Valle di Stura: Der mit dem Wolf wandert - DER SPIEGEL
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Valle di Stura: Rückkehr der Wölfe

Foto: Kurt de Swaaf

Valle di Stura Der mit dem Wolf wandert

Verschneite Hänge, karge Landschaften und manchmal Wolfsgeheul: Das Valle di Stura in den italienischen Westalpen ist kein klassisches Ausflugsziel. Hier sind die Wanderer einsam - und die wilden Tiere kommen im Rudel.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Das Eis ist eine Katastrophe. Es lauert in den Kurven und in Kuhlen, überzieht mancherorts den ganzen Weg wie ein erstarrter Lavastrom. Halb geschmolzener Schnee, wieder angefroren, schmutzig grau und spiegelglatt. Ein falscher Tritt und man knallt auf die Knie. Oder auf den Hintern. "Sei vorsichtig", warnt Mattia Colombo.

Der Wald wirkt märchenhaft düster. Tannen, Lärchen und Birken wachsen dicht an dicht. Ein paar Meter weiter ein Bach, ebenfalls vereist. Nur an wenigen Stellen rauscht Wasser. Ansonsten ist es still. Kein Wind, und kein Summen von Straßen. Das einzige menschliche Geräusch sind die eigenen Schritte.

Für Mattia Colombo ist dieses verwunschene Seitental des Valle di Stura in den italienischen Westalpen kein Ausflugsziel, sondern ein Arbeitsort. Der Biologe ist für das Progetto Lupo Regione Piemonte (auf Deutsch: Wolfsprojekt der Region Piemont) tätig.

Er sucht Spuren. Von Wölfen. Und er findet welche: Kothaufen, die für einen Laien aussehen wie die Hinterlassenschaften eines größeren Hundes, aber in Wirklichkeit das sind, was Jäger als Wolfslosungen bezeichnen. Sie liegen auf Bergwiesen, Waldpfaden und sogar mitten auf einer alten asphaltierten Militärpiste. "Wölfe benutzen solche Wege gerne", erklärt Colombo. So kommen die Vierbeiner auf ihren Streifzügen schnell voran und sparen dabei Kraft.

Der Wissenschaftler sammelt den Kot in Plastiktüten ein. Im Labor lässt sich daraus DNA gewinnen, ein genetischer Fingerabdruck des Urhebers. Anhand solcher Information führen Colombo und seine Kollegen eine ständige Volkszählung durch - mit erstaunlichen Ergebnissen: Nachdem die ersten Einzelgänger in den Achtzigern aus den Apenninen einwanderten, werden die Westalpen zwischen Ligurien und dem Mont Blanc heute wieder von 33 Wolfsrudeln bewohnt.

Den Wölfen auf der Spur

Eines davon hat das Gebiet um den Monte Vaccia zu seinem Revier erkoren. Jedes Rudel besteht im Schnitt aus vier bis fünf Tieren. Die Gesamtpopulation dürfte demnach weit über hundert Wölfe zählen. Ein wahres Comeback. Noch vor dreißig Jahren galt Canis lupus in den Alpen als ausgerottet.

Das Valle di Stura ist indes nicht nur für Wölfe ein guter Platz. Naturliebhaber finden in dem dünnbesiedelten Tal prächtige Wandergebiete. Die Landschaft ist rauer als in vielen anderen Alpenregionen. So mancher Berg zeigt sich kahl und erinnert dadurch eher an die schottischen Highlands als an Italien. Die Folgen jahrhundertelanger Überweidung, erklärt Mattia Colombo.

Jetzt, im Spätwinter, trifft man draußen keine Menschenseele. Sogar die Dörfer muten ausgestorben an. Dieser Eindruck ändert sich meist erst nach dem Betreten einer der kleinen Bars, wo es hervorragenden Espresso und belegte Panini gibt.

Es geht weiter hinauf. Colombo zeigt nach oben. Dort scheint die Sonne auf einen lichten Lärchenwald. Das trockene Gras zwischen den Bäumen leuchtet goldgelb. Wenn die Wölfe in der Nähe sein sollten, dann wahrscheinlich an so einem sonnigen Ort, sagt der Biologe. Die Chance, die Raubtiere tatsächlich zu Gesicht zu bekommen, sei allerdings minimal. Sie sind einfach viel zu scheu. Auch Colombo hat nur selten das Glück, Wölfe in freier Wildbahn beobachten zu können. Sobald die Vierbeiner einen Menschen bemerken, nehmen sie Reißaus. Rotkäppchen hätte nicht das Geringste zu befürchten.

