Sylt Strandort Deutschland
Es ist kurz nach elf Uhr morgens, als Schalke-Fan Manfred Hildeborn seine Oberbekleidung ablegt, sich das erste Pils des Tages an die Lippen führt und behauptet: "Entweder du liebst Sylt oder du hasst es." Hildeborn liebt die Insel. Seit sieben Jahren kommt er jeden Sommer an den Westerländer FKK-Strand. Der Bochumer steht breitbeinig vor seinem Strandkorb, der mit Kühltasche, Dosenhaltern, Beinablegern und ausgebreitetem Ferrari-Handtuch wie ein gigantischer Fernsehsessel anmutet.
Drum herum Hildeborns Reich: ein Rondell aus fein geharktem Sand. Die Südseite begrenzen angeschwemmte Kanister, kleine Muscheln säumen die Westfront, und das Gartentor ist aus zwei mit Badelatschen behängten Besenstielen gefertigt. "Das reinste Paradies hier, oder?" Hildeborn blickt zufrieden auf die Nordsee, ist splitternackt und der lebende Beweis dafür, dass man die bekannten Sylt-Klischees getrost in den Wind schreiben kann.
Insel der Schönen und Reichen? Refugium mondäner Banker und gefeierter Promis? Sylt ist vor allem eins: echt deutsch. Wer Zweifel daran hat, sollte einen Spaziergang machen - einmal über den berühmten Weststrand.
Vom Lister Ellenbogen bis zum einstigen Flakstützpunkt Hörnum im Süden zieht sich der sandige Streifen, dieses eigenartige Zwischenreich, das sich nicht entscheiden kann, ob es zum Land oder zum Meer gehört. Vierzig Kilometer fein gemahlener deutscher Boden, umrahmt von schäumender See und erhabenen Dünen.
Welch eine Arena: Im Sommer verwandelt sich der Deutschen heiligstes Feriengestade zu einem kunterbunten Open-air-Theater, auf dessen Bühne das Sylter Ferienglück seinen Höhepunkt erreicht. Da joggen entblößte Dicke ungeniert durch den Spülsaum des Meeres, spielen Hausfrauen Skat unter Sonnenschirmen und ritzen auf dem Boden krabbelnde Philatelisten virtuos Motive in den Sand: Wer die Briefmarke als erster errät, gewinnt.
Merkwürdige Dinge passieren hier. Vielleicht weil der Strand zur Freiheit einlädt. Weil die See Sehnsüchte weckt nach anarchischem Rausch. Es ist ein Sahnetag. Die Sonne strahlt, der Himmel stahlblau, Möwen kreisen in der Brise. Die berühmte Westerländer Kurpromenade, wo um die vorletzte Jahrhundertwende Adlige und reiche Pfeffersäcke in die Fluten gerollt wurden, wimmelt von Menschen. Erhobenen Hauptes flanieren die Teutonen über ihre Erholungsmeile, vorbei an Eisbuden und bunten Kiosken, die Postkarten mit Luftansichten verkaufen, Tassen mit Friesensprüchen und inselförmige Sticker in Grün, Gelb und Silbermetallic: Sylt als klebendes Kofferraumbekenntnis.
In der Nähe des Syltness-Centers endet die Einkaufsmeile Friedrichstraße am Nordseeufer. Hier bieten Nippes-Läden Haigebisse an, werden Leuchttürme zum Spielen verkauft, Kescher und allerlei maritimer Krimskrams. Neugierige Kinder müssen zur Vernunft gerufen werden, während Papa mit eiserner Miene weiter schreitet, die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Ferien und Familie sind unter Kontrolle.
Dann, es ist High Noon, der Paukenschlag. In der Westerländer Musikmuschel stimmt das Kurorchester Edvard Griegs Huldigungsmarsch an, und Hunderte von Bild-Zeitungen, Hörgeräten und Sandalen rücken auf den Sitzreihen artig in Position. Klänge von Geigen, Bratschen und kreischenden Möwen vermischen sich zu einer einmaligen Sylter Sinfonie, während 500 Kurgäste andächtig lauschen und sich hier und da eine Sohle mit hochgeklappten Zehen im Takt bewegt. Eine eigenartige Atmosphäre liegt in der Luft. Wie diese Stimmung beschreiben? Vielleicht mit diesem Wort: Ordnungszufriedenheitsglück.
Das Konzert schließt mit Schuberts Traummelodien. Zwei Damen sitzen noch auf einer Bank an der Promenade und mustern ihren Urlaubsort. Dann schreiten die Gatten der beiden heran und bleiben mit Steingesichtern an der Bank stehen. Einer von ihnen wippt kurz auf den Fußballen: "So, Friede, wir sollten." "Ja, Horst, wir gehen."
