Bergtouren am Großglockner: Wo Wünsche wahr werden
Traumberg Großglockner Nebeltour am Eisgletscher
Manche Berge strahlen eine gewisse Dominanz aus. Weil sie von Natur aus mitten im Blickfeld der Menschen stehen und deren Lebens- und Kulturraum allein dadurch prägen. Das Matterhorn ist so ein Berg oder der Montblanc. Andere umgibt ein Mythos, den Eiger mit seiner "Mordwand" etwa, deren zweifelhafter Nimbus erst in den neunziger Jahren von einer objektiveren Betrachtungsweise in den Hintergrund gedrängt wurde.
Und ganz besonders locken die ästhetischen Gipfel, der Piz Palü oder das Weißhorn, die sich mit der Linienführung ihrer Grate, Kanten oder Pfeiler in die Wahrnehmung der Bergsteiger eingegraben haben. Österreichs höchsten Gipfel, den Großglockner, scheint man auf den ersten Blick in keine dieser Kategorien einreihen zu können. Er hält sich - zumindest aus Salzburger Sicht - immer vornehm im Hintergrund, überragt aber die gletscherumflossenen Häupter seiner Nachbarn überdeutlich.
Diese Salzburger Sicht auf die Berge ist in den letzten Jahren mehr und mehr meine eigene geworden. Durch ein Feriendomizil im Nahbereich des Nationalparks Hohe Tauern haben sich meine Gipfelambitionen deutlich nach Osten verlagert. Egal auf welchen Gipfel ich steige, von jedem meiner neuen Hausberge ist der Großglockner zu sehen. Ein richtiges Massiv mit einer Vielzahl an unterschiedlichsten Routen.
Berüchtigt aus Bergführer-Kursen
Auffallend ist natürlich die markante Kerbe der Pallavicini-Rinne, einst wie heute eine große Eisfahrt, allerdings hat sich die Saison für diese Tour mittlerweile aus dem Sommer deutlich in Richtung Frühling verlagert. Später im Jahr wird der riesige Trichter meist von reichlich Steinschlag durchpflügt. Daneben die mehr oder weniger extremen, immer jedoch ernsthaften kombinierten Routen, die die gesamte Nordseite des Berges wie ein Spinnennetz überziehen. Österreichische Bergführeraspiranten-Kurse wissen ein Lied von den berüchtigten Gemäuern zu singen.
Weiter im Westen, an der benachbarten Glocknerwand, haben die meisten Touren - außer der großartigen Überschreitung - eher historischen Charakter. Der Rückgang von Eis und Permafrost hat sich auf die ohnehin eher bröselige Gesteinsqualität als wenig einladend ausgewirkt.
Auf der Südseite lockt der Großglockner vor allem mit dem genussreichen und bei Sonnenschein ziemlich handwarmen Schiefer am Stüdlgrat. Dazu die unterschiedlichen Normalanstiege über Luckner-, Stüdl- und Salmhütte, die alle an Österreichs höchster Hütte, an der Erzherzog-Johann-Hütte auf der Adlersruhe, zusammentreffen. Da muss es einen nicht wundern, dass der große Andrang während schöner Sommertage am kleinräumigen Gipfelgrat schnell zum Kollaps führt.
Greenhorn in der Biwakschachtel
Wirklich oben war ich nie - zumindest nicht am allerhöchsten Punkt und nicht bis zum Juli letzten Jahres. Manche Berge verstehen es einfach, dich immer wieder abzuwimmeln, bis du endlich entnervt aufgibst und dir ein neues Ziel suchst. Angefangen hat meine Leidenschaft für den Großglockner, als ich 17 war. Ein milchgesichtiges Greenhorn, eingepfercht in die muffige Enge der Biwakschachtel am Glocknerwandkamp. Eingeladen von zünftigen Bergsteigern aus dem väterlichen Freundeskreis, sollte ich die höheren Weihen des ernsthaften Alpinismus in der Pallavicini-Rinne empfangen.
Ein großartiger Tag in einer atemberaubenden Route, die allerdings nicht mit einer Rast am Gipfelkreuz endete, da die Herren den von Normalwegbegehern umlagerten Gipfel für ein derartiges Unterfangen als zu profan beurteilten. In der Glocknerscharte ging es stattdessen flugs dem Kleinglockner entgegen. Mit einigem Gegenverkehr und Gerangel versteht sich - und dann auf dem schnellsten Weg ins Tal Na super!
Bei einer Skitour im letzten Frühling reifte schließlich der Gedanke, die beiden markantesten Gipfel im Nationalpark Hohe Tauern miteinander zu verbinden: vom Wiesbachhorn zum Großglockner. Zu Fuß aus dem Kapruner Tal oder von Fusch by fair means auf den höchsten Gipfel des Massivs. Unsere Wahl fällt auf das Kapruner Tal als Ausgangspunkt. Da der Juli 2009 keine stabilen Schönwetterperioden parat hat, muss die Überschreitung des Hohen Tenn von Fusch zum Mooserboden als Auftakt leider ausfallen.
