligen Körpergröße nach zu urteilen. Mögen Biologen von einer Lebenserwartung von über 30 Jahren ausgehen, Jimmy Flannery hat schon von einem 47-jährigen Delfin in Kalifornien gehört, und in Brasilien, weiß Flannery, soll es sogar wilde Delfine geben, die wurden 60.

Fern also ist jener Tag X, hoffentlich, an dem in Dingle eine neue Zeitrechnung beginnt. Noch kann sich Flannery an der Freude anderer erfreuen: Kleine Kinder klettern auf die Sitze, alle starren aufs Wasser. Sie hören ein Prusten, sehen einen Schatten, sie beugen sich vor, strecken die Arme aus. "Dort ist er, dort!" "Hey! Hey!", rufen die Menschen, sie feuern den Delfin an, schreien seinen Namen, und wirklich, es ist ein magischer Moment, wenn sich der Delfin aus dem Wasser stemmt, wenn sein dunkelgrauer Leib aus den Wellen ragt, kerzengerade, mit silbern glänzender Haut. Wenn aus der Tiefe des Meeres, diesem anderen, dem Menschen verborgenen Lebensraum, plötzlich ein Wesen erscheint und in das Boot äugt, und dieses Auge, das dem menschlichen doch so ähnlich sieht, schaut dich an, dich! Dann hallt ein Jubeln und Jauchzen durch die Bucht, ein an- und abschwellendes Freudengeheul im Rhythmus des auf- und untertauchenden Delfins.

Wer sagt, dass nicht auch Glück heilt?

Überall in Dingle finden sich Belege für geschenktes Glück: Briefe, Kinderzeichnungen, Gedichte in Ordnern und Alben. Worte des Dankes. Mal geht es nur um ein schönes Ferienerlebnis, oft um die Erfüllung des letzten Wunsches. "Ich habe mein Morphium abgesetzt, um wach zu sein für Fungi", schreibt eine junge Frau, todgeweiht, die mit dem Delfin schwamm. Wenn Jimmy Flannery die Zeilen liest, die vielen handschriftlichen Seiten, muss er blinzeln wegen der Tränen.

Doch es gibt auch die anderen, hoffnungsvollen Geschichten. Ein junges Mädchen kam einst nach Dingle: krebskrank, glatzköpfig, austherapiert. Versunken im Schmerz. Ihre Mutter und ihre Tanten begleiteten sie, alle dachten, es sei ihre letzte Reise. Sie blieb eine Woche, sie sah Fungi springen, und sie fing an zu lachen und hörte gar nicht mehr auf. Wenig später erreichte Dingle die Nachricht: Der Krebs sei besiegt.

Er glaube nicht an magische Heilkräfte des Delfins, sagt Jimmy Flannery. Aber wer sagt, dass nicht auch Glück wirkt? Jedes Jahr kommt die englische Familie seitdem nach Irland, um Fungi zu besuchen. Stunden verbringt sie auf dem Boot, den Rest der Zeit steht sie am Ufer, hält Ausschau nach dem Delfin. "Es ist wie eine Pilgerreise", sagt Jimmy Flannery. Dingle, diese fromme katholische Gemeinde, die am schwarzen Brett ihrer Kirche zu Pilgerfahrten nach Lourdes und Rom aufruft, hat jetzt ihr eigenes kleines Wunder, auch wenn niemand es so nennen mag.

Immer mehr Kranke strömen nach Dingle, seitdem die Kunde geht, der Kontakt mit Delfinen sei von therapeutischem Nutzen. Jimmy Flannery und seine Kollegen tun ihr Bestes. Behinderte Passagiere zahlen nichts für den Bootstrip, ebenso wenig die Kinder aus Tschernobyl, die jedes Jahr kommen. Doch man wird auch genötigt, Glück zu schenken. Die Bitte kann zur Forderung, die Forderung zur Zumutung werden. "Nehmen Sie mein Kind mit auf Ihr Boot!" So sprach eine Mutter einen wildfremden Mann an und schickte ihr taubes, autistisches Kind auf den rauen Atlantik, in einer winzigen Jolle. Nicht die Mutter, der Segler war es, der an eine Schwimmweste dachte.

Eine heile Gegenwelt

Und auch diesen Fall gibt es, dass Eltern mit dem baldigen Tod ihres Kindes drohen und eine Sonderbehandlung erpressen, und plötzlich springt das angeblich schwache, sterbenskranke Kind aus dem Rollstuhl und tollt vergnügt im Wasser herum, und bei den einheimischen Helfern bleibt ein seltsam schaler Geschmack zurück.

"Ich finde es schön, dass keiner besonders ist", sagt Tina Fröhlich. Jeder zähle für Fungi gleich, egal, ob er behindert sei oder Millionär. Wenn Tina über die menschliche Gesellschaft spricht, redet sie von Konkurrenzkampf und Ellenbogen. Der Delfin hingegen verkörpert eine heile Gegenwelt, in der auch der angenommen wird, der es unter seinesgleichen nicht leicht hat. Und so kann man wohl sagen, dass alle Menschen dem Delfin etwas verdanken.

Was der Delfin den Menschen verdankt, weiß dagegen niemand so genau. Eines aber glaubt Jimmy Flannery ganz fest: Mögen auch andere Delfine draußen an den Steilklippen vorüberziehen, Fungi wird ihnen nicht folgen. Er wird hier bleiben, in Dingle, seiner selbst gewählten Heimat.

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