Tegernsee Rodeln mit Gorbatschow
Rottach-Egern- "Lago di Bonzen" wird der Tegernsee manchmal ironisch genannt. Dieses Image kennt auch Georg Overs, der Geschäftsführer von Tegernseer Tal Tourismus. In der Tat: Es gibt hier überdurchschnittlich viele Ein-Sterne-Restaurants und Fünf-Sterne-Hotels. "Aber bei uns machen auch Nicht-Reiche Urlaub", sagt Overs. "Wie groß der Geldbeutel auch sein mag: Sich erholen und dabei gut essen, das wollen alle." Gerade im Winter spielt das Kulinarische eine große Rolle - besonders dann, wenn mal weniger Schnee liegt.
"Auf der 'Hafner Alm' trifft sich ein außergewöhnliches Publikum: Manager, Stars, russische Ölmagnate", zählt Wirt Stefan Hafner auf. Heute sind vor allem Familien mit Kindern da. Auf 1100 Metern Höhe liegt die Alm in den Bergen, acht Kilometer entfernt von der österreichischen Grenze. Einsam ist es hier aber nicht. Rund 80 Tiere - Esel, Pfauen, Hängebauchschweine - erfreuen vor allen die jüngsten Gäste. Graupapagei "Rudi" sitzt auf der Schulter von Wirtin Steffi Hafner und überwacht die Dampfnudeln und Knödel, die sie serviert.
Wenige Kilometer von der Alm entfernt liegt die Talstation der Suttenbahn. Der Vierersessellift befördert Wintersportler auf den Stümpfling in 1500 Metern Höhe. Auf der anderen Seite des Grates eröffnet sich das Familienskigebiet Spitzingsee. Am Wochenende bevölkern vor allem Skifahrer aus dem Raum München die Abfahrten. "Rasante Skifahrer können die beiden schwarzen Pisten vom Roßkopf wagen", rät Hans Pichler, der seit 54 Jahren als Skilehrer arbeitet.
Bayerische Traditionen und Kochen lernen
Der 1722 Meter hohe Wallberg gilt als Hausberg des Tegernsees. Bei reichlich Schnee zieht der Berg die Rodler an: Mit 6,5 Kilometern ist die Abfahrt eine der längsten Naturrodelbahnen in Deutschland. Der bis zu 72 Meter tiefe Tegernsee friert nur selten ganz zu, und kaum ein Winterwanderer umrundet ihn in einem Stück. Wenig romantisch ist die 21 Kilometer lange Strecke um den See, die oft an der Straße entlang führt. Idyllischer mutet da schon die Atmosphäre in Kreuth an. Viele Langläufer gleiten hier über die Loipen am Fluss Weissach.
Urlaub am Tegernsee bedeutet immer aber auch: bayerisch Essen gehen. Mehr als 200 Lokale zählt das Tal. In einigen Restaurants können Touristen auch kochen lernen. So lässt sich Axel Winkelmann, Wirt des "Gasthauses zum Hirschberg" in Scharling über die Schultern schauen. Als Preuße hat er 2004 den Landeswettbewerb "Bayerische Küche" gewonnen. Der 45-Jährige zeigt geduldig, wie Semmelknödel am besten gelingen. Im Ofen brutzelt zugleich der Klassiker bayerischer Kochkunst: ein Schweinebraten. Nach zweieinhalb Stunden ist er fertig - gerade rechtzeitig für einen besonderen Gast. Denn gerade entsteigt Michail Gorbatschow einem Pferdeschlitten vor der Tür. Der ehemalige sowjetische Staats- und Parteichef liebe Bayerns Küche, heißt es.
Die Tegernseer legen viel Wert auf Brauchtum. Dabei führt der Tourismus manchmal zu einer bizarr wirkenden Mischung aus Einheimischen, Zugereisten und Urlaubern, wie etwa im katholischen Sonntagsgottesdienst in Rottach-Egern. In der Barockkirche Sankt Laurentius sitzt die Touristin im Nerzmantel neben dem alten Bauern mit Gamsbarthut und Haferlschuhen. Gottes Segen gibt's aber für alle.
Daniela David, gms