Suffolk: Auf lukullischer Mission - DER SPIEGEL
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Suffolk Auf lukullischer Mission

Während sich der Großteil Englands noch von durchgeweichten Sandwiches ernährt, hat sich das Dorf Orford in Suffolk ganz dem kulinarischen Genuss verschrieben: Zwischen einem vermeintlichen Ufo-Landeplatz und einem ehemaligen Militärsperrgebiet wird dort nach allen Regeln der Kunst geschlemmt.
Von Benedikt Mandl
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Rußschwarz ist das Eisbein, braun wie Karamel gleich daneben ein dicker Laib Stilton Käse. Das Hühnchen dazwischen lacht den wenigen Kunden in derselben Solariumsbräune entgegen wie das junge Mädchen an der Kasse. Das Kerngeschäft von Orfords Räucherstube aber stützt sich auf die Fänge der ansässigen Fischer, die jeden Morgen von ihren Fanggründen vor der Küste Suffolks mit Becken voller Fisch, Krabben und anderen Meeresfrüchten heimkehren. England, das Land der wabbeligen Sandwiches, der lieblos angerührten Kohlsalate und der fritierten Schokoriegel?

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Orford: Englische Idylle

Foto: Benedikt Mandl

Bei aller Liebe der Deutschen zu Land und Leuten auf der Briteninsel, für kulinarische Genüsse ist sie mehr berüchtigt als berühmt. Doch England, das kann sehr weit weg sein an der Küste der Grafschaft Suffolk, dem östlichsten Rand der Insel. Dort versteckt sich die kleine Gemeinde Orford, ein Fischerdorf mit ein paar Pensionen und einer Burg, recht vielen Schafen und sehr alten Häuschen, die verdächtig nach Hobbit riechen. Mehr Geheimnis als Geheimtipp sind die Restaurants und Räucherstuben Orfords, die dem Dorf den Ruf einbrachten, Gourmethauptstadt Englands zu sein.

Dass Orford eine Stadt ist, ja gar Hauptstadt, das wird niemand ernsthaft glauben. Von der unenglischen Wertschätzung für gepflegte Schlemmereien zeugen aber zahlreiche Restaurants und Pubs, die stolz Rezensionen durchaus nicht nur von Lokalzeitungen, sondern auch von internationalen Gourmetführern in ihre Fenster hängen. Die Kundschaft ist denn auch sehr wählerisch: Die wenigen Touristen, die sich nach Orford verirren, kommen gezielt wegen der Restaurants und treffen ihre Wahl mit strengem Kennerblick.

Restaurants mit eigenen Austerbänken

"Halbwegs frische Austern bekomme ich zu Hause auf dem Markt zwar auch", erzählt eine ältere Dame vor einem Restaurant. "Die sind dann aber meistens nicht so saftig wie Orford Austern, und außerdem weiß man nie genau, wo sie denn eigentlich herkommen." Das doch sehr britische Misstrauen zur Herkunft von diesem und jenem können die Wirte von Orford leicht parieren: Mehrere Restaurants haben ihre eigenen Austernbänke, die erst vor einigen Jahren frisch bestückt werden mussten, um eine eingeschleppte Art loszuwerden. Die Fische kommen von hiesigen Fischern und das Geflügel und Lammfleisch von Bauern aus der Umgebung - nur der Wein ist zumeist französisch.

"Der Sinn für Feinkost ist Ausdruck einer Eigenwilligkeit, die typisch für den Osten des Landes zu sein scheint. Als einst ein neuer Bischof von Norwich sein Amt antrat, empfahl ihm sein Vorgänger, er solle sich vor Prozessionen doch nach dem Weg seiner Gemeinde erkundigen - so könne er ihr vorangehen, um den Anschein zu erwecken, er führe die Menge an ihr Ziel. Die Burg von Orford wurde denn auch in siebenjähriger Bauzeit ab 1165 errichtet, um die aufmüpfigen Grafen von Suffolk zur Königstreue zu erziehen, etwa zehn Prozent des jährlichen Staatshaushaltes verschlang der Bau. Geholfen hat das freilich wenig: Mehrmals kam es zu Rebellionen in Suffolk, auch König Louis von Frankreich nutzte Verbündete aus der Region bei seiner Invasion 1216.

