Wittenberg "Mönch heiratet Nonne"
Der große Kirchenreformator Martin Luther soll in Wittenberg, Erfurt und Eisleben künftig die Kassen klingeln lassen. Die Wittenberg-Stadtinformation will den berühmten Protestanten für Werbezwecke einspannen.
"Katholiken vermarkten die Religion viel besser als wir Protestanten", sagt der Chef der Stadtinformation, Stephan Schelhaas. Jetzt soll mit den katholischen Glaubensbrüdern gleichgezogen werden - zumindest im Marketing.
Und bei der Vermarktung des Reformators kennt Schelhaas keine Skrupel. Mit dem Leiter der Evangelischen Akademie in Wittenberg, dem Theologen Friedrich Schorlemmer, hat sich der Tourismus-Manager bereits überworfen. Der Theologe hatte mehr Feingefühl und Rücksicht bei der Wahl der Luther-Werbung gefordert. Slogans wie "Mönch heiratet Nonne" gefielen Schorlemmer gar nicht.
Doch Schelhaas kennt nur ein Ziel: Mehr Gäste aus aller Welt sollen in die Stadt kommen. "Ich will den Pilgertourismus anschieben", sagt der 42-Jährige.
Die Steigerung der Besucherzahlen ist Schelhaas bereits gelungen: Aus dem Ausland kommen vor allem Japaner und Amerikaner, die für sieben Mark ein Handy bei der Stadtinformation mieten können. Mit dem Mobiltelefon am Ohr können die Touristen durch Wittenbergs Straßen laufen und