Dann gehen sie. Ihnen zu Füßen der Strand. Dahinter, silbrig und groß, die Nordsee. Nur 100 Meter weiter, unter Hip-Hop-Dröhnen, stählt sich die Sylter Avantgarde am Strand. Am Westerländer Fun-Beach spielen in der Sonne glänzende Waschbrettbäuche Volleyball, Kite-Surfer tragen ihre Boards ins Meer, während eine Traube eisigcooler Teens mit dunklen Sonnenbrillen im Sand abhängt. Diesen Abend, so das Gesprächsthema, soll eine fette Party am Strand steigen. Doch nicht jeder wird dabei sein dürfen - denn auch beim Sylter Nachwuchs gelten bereits strenge Regeln. Nur Auserwählten wird später eine SMS aufs Handy geschickt, mit den Geheimkoordinaten über das Wo und Wann.
Zwei Surfer mit kurzen blonden Haaren wollen ins Meer, die Nachmittagsbrandung reiten. "Na ja", erklären sie betont gelangweilt, "zur Party kommt nur, wer tight ist, sonst flasht das nicht." Zu Deutsch: Nur wer die richtigen Klamotten trägt und die korrekte Musik hört, darf kommen, sonst macht das alles keinen Spaß. Die Youngsters gehören zur New School. New School? Ja, das sei ein besonderer Lebensstil. Krass drauf sein, radikal, sich auf dem Skateboard so viele Knochen wie möglich brechen. Und MTV hören, stimmt's? Quatsch: "MTV sucks!" Die beiden sagen's und tragen ihre schlanken Boards in die Wellen, mit Shorts, die ihnen bis unter die Kniekehlen schlabbern. Wer jetzt ein wenig Einsamkeit will, sollte nach Norden wandern. Den fast weißen Strand entlang, die warme Nachmittagssonne im Rücken. Barfuß, versteht sich. Durch den schmeichelnden Sand unten am Wasser, wo dunkelgrüne Wellen brechen, das Land ablecken und alle Spuren davonspülen. Hoch oben auf den Dünenrücken biegt sich das Schilfgras im Wind, dahinter, dunkelblau, der Himmel. Viel Raum und Zeit, um den Gedanken freien Lauf zu lassen.
Zum Beispiel diesem: Warum ist eigentlich kein Däne, kein Schwede, kein Franzose, kein Spanier, kein Italiener, kein Engländer am Sylter Strand zu entdecken? Merkwürdig. Es muss an dem Vorurteil liegen, dass Deutschland zu kalt ist - und dass es nicht nur die Temperaturen sind, die unterhalb der Spaßgrenze liegen.
Lesen Sie in Teil 2: Der Mythos der freizügigen sechziger Jahre
Auf dem Weg nach Norden taucht Buhne 16 aus den Dünen, jener berüchtigte Teil des Kampener Strands, an dem sich vor Jahrzehnten die Schickeria um Gunter Sachs entkleidete und Schampus schlürfend Party machte. Geld, flotte Mädchen und hemmungsloses Treiben: Noch immer klebt der Mythos der freizügigen sechziger Jahre an diesem Strandabschnitt, der nur aus einer Bude und einem kleinen Café besteht.
Doch keine Spur von Stars oder Sternchen. Stattdessen stehen fünf Eisenten mit goldgeränderten Brillen auf der Holzveranda, sehr teure Jeanshemden über den Bäuchen und volle Weingläser in den Händen. "Stößchen!", ruft eine sichtlich angeschickerte, stark gepuderte Dame in die Runde. Und dann prosten sie sich zu, die Arme gen Abendsonne erhoben.
Acht Kilometer nördlich beginnt die große Freiheit. Am Ostindienfahrerhuk steht ein Leuchtturm, der schon die alten Seefahrer begrüßte. Ab hier streckt sich der Ellenbogen in die Meerenge zwischen dem dänischen Rømø und List. Die anarchische Sanddünenlandschaft dieses schmalen Nehrungshakens bildet Deutschlands nördlichen Grenzpunkt: Noch spät abends glüht die rote Sonne am Himmel, fast lilafarben wiegt sich das Gras vor dem leeren Strand, ein einsamer Windsurfer zieht seine Bahn. Am Ende des Sandzipfels drückt die Flut glitzernde Kabbelwellen in die Bucht - ein Meer der Ruhe.
Nur bei Vollmond hallt großes Tamtam über den Ellenbogen. Dann veranstaltet Bambus-Klaus, der die schlichte Bushaltestelle am Lister Strandparkplatz in eine Art nordfriesische Reggae-Pinte umgebaut hat, seine legendären Full-Moon-Sessions: Hunderte tanzen dann in den Dünen, zu schrillen Klängen und wummernden Bässen. Das Gerücht geht, dass sich zu den ausgelassenen Nächten sogar einige Dänen auf die Insel trauen und bis in die Frühe feiern.
