Südnorwegen Teletubbies auf Lachssafari
Stavanger/Sand - Wie gut, dass die Gegend so dünn besiedelt ist - und die Norweger Spaß verstehen: Einer Truppe Teletubbies gleich watschelt eine Hand voll Touristen zum Fluss. Die roten XXXL-Überlebensanzüge samt Kopfhaube und angenähten Stiefeln lassen sie zu geschlechtslosen Wesen mit kurzen Beinen und Megafalten werden: Vorteilhaft sieht niemand aus. Einzig Bjørn Moe macht eine gute Figur. Kein Wunder - schließlich verdient er rund 75 Euro pro Person, wenn er Urlauber in die unsinkbaren Anzüge steckt und mit ihnen eine "Lachssafari" macht.
Preikestolen-Kanzel im Lysefjord: Aquavit verdünnt mit Fjordwasser
Foto: GMSDie Idee sei ihm 1999 gekommen, erzählt Moe. Damals habe er zusammen mit Biologen versucht, hier im Suldalslågen - einem der wichtigstem Lachsflüsse Südwestnorwegens - die Fische bei ihrer jährlichen Laichwanderung stromauf zu zählen. Mit Taucherbrille und Schnorchel legten sie sich im Neoprenanzug bäuchlings aufs Wasser und trieben mit der Strömung den Fischen entgegen. Genau das steht heute auch auf dem Programm. "Don't panic!", beruhigt Moe - kein Grund nervös zu werden. Rechtzeitig vor dem Wasserfall sei Schluss.
Lachse gehören neben der spektakulären Fjordlandschaft zu den Hauptattraktionen hier in Ryfylke, der Küstenregion nördlich der Hafenstadt Stavanger. Wenn die Lachssucher in den Fluss steigen, schmerzt ihr Gesicht, bis die Kälte jedes Gefühl aus der Haut vertreibt. Vergessen sind die tief über dem Tal hängenden grauen Regenwolken, die die Gegend auch im Spätsommer in eine Waschküche verwandeln.
Stavanger: Weiße Holzhäusern und enge Wegen im Altstadtviertel
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Dosenfische aus Stavanger: Die Norweger erfanden den Laschenverschluss
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Lachssafari: Treibende Teletubbies
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Hier in dieser strömenden Welt unter der Flussoberfläche wechselt der Betrachter die Perspektive: Er wird zum Vogel, der mit rasantem Tempo über Kugeln und Eier aus Granit fegt. Helle, fast weiße Steine wechseln sich mit dunkelgrauen ab, alle sind rund geschliffen von der Strömung und der Kraft der Eiszeiten. Kurz hinter einer alten Eisenbahnbrücke fällt eine Felswand steil ins Wasser. Hier beruhigt sich die Strömung, der Fluss ist 15 Meter tief, doch die bis zu anderthalb Meter langen Wildlachse zeigen sich nicht.
Das Tal des Suldalslågen oberhalb des Küstenortes Sand lockte bereits vor mehr als 100 Jahren Angler an: Der englische Lord Archer pachtete Ende des 19. Jahrhunderts die Fischrechte am gesamten Flusslauf gleich auf Jahrzehnte. Ihm folgten weitere "Lachslords" als Unterpächter - nicht alle adelig, doch wohlhabend genug, um herrschaftliche Ferienhäuser am Fluss zu errichten. Reisenden kommt dies heute zu Gute. Eines der Anwesen ist ein Hotel: das "Lakseslottet Lindum", das 1884 erbaut wurde. Mit typisch norwegischer Bauweise - weinrot mit weißen Fenstern - entführt das Lachsschloss den Gast dank seiner musealen Ausstattung in jene Zeit, als der Hausherr noch aus England stammte, kurioserweise aber Montagu Richard Waldo Sibthorp hieß. Hinter dem Haupthaus, direkt am Ufer des Suldalslågen, steht der angeblich größte Badezuber Norwegens: eine Holzwanne, deren Wasser mit einem Holzofen geheizt wird - mit einem kühlem Bier in der Hand lassen sich darin auch ungemütliche skandinavische Sommerabende bis weit nach Mitternacht aushalten.
