Wallonie Landpartie mit Schlemmerfaktor
Durbuy - Weite Wälder und einsame Dörfer prägen das Bergland der Ardennen zwischen Lüttich und Luxemburg. Bei einer Landpartie in der Wallonie sind die Reisenden zu Gast in alten Bauernhäusern und stattlichen Villen, wo die Gastgeber sich noch ganz persönlich um die Reisenden kümmern. Und in kleinen Handwerksbetrieben kann man die regionalen Spezialitäten kennen lernen - Bier und Marmelade, Ziegenkäse und köstliche Pralinen.
Dort wo alle Straßen enden, steht das schmucke Haus von Cecile Voisin und Jean Pierre Stas. Petite Hoursinne heißt der winzige Flecken mit nur 35 Einwohnern, irgendwo in den Ardennen zwischen Mormont und Manhay. "Weiter unten im Tal stehen noch fünf Häuser, danach gibt es nur noch Wald", beschreibt Jean Pierre Stas die Vorzüge des 150 Jahre alten Bauernhaus "L'ai L'Oiseau" mit seinen beiden Gästezimmern.
Seit 20 Jahren bewohnen die Historikerin und der pensionierte Schuldirektor das ehemalige Bauernhaus, und seit fünf Jahren ist die Welt bei ihnen zu Gast. Jean Pierre Stas erinnert sich: "Wir hatten auch schon Gäste aus China und aus Surinam. Wie diese Reisenden zu uns gefunden haben, das ist mir ein wenig rätselhaft." Ohne Rätsel sind hingegen die gekennzeichneten Wanderwege, die hinter dem Haus in die Buchen- und Eichenwälder führen. Wandern, das Wild beobachten, zur Herbstzeit Pilze suchen und im Winter der Skilanglauf - das sind einige der Beschäftigungen für die Gäste, die überwiegend für das verlängerte Wochenende oder einen Kurzurlaub in die Wallonie reisen.
Reichhaltiges Frühstück inklusive
Das "L'ai L'Oiseau" ist eine der mehr als 350 Frühstückspensionen in den belgischen Ardennen, deren Gastgeber jeweils nur ein paar Zimmer an Urlauber vermieten. Zwischen 30 und 160 Euro im Durchschnitt kostet die Übernachtung einschließlich des reichhaltigen Frühstücks. Die Gäste schlummern in den Zimmern oder Suiten mit ihren Gastgebern unter einem Dach und lernen bei dieser Landpartie viel eher als in Hotels die Besonderheiten von Land und Leuten kennen. Die allermeisten der ländlichen Frühstückspensionen sind rund um Durbuy und links und rechts entlang der Maas bei Dinant in den belgischen Provinzen Namur, Luxemburg und Lüttich angesiedelt.
"Unser Ziegenkäse zum Frühstück kommt von der Chevrerie Ozo", berichten Christine und Luc Ravier ihren Gästen im Herrenhaus "Le Manoir de L'Ormille" in Bomal. Zur stilvollen Tour in die Wallonie gehören wie selbstverständlich auch die kulinarischen Produkte der Region, vor allem Käse und Bier, Konfitüren und Pralinen, Schokolade und Schinken. Nur ein paar Dörfer weiter in Ozo hält der Landwirt Bernard Feldmann 250 Ziegen, die Milch für seinen "Ardeense Hoeve Geitenkaas", den Ardenner Bauernhofkäse, geben. Von weither kommen die Kunden in seinen winzigen Hofladen, um die kleinen runden Käse zu erstehen.
Im Handwerksbetrieb "Confiturerie Saint-Amour" in Durbuy können die Gäste den Marmelademachern über die Schulter schauen und die Herstellung der süßen Brotaufstriche verfolgen. Zwei- oder dreimal pro Woche heizen die Konfitürekocher die bauchigen Kupferkessel an. Die verschiedenen "Rohstoffe" wie etwa Löwenzahn, Flieder- und Holunderblüten, Heidelbeeren, Hagebutten und Holunder werden abhängig von der Jahreszeit in den Feldern und Wäldern gesammelt oder wachsen schlichtweg in den Gärten der Nachbarn oberhalb von Durbuy.
Die kleinste Stadt der Welt
Durbuy ist eines der Ausflugsziele, an dem man als Reisender bei einem verlängerten Wochenende in der Wallonie nicht vorbeikommt. Der lebhafte Touristenort am Ourthe-Fluss mit seinen engen, gewundenen Gassen und Häusern aus dem 17. und 18. Jahrhundert hat nur rund 400 Einwohner. Er darf sich mit dem Prädikat "kleinste Stadt der Welt" schmücken, da ihm schon im Jahr 1331 durch den König Johann von Böhmen per Urkunde die Stadtrechte verliehen wurden.
Mitten in dem "Rothenburg von Belgien", wie Durbuy manchmal genannt wird, finden die Besucher die Mikrobrauerei Marckloff, die ihre Ursprünge bis auf das Jahr 1560 zurückführt. Aus dem winzigen Sudhaus kommt süffiger, heller Gerstensaft. Marckloff ist eine der mehr als 100 Brauereien in Belgien, in denen Bier in den verschiedensten Geschmacksnoten entsteht - von herb-bitter bis fruchtig und edelsüß.
Süß ist auch das Stichwort für kalorienreiche Verführungen aus Schokolade, den belgischen Pralinen. In verschiedenen Orten der Wallonie werden die zarten Köstlichkeiten noch handgemacht. Eine süße Quelle sprudelt beispielsweise in dem Dörfchen Briscol bei Erezée, wo Christiane und Philippe Defroidmont in ihrem Familienbetrieb weiße und dunkelbraune Pralinés herstellen.
Die Zeit scheint stehengeblieben zu sein
Bei einer Landpartie in der Wallonie sollte man den Besuch in einem der schönsten Dörfer der Region nicht auslassen. Die Gemeinschaft "Les plus beaux Villages de Wallonie" vereint 22 urige Dörfer, Flecken und Weiler zwischen Lüttich und den Grenzen zu Luxemburg und Frankreich. Dort scheint die Zeit stehen geblieben zu sein, etwa in Torgny mit den ockerfarbenen Hausfassaden und dem einzigen Weinberg in Belgien, oder in Mozet nahe Namur mit seinen grauen Häusern aus dem landestypischen groben Kalkstein.
Literaturfreunde kennen ohnehin längst ihr Ziel in der Wallonie: Das Bücherdorf Redu mit seinen 20 Buchhandlungen und Antiquariaten, die zum Schmökern und Stöbern einladen. Nur wenige Kilometer weiter, versteckt am Dorfrand von Porcheresse, liegt inmitten eines Gartens das Ferienhaus "Le Grand Cerf" (Der große Hirsch) mit drei Zimmern. In der weitläufigen Wohnhalle plaudern die Gäste abends im Schein des prasselnden Kaminfeuers mit ihren Gastgebern über ihre Wanderungen in den benachbarten Wäldern. Hier ist es so einsam, dass sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen. Selbst die Mobiltelefone schweigen, denn im "großen Hirschen" gibt es kein Funksignal.
Von Bernd F. Meier, gms