Am nächsten Morgen hängt Seenebel über dem Weststrand. Zwei Frühaufsteher laufen durch den Dunst, ein seichter Ostwind streicht übers Meer. Ansonsten: Stille. Wie leer geputzt liegt der Strand im fahlen Licht. Erst um zehn besetzen die ersten Rettungsschwimmer ihre orange angestrichenen Stelzenhäuschen. Ein junger, sehniger Mann hängt neben seiner Bude an einem alten Windsurfer- Gabelbaum und klimmt sich in Form. Langsam bricht die Sonne durch den diesigen Schleier und wärmt den Sand. Welch friedliches Idyll! Noch. Denn gegen elf Uhr ist Schluss mit der Ruhe. Unterwegs gen Süden kündigen sich die ersten Kolonnen von Strandgängern an. Beladen mit Schwimmringen, Schippen und Tragetaschen kommen sie über die Dünen, fluten die Strandübergänge und nehmen ihre Plätze ein.
Hunderte von Strandkörben stehen in Reih und Glied, mit allen erdenklichen Utensilien behangen. Pinguinbestickte Badematten baumeln als Sonnenschutz, Nivea-Bälle fliegen durch die Luft, und unten am Wasser schmeißen die Nackedeis juchzend mit Matsch. Hurra, es ist Sommer! Eigentlich beste Voraussetzungen, um sich zurückzulehnen und das Leben zu genießen - aber vorne in der Hundezone gibt's Ärger. Die braun gebrannte Dame aus Nummer 276 hat sich vor dem Strandkorbvermieter aufgebaut. Der Dalmatiner aus der Zwo-Null-Zwo soll nun schon zum zweiten Mal sein Häufchen in den Dünen gemacht haben. "Gibt's doch gar nicht, so was!" Entrüstet zeigt die Dame auf das Schild: "Hunde an der Leine führen!" Wenn Blicke töten könnten - Dalmatiners Herrchen würde schon im Sand liegen.
Doch solche Regelwidrigkeiten sind selten. Was erlaubt und verboten ist, gebieten Schilder, im Schnitt alle 400 Meter eines. Der Weststrand ist mit 300 Untersagungen und Anweisungen verbarrikadiert wie der Randstreifen einer Hauptverkehrsstraße. Etwa "Baden verboten!" überall da, wo scharfkantige Buhnen lauern. Oder das unpopuläre "Burgen bauen untersagt!" Die territorialen Maulwurfshügel fördern Erosion und somit letztlich das Verschwinden der Insel.
Es ist ja auch eine beängstigende Vorstellung: Es gibt 80 Millionen Deutsche, aber nur einen so imposanten Strand wie auf Sylt, wo Säbelschnäbler fliegen und in den Dünen Glockenheide, Sumpfbärlapp und Kriechweide wachsen. Das will geregelt sein. Und meist herrscht Ordnung am Beach. Regungslos liegen die Sonnenanbeter in ihren Körben und lugen alle paar Minuten über ihre Zeitungen.
Die allerdings klappen gleich reihenweise runter, als südlich von Rantum plötzlich ein Mädchen erscheint. Relana trägt ein leichtes Tuch um die schlanken Hüften, eine gelbe Blume im Haar und ist der Fleisch gewordene Sonnenschein. Sie kommt von Mauritius, wurde mit ihrer Folklore-Band eigens aus dem Indischen Ozean eingeflogen, um am Abend im "Sansibar" im Sand zu tanzen. Relana spricht nur Französisch. Wie es ihr auf Sylt gefalle? Sie überlegt. "C'est pas mal", sagt sie, höflich. Nur das Wasser sei doch recht frisch. Und wo denn die Palmen seien?
Am späten Nachmittag hat sie ihren ersten Auftritt. Das Lokal brummt. Kein Platz mehr auf der Terrasse, wo die Haute Volée ihren Lieblings-Chablis herbeischnippt und Erstbesuchern angesichts der Menüpreise der Mund offen steht. Mehr als 1000 Weine lagern im Keller. Wer den Nachbartisch toppen will, kann iranischen Kaviar ordern. Kilopreis auf Anfrage.
Spät am Abend sinkt die Sonne, der Himmel beginnt zu bluten. An Tisch acht qualmen die Zigarren und klingen die Cognac-Gläser. Ein Beau in Hellblau doziert über die neuesten Bademoden, während ein schwer beschwipster Endfünfziger mit Begleitung im Arm Relanas Band heranwinkt. Er fragt die Musiker, ob sie ihm nicht einen Walzer spielen könnten. Irgendwas von Richard Strauss oder so ähnlich. "Für Betti", sagt er, eine Zwanzig-Euro-Note zwischen den Fingern.
Relana setzt sich etwas abseits in den Sand, weil ihre Hüften bei deutschen Walzern Pause machen und weil die Sinne eines Inselmädchens jetzt etwas irritiert sind. Geiger Mercier und Bassist Frémont aus Mauritius kommen an den Tisch. Die beiden blicken sich kurz an. Aber dann spielen sie dem Herrn seinen Richard Strauss. Lachend und lupenrein.
Von Marc Bielefeld
Aus dem "Merian"-Heft "Sylt", Mai 2003