Macht aber nichts, denn allein schon die Anreise zur verkürzten Variante von Kaprun zum Startpunkt am Stausee Mooserboden ist ungewöhnlich und spannend. Das Auto bleibt am Kesselfall-Alpenhaus stehen, von dort braust ein Bus durch enge und teilweise unbeleuchtete Tunnels zum Lärchwand-Schrägaufzug.
Hier steigen die Gäste für gewöhnlich auf eine umzäunte Plattform und schweben eine Etage höher zum nächsten Busbahnhof. In unserem Falle wurde der komplette Bus samt Fahrgästen verladen - Liftfahren im Bus. Danach kurvt das Gefährt auf schmaler Bergstraße hoch über dem Speicher Wasserfallboden zur Staumauer am Mooserboden.
Größtes Schutzgebiet der Alpen
Was den Gästen heute viele Wegstunden erspart, stand über viele Jahre und Jahrzehnte im Fokus eines Konflikts zwischen Energiewirtschaft und Umweltschutz. Erst durch das Inkrafttreten des Salzburger Nationalparkgesetzes 1984 konnten im Salzburger Anteil der Tauern 660 Quadratkilometer neue Schutzfläche ausgewiesen werden und der mittlerweile größte Nationalpark Österreichs auf stattliche Dimensionen anwachsen.
Heute umfasst der Nationalpark Hohe Tauern 1800 Quadratkilometer und ist zusammen mit dem angrenzenden Naturpark Rieserferner das größte Schutzgebiet der Alpen. In der höher gelegenen Kernzone des Nationalparks dominieren Fels und Eis, der Großteil dieses Gebietes soll auch für die Zukunft generell von menschlichem Eingreifen und wirtschaftlicher Nutzung befreit bleiben.
In der vorgelagerten Außenzone wird die Alm- und Forstwirtschaft unterstützt, so dass die charakteristischen Landschaftsformen erhalten werden können. Durch angepasste Bewirtschaftungsformen soll die außergewöhnliche Vielfalt von Flora und Fauna geschützt werden.
30 Zentimeter Neuschnee
Der Weg hinauf zum altehrwürdigen Heinrich-Schwaiger- Haus ist steil und steinig. In unzähligen Serpentinen schraubt sich der Steig über den stark erosionsvernarbten Hang hinauf zur Hütte, die wie ein Adlerhorst auf aussichtsreichem Vorsprung gegenüber den Eisflanken des Klockerinkeeses liegt.
2009 ist Ferdinand hier oben der Wirt - ein Individualist und Improvisationskünstler. Und nur als solcher kann man diese Hütte überhaupt bewirtschaften. Die Versorgung des Hauses auf 2800 Meter Höhe ist schwierig, Personal für die abgelegene Hütte nicht leicht zu bekommen. 2010 wird die Hütte grundlegend saniert, dann wird den Bergsteigern während der Bauzeit nur ein Winterraum zur Verfügung stehen.
Wir sind die einzigen Gäste, kein Wunder bei 30 Zentimeter Neuschnee am Hüttenzustieg - und das zu Badeferienzeiten. Ferdinand serviert ein deftiges Gröstl mit Eiern und Speck. Wir essen im Freien - in Gore-Jacken auf der Hüttenterrasse - und genießen einen grandiosen Sonnenuntergang, der in einem dramatischen Farbenspiel zwischen Nebelbänken gipfelt.
Morgenrot wie aus dem Bilderbuch
Der Nachtwind rüttelt noch an den Fensterläden, als wir die Hütte verlassen. Es ist sternenklar, aber schon das erste Licht verheißt wenig Erfreuliches - ein Morgenrot wie aus dem Bilderbuch. Über den winterlich verschneiten Kaindlgrat stapfen wir dem Wiesbachhorn entgegen. Eine herrliche Pyramide mit einem eleganten Gratanstieg.
Während der einst berühmte und begehrte Eisschild der Nordwestwand mit der Klimaerwärmung zu Tal geflossen ist, hat der Kaindlgrat noch vieles von seinem Ambiente bewahren können. Der Firnsaum erinnert sehr an den Biancograt, nur ist er weniger lang und weniger steil. Schon beim Aufstieg wendet sich das Wetterblatt: Auf Schleier folgen Wolken und am Gipfel stehen wir mittendrin im Gebrodel.
Der geplante Weiterweg zur Oberwalder Hütte ist bei diesen Verhältnissen mehr als fraglich: keine Spur auf den weiten Gletschern, jede Menge Neuschnee und so gut wie keine Sicht. Wegen des anhaltenden Schlechtwetters an den Tagen vor unserer Tour ist schon lange niemand mehr vom Heinrich-Schwaiger-Haus zur Oberwalder Hütte gegangen.