Zuchtlachse sind träger als Wildlachse
Die Angelsaison im Suldalslågen währt nur kurz: Der Fluss gilt als später Lachsfluss, erst zwischen August und September sammeln sich die Wildlachse im Meer vor der Mündung des Flusses, um gegen die Strömung zu ihren Paarungsplätzen zu wandern. Für Lachs und Meerforellen beginnt sie immer am 15. Juli. Ende ist der 20. September. Wildlachs von mehr als 75 Zentimeter Länge ist allerdings geschützt und muss von den Anglern wieder ausgesetzt werden. Das Gleiche gilt, wenn die Edelfische kleiner als 35 Zentimeter sind oder mit Würmern und Krabben geködert wurden. Einzig das Fliegenfischen ist erlaubt, das Angeln mit leichten, künstlichen Ködern, die an der Oberfläche treiben.
Lebende Lachse sind schließlich doch zu sehen. Unterhalb der Stromschnellen des Wasserfalls Sandsfossen sammeln die Fische ihre Kräfte. Damit aus Fischfarmen entkommene Zuchtlachse sich nicht mit den kräftigeren Wildlachsen kreuzen, wurde hier eine Falle in den Fluss eingebaut: Während die Wildlachse in der Regel den kürzesten Weg nehmen und über die Felsen der Stromschnellen springen, müssen die verhätschelten Zuchtformen die eingebaute Fischtreppe nehmen, eine Kaskade kleiner, miteinander verbundener Becken, am Ende mit einem Gitter versperrt. Vom Lakse studioet - dem Lachsstudio - aus, einem direkt am Ufer in die Tiefe gebauten Beobachtungsposten, können die in die Falle gegangenen Fische wie in einem Aquarium durch eine Scheibe beobachtet werden.
Nicht so edel, aber dafür sehr zahlreich, waren einst die Fische, welche die Industrialisierung Stavangers einleiteten: Sprotten. Die handgroßen, heringsartigen Fische machten die Hafenstadt Stavanger von 1860 an für Jahrzehnte zum Zentrum der norwegischen Konservenindustrie. Die Branche boomte. Ende der zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts gab es hier 72 Konservenfabriken, danach ging es bergab. Die Fabriken in Stavanger wurden nach und nach alle geschlossen.
Revolution in der Fischkonserventechnik
Eine alte Fischfabrik, gelegen im von weißen Holzhäusern und engen Wegen gekennzeichneten Altstadtviertel Stavangers, beherbergt heute das Norwegische Konservenmuseum: Die Ausstellung in der ehemaligen Packhalle zeigt, wie nach und nach Handarbeit durch Maschinen verdrängt wurde. Doch wie der Direktor des Museums, Piers Crocker, betont, haben sich die norwegischen Fischbarone nicht nur auf Rationalisierung verstanden: "Die Entwicklung der Konserve wurde auch entscheidend voran gebracht: Hier wurde der Laschenverschluss erfunden, der Dosenöffner überflüssig machte."
Im Hinterland Stavangers, Ryfylkes, ist der landschaftlicher Höhepunkt der 40 Kilometer lange Lysefjord, den Ausflugsboote bei Tagesfahrten ansteuern. Hier offenbart sich die grandiose Dramatik einer Region, die aus Wasser und Fels in Jahrmillionen geschaffen wurde. Das Plateau des Preikestolen - zu Deutsch: Predigtstuhl - überragt das Wasser um 604 Meter. Das obere Stück, die fast quadratische Kanzel, hängt vorne über. Von unten betrachtet, kommt unweigerlich die Befürchtung auf, der Koloss könnte sich lösen.
Zu diesem Respekt einflößenden Anblick serviert die Besatzung Aquavit - wahlweise verdünnt mit dem frischen Nass jenes Wasserfalls, der neben dem Boot in den Fjord donnert. Eigens dazu schickt der Kapitän seine Matrosin mit einem Kübel voran. Unbeeindruckt von der kalten Dusche erledigt sie mit einem Lächeln ihre Pflicht - feuchte Späße scheinen den abgehärteten Nachfahren der Nordmänner im Blut zu liegen.
Von Arnd Petry, gms