Weinlese an der Loire Vins de Nantes
Auf dem Gut "Domaine de la Ferronnière" bei Nantes hat die Weinlese von Hand Tradition. Sie gilt als romantisch, ist hart, und wird selten, denn diese Methode ist teuer. Weil ihr Wein seit einiger Zeit seinen einst guten Ruf verliert, kämpfen die Muscadetbauern im Loiretal ums Überleben. Viele fürchten, dass ihre alten Traditionen - von denen sich Urlauber auch als Erntehelfer ein Bild verschaffen können - neuen Moden geopfert werden.
Das Loire-Delta erstreckt sich an der französischen Atlantikküste von der Bretagne im Norden bis zur Vendée im Süden. Inmitten der vom Golfstrom und dem warmen Klima, das er bringt, verwöhnten Region liegt die Stadt Nantes. Sie hat dem Anbaugebiet den Namen gegeben.
"Vins de Nantes" stammen vom linken Ufer der Loire im Süden der Stadt. Dort wo die Loire mächtig auf den Atlantik zuströmt, ist die Heimat des Muscadet, der zu den "Vins de Nantes" zählt. Mit etwa 700.000 Hektolitern im Jahr macht er den Löwenanteil der regionalen Gesamtproduktion von durchschnittlich 915.000 Hektolitern aus.
Das Land ist flach, so weit das Auge reicht. Nur manchmal sorgen ein paar Hügel für Abwechslung. Auf 13.000 Hektar - die Anbaufläche des Elsass ist mit 14.500 Hektar nicht viel größer - sprießt der Muscadet. Es gibt vier Gegenden, die die Herkunftsbezeichnungen "Muscadet", "Muscadet des Coteaux de la Loire", "Muscadet Côtes de Grandlieu" und "Muscadet Sèvre et Maine" beschreiben. Letztere ist die größte und bekannteste, benannt nach zwei Nebenflüssen der Loire.
Seit Generationen lebt die Familie von Olivier Bonneteau in der Region zwischen den Flüssen. Das Weingut "Domaine de la Ferronnière" wurde von Bonneteaus Ururgroßvater im Jahr 1852 gegründet. Einsam liegt der Gutshof, von wilden Hecken umrankt, inmitten von Weinbergen. Eigentlich müssten diese allerdings "Weinfelder" heißen, denn an Berge erinnern die sanften Wölbungen der Erde hier kaum. Der Boden ist leicht und steinig, und die Sonne der vorausgegangenen Monate hat ihn getrocknet.
Pralle, hellgrüne, kleine Früchte
Jeden Tag geht Olivier Bonneteau im September durch sein Reich und prüft die Reife der Trauben. Für einen Familienbesitz ist das Gut mit 21 Hektar verhältnismäßig groß, sagt der Winzer. Sorgfältig klaubt er ein paar Träubchen von einer Rebe und kostet. Die Früchte sind prall, hellgrün und klein. Ein paar Tage müssen sie noch in der warmen Herbstsonne strahlen und auf die Presse warten, denn noch ist ihre Schale hart, und das Gesicht des Winzers verzieht sich beim Hineinbeißen. Erst wenn sie schmecken und nicht mehr hart und sauer sind, könne die Ernte beginnen, sagt er.
In den letzten Tagen vor der Lese steigt der Zuckergehalt der Trauben stark an, der Säuregehalt nimmt gleichzeitig ab. Flüssigkeit schießt in die Früchte und macht sie weich und aromatisch. Und dann sind sie auch ein gefundenes Fressen für Tiere und Ungeziefer. Plötzlicher Regen kann ebenfalls großen Schaden anrichten. Deswegen muss, sobald die Trauben reif sind, alles ganz schnell gehen: Es kann auf einen Tag ankommen, sagt der Winzer - so schnell sei die Ernte manchmal vernichtet.
Zur Ernte engagiert Olivier Bonneteau jedes Jahr etwa 30 Arbeiter. Meistens kommen Studenten, oft auch Rentner, Hausfrauen, Arbeitslose. Andere Winzer verfahren genauso, zum Teil sind auch ausländische Reisende unter den Helfern. Zwölf Tage dauert die Ernte. Die Arbeiter schnallen sich die Kiepe auf den Rücken, und los geht es: Sie schneiden, sammeln die Trauben und tragen sie zur Presse.
Die Lese mit der Hand kostet den Winzer 9000 Francs pro Hektar. Eine Maschine kann die gleiche Fläche für 4000 Francs bearbeiten und braucht nur einen Bruchteil der Zeit. Deswegen setzt Bonneteau seit einiger Zeit für etwa die Hälfte seiner Reben gemietete Maschinen ein. Leicht fällt ihm das nicht - ein Stück Tradition gehe verloren. Für manche alte, wertvolle Rebstöcke sei die Technik auch ungeeignet.