Wir entscheiden uns dennoch für einen Versuch - mit Umkehroptionen am Bratschenkopf und an der Klockerin. Da es nahezu windstill ist, sollten wir uns bei einer Rückkehr im Ernstfall an unserer eigenen Spur orientieren können. Wer suchet, der findet - heißt es im Evangelium. Und wir finden tatsächlich, zuerst den Gipfel des Bratschenkopfs, dann den der Klockerin und irgendwann auch die Biwakschachtel in der Gruberscharte. Das alles im Blindflug, aber wohl ohne gravierende Verhauer.
Wandern durch weiße Watte
An der Biwakschachtel müssen wir uns definitiv festlegen: Bleiben und auf bessere Sicht warten? Wir haben ausreichend zu trinken und auch die Brotzeitbüchse ist für eine Nacht in der Biwakschachtel gut gefüllt. Für den Rückweg zum Heinrich-Schwaiger-Haus ist es jetzt zu spät, zu lang wären die Gegenanstiege. Oder sollen wir doch gleich weitergehen und - hoffentlich - die Oberwalder Hütte finden?
Zwischen Hütte und Biwakschachtel liegt mit dem Großen Bärenkopf ein weiterer Gipfel. Der Blick auf die Uhr lässt uns hoffen. Bisher haben wir zwar einige Zeit mit der schweren Spurarbeit verloren, aber wir liegen noch halbwegs in time. Wie durch weiße Watte schleichen wir weiter.
Es ist gespenstisch - kein Laut ist zu hören, kein Lufthauch regt sich, es ist warm unter der Nebeldecke. Jeder Beziehungspunkt geht verloren, irgendwo rumpeln plötzlich ein paar Steine, unter dem Neuschnee ächzt das Gletschereis. Oder bilde ich mir das alles nur ein. Konturen verschwimmen, um uns herum nur weite flache Gletscherfelder, ab und zu die Ahnung von einem Spaltenloch. Jetzt nur kein Spaltensturz! Wir sind nur zu zweit und Komplikationen kosten unter diesen Bedingungen schnell viel Zeit.
Irgendwann ein Steinmann - aufatmen! Und kurze Zeit später erste Fußspuren. Wir haben es geschafft. Im diffusen Nebelgrau können wir einen Schemen im Nebel ausmachen: die Oberwalder Hütte, zwölf Stunden von Hüttentür zu Hüttentür. Eines steht fest: Die nächste Anschaffung ist ein GPS!
Heute oder nie!
Morgens um vier ist die Welt wieder in Ordnung, der Wind hat über Nacht für Bewegung in der Nebeldecke gesorgt: In den mittlerweile großen Wolkenlücken sind Sterne zu sehen - Tendenz: deutliche Wetterbesserung. Also nichts wie los!
Stirnlampen tanzen über Moränenschotter hinunter zur ehemaligen Hofmannshütte und hinab auf die Pasterze. Über die eisblanke Elefantenhaut des Gletschers - mit neun Kilometern ist er der längste der Alpenrepublik - knirschen wir ans jenseitige Ufer des Eisstroms. Längst ist es Tag geworden, ein strahlender Morgen. Heute oder nie auf den Großglockner!
Den ursprünglich anvisierten Meletzkigrat lassen wir angesichts der im oberen Teil verschneiten Felsen rechts liegen. Über das Hofmannskees windet sich die Spur vorbei an mächtigen Spalten und haushohen Seracs hinauf zur Erzherzog-Johann-Hütte auf der Adlersruhe. Es ist mittlerweile später Vormittag und die meisten Seilschaften sind längst vom Gipfel zurück, die Aspiranten für den nächsten Tag noch lange nicht auf der Hütte eingetroffen.
Bloß keine Hektik
So genießen wir eine entspannte Mittagsrast und spazieren am Nachmittag mutterseelenallein über das Glocknerleitl und den mit stabilen Sicherungsstangen versehenen Kleinglockner in die ausgesetzte Glocknerscharte und auf den Großglockner. Keine Hektik, kein Gedränge. Gipfelstund' um drei mit Blick über das ganze Tiroler und Salzburger Land, und weit hinein in die Steiermark, bei wolkenlosem Himmel und chilligen Temperaturen - ein Traum!
Als wir mehrere Stunden später nach 1800 Höhenmetern Abstieg über die urgemütliche Salmhütte am Franz-Josefs-Haus endlich die Großglockner Hochalpenstraße erreichen, sind unsere Beine gefühlte zehn Zentimeter kürzer. Und über das Zwicken in den weich gewordenen Knien denke ich schon lange nicht mehr nach.
Der Großglockner ragt jetzt als schlankes Horn in den pastellfarbenen Abendhimmel. Hier und jetzt wird er zum Traumberg. Und am Ende dieser Überschreitung verstehe ich, warum der Großglockner für viele ganz weit oben auf der Wunschliste steht - weil er einfach schön und wirklich herrschaftlich ist. Ein Berg zum Staunen und zum Verlieben!