15 Häufchen für den Sammler

Der Hang ist steil, es sind noch 200 Höhenmeter bis zum Gipfel, mindestens. Immer wieder klaffen große Löcher im Boden: Es sind die Höhlen von Murmeltieren, die gerade ihren Winterschlaf halten. "Wir gehen jetzt einfach wie die Wölfe gerade den Berg hoch, das geht schneller", sagt Mattia Colombo lachend. Aber er meint es ernst. Woher nimmt der Mann bloß die Energie?

In etwa 2300 Metern Höhe flacht sich die Gipfelregion des Monte Vaccia endlich ab. Zwei Gämsen schauen verdutzt aus einer Senke hoch und ergreifen die Flucht. Arguel, Colombos Mischlingshündin, möchte hinterher, darf aber nicht. Die Kleidung ist inzwischen feucht vom Schweiß. Ein majestätisches Panorama entschädigt jedoch für die Strapazen.

Weiß glitzert die Landschaft in der Sonne. Es ist Zeit, die Schneeschuhe aus dem Rucksack zu holen und sie unter die Bergstiefel zu schnallen. Sonst sinkt man bei jedem Schritt mehr als knietief ein. Mit den seltsam aussehenden Plastikteilen an den Füßen geht es dagegen bequem voran.

Colombo zeigt immer wieder auf den Boden. Überall Spuren und Kot, von Rothirschen, Rehen, Gämsen und Schneehasen. An Wild herrscht hier offenbar kein Mangel. Zweimal tauchen auch mutmaßliche Wolfsspuren auf, doch sie sind zu alt, um sie noch eindeutig identifizieren zu können. Die heutige Suche ist dennoch ein Erfolg: 15 Wolfslosungen hat der Forscher bislang eingesammelt. Canis lupus ist eindeutig präsent.

Attacke auf Schafe und Ziegen

Isegrims Rückkehr in die Westalpen verläuft gleichwohl nicht immer konfliktfrei. Wölfe sind nun mal Raubtiere, und frei herumlaufende Schafe und Ziegen sind ihnen willkommene Beute. Um die Spannungen zu verringern, entschädigt der Staat Bergbauern, deren Vieh gerissen wird, finanziell. Zusätzlich setzt das piemontesische Wolfsteam Herdenschutz-Maßnahmen um. Die Experten verteilen spezielle Schäferhunde, Elektrozäune und andere Abwehrmittel. Mit Erfolg. Trotz wachsender Wolfspopulationen stagnieren die Viehverluste. Die Anzahl der Attacken pro Rudel nimmt ab.

In Entracque im Nachbartal des Valle di Stura hat die Verwaltung des Parco Naturale delle Alpi Marittime ein Wolf-Mensch-Informationszentrum  errichtet. Hier erfahren Besucher alles über die so oft problematische Beziehung zwischen zweibeinigen und vierbeinigen Bergbewohnern - aber auch über die Faszination, die der Wolf auf den Menschen ausübt.

Von einem Aussichtsturm aus lassen sich zudem einige Graupelze in einem weitläufigen Gehege beobachten - vorausgesetzt natürlich, die Tiere haben sich nicht gerade zum Dösen verkrochen. Das Dorf Entracque gilt als Eingangstor zum Naturpark Meeralpen, welcher im Gegensatz zum Valle di Stura über eine gut ausgebaute Infrastruktur für Wandertouristen verfügt.

Die Sonne geht bald unter, Mattia Colombo bläst zum Rückzug. Mit den Schneeschuhen kommt man sehr schnell bergab. In Riesenschritten und zum Teil schlitternd. Unten angekommen, ertönt vom Hang herab plötzlich ein merkwürdiges Zischen. Colombo nimmt seinen Feldstecher und späht hinauf. Wahrscheinlich pfeifende Gämsen, erklärt er. Die stehen wohl oben und behalten uns im Auge.

Und die Wölfe? Keine Ahnung, sagt der Biologe. Vielleicht machen sie gerade einen Ausflug nach Frankreich, die Grenze ist schließlich nur wenige Kilometer entfernt, vielleicht aber sind sie auch ganz in der Nähe, im Wald auf dem gegenüber liegenden Hang. Wer weiß das schon?