"Melon de Bourgogne" aus dem Tal der Könige
Keine Ausbildung wird für die Lese mit der Hand benötigt, aber Konzentration und Ausdauer. An jedem Ast hängen zwei Trauben, erklärt Bonneteau. Die Schere muss nach unten gehalten werden, "das ist eigentlich ganz einfach, aber trotzdem gibt es immer wieder Verletzte." Schnell klemmt ein Finger in der Schere - dann wird Traubensaft in die Wunde geträufelt, der verschließt sie schnell wieder. "Melon de Bourgogne" heißt die Muscadet-Rebe, und sie stammt auch tatsächlich aus Burgund. Im 17. Jahrhundert wurde sie zum ersten Mal im "Tal der Könige" angebaut, wie das Loiretal wegen der vielen Schlösser auch genannt wird.
Auch die "Folle Blanche", was so viel heißt wie die "verrückte Weiße", ist in der Region heimisch. In Südfrankreich wird diese Rebe zur Herstellung des kleinen, aber feinen Bruders des Cognac - des Armagnac - verwendet. Im Loiretal verwandelt sie sich in "Gros Plant", einen sehr hellen, trockenen und jodhaltigen Weißwein - ein Verwandter des Muscadet, der gut zu Austern passt. Es ist typisch für die "Vins de Nantes" reinrebig zu sein - anders als zum Beispiel im Bordeaux findet sich im Muscadet immer nur eine einzige Rebsorte.
Der "Muscadet Sèvre et Maine" eignet sich für eine Ausbaumethode, die den Muscadet berühmt und einzigartig gemacht hat - kein anderer Wein der Welt wird auf diese Weise hergestellt. Nicht länger als einen Winter darf der gärende Wein im Fass oder Tank gelagert werden. Dabei liegt er auf einem Hefebett, das ihn langsam aromatisiert. "Sur lie" nennt sich diese Methode - "lie" bedeutet Hefe. Der Bodensatz aus abgestorbener Hefe und Salzen, der bei anderen Weinsorten abgezogen wird, bleibt beim Muscadet bis zum Abfüllen unter dem Traubensaft und steigt langsam nach oben. "La lie nourit le vin", sagen die Winzer - "die Hefe ernährt den Wein."
"Sur lie" abgefüllte Weine sind erkennbar an einem kleinen Bogen, der am Hals der Flasche reliefartig aus dem Glas ragt. Nur ein Wein, der auf dem Hefebett liegt, bis er abgefüllt wird, darf die Qualitätsbezeichnung tragen. Auch die Abfüllregeln für "Sur lie"-Weine sind streng: Sie dürfen nur zwischen dem ersten Donnerstag im März und dem 30. Juni auf Flaschen gezogen und nicht vor dem dritten Donnerstag im März verkauft werden. Diese Abfüllmethode hat Tradition, sie ist in der Gegend um Nantes entstanden und sorgt dafür, dass der Wein leicht perlt und die ihm Lebendigkeit erhält.
Dennoch findet auch gut genährter und "sur lie" abgefüllter Muscadet immer weniger Kunden. "Den Muscadetbauern geht es schlecht", sagt auch Olivier Bonneteau. Sein Vater kann sich gut an bessere Zeiten erinnern: Noch in den siebziger Jahren war der Muscadet ein beliebter Tischwein. Seit dem 17. Jahrhundert gilt er als hervorragender Begleiter von Meeresfrüchten, Schalentieren und leichten Fischgerichten. Das ist er im Prinzip bis heute geblieben.
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Doch ohne dass sich seine Qualität nennenswert verändert hätte, haftet ihm seit einiger Zeit das Image eines schlichten, billigen, trockenen Weißen an, der auf dem Gaumen keine besondere Erinnerung hinterlässt. Viele Weintrinker, Feinschmecker und - was für kleine Winzer wie Olivier Bonneteau noch viel schlimmer ist - auch die großen Restaurateure in Paris greifen immer häufiger zu Konkurrenten wie dem kostspieligeren Sancerre, der ebenfalls an der Loire, etwas weiter im Landesinneren, angebaut wird.
Langsam sinnen die Muscadetwinzer auf Abhilfe. Leise wird hier - wie in vielen anderen Regionen Frankreichs - ein Ruf nach Veränderung und nach neuen Geschmackskreationen laut. Ein bisschen Innovation sei gut, sagt Oliver Bonneteau. "Aber wir müssen typisch bleiben." Einige neue Kreationen kann auch er aus dem Keller holen. Ganz vorsichtig versuche er, "neue Wege zu gehen", neue Geschmackstypen zu finden. Manchmal verlängere er einfach die traditionell kurze Lagerzeit des Muscadet. Und auch mit der Wirkung von Eichenfässern hat er schon experimentiert - in ihnen reift sonst nur schwerer Bordeaux.
Sigrid Scherer, gms