Heute ist die Burg von Orford im Besitz der Organisation "English Heritage" und für Besucher zugänglich. Aus den Kopfhörern der Audiotour entnehmen sie Legenden über den Orford Wassermann, der sich dereinst im Netz eines Fischers verfangen haben soll, und eine angebliche Landung deutscher Truppen im Zweiten Weltkrieg direkt vor dem Dörfchen auf der Halbinsel Orford Ness.

Betonpagoden für Nukleartests

Der Legendenbildung zuträglich war dabei sicher die Nutzung von Orford Ness: Was heute halb Wildnis, halb apokalyptische Ruinenlandschaft ist, war von 1913 bis in die achtziger Jahre militärisches Sperrgebiet. So abgelegen die Küste von Suffolk auch sein mag, ist sie dennoch relativ nah zu London und erwies sich als perfekt geeignet für Tests von Raketentechnikern. So entrückt schien das Terrain, dass man Geheimnisse denkbar gut gehütet glaubte. Das britische Verteidigungsministerium ließ riesige Betonpagoden errichten, um Tests für sein Nuklearprogramm durchführen zu können. Offiziell entwickelten die Wissenschaftler jedoch nur die Zündmechanismen für Großbritanniens Atombomben.

Noch geheimnisvoller als die Waffentests von Orford Ness ist ein Zwischenfall, der sich 1980 nur wenige Kilometer von Orford entfernt ereignete und als "Rendelsham-Affäre" berühmt wurde. In einem Wald unweit zweier Kasernen ging ein Flugobjekt nieder, das Augenzeugen ursprünglich für ein abstürzendes Flugzeug hielten. Amerikanische Soldaten, in einer der Kasernen stationiert, eilten zu Hilfe - fanden jedoch nur merkwürdige Lichterscheinungen über den Bäumen. Einige berichteten später von einem "dreieckigen, metallischen Objekt von etwa drei Metern Durchmesser" auf einer Lichtung. Spätere Untersuchungen ließen die ursprünglichen Aussagen zwar unglaubwürdig erscheinen, dennoch war Suffolk buchstäblich über Nacht zum Schauplatz von "Großbritanniens Roswell" geworden.

Berühmt wurde Orford dadurch aber auch nicht. Bestenfalls ein wenig bekannt, und selbst das nur für ein paar Wochen. Heute sind viele der Kasernen in der Region aufgegeben, überwuchert und als Attraktion höchstens noch für Zugvögel und Vogelbeobachter tauglich. Wer auf lukullischer Mission nach Orford kommt, der findet das Dorf in derselben stillen Idylle vor, wie es seit Menschengedenken dagelegen hat.

Massentourismus unerwünscht

Dem Chef des Rauchhauses ist das durchaus nicht unangenehm. Mit Leichtigkeit wuchtet der bullige Mittfünfziger dicke Säcke mit Wacholderholz vor dem Haus zu Stapeln. Seine Kundschaft finde er auch ohne Massentourismus, erklärt er wortkarg. Und wie zur Bestätigung trippelt just in diesem Augenblick eine Hand voll alter Damen in den offenen Verkaufsraum und bedient sich unter fröhlichem Geschnatter von den Kostproben: geräucherter Lachs, Heilbutt, Aal. Wie so viele Orte in der Einöde folgt auch dieses Fischerdorf seinen eigenen Regeln. Und kokettiert damit auf sehr englische Weise, auch im Rauchhaus. Dort mahnt ein Hinweisschild über den Verkaufsvitrinen die Kundschaft: "Rauchen verboten!" Massenhafte Verkäufe sind unerwünscht, hier ist Orford, bloß nicht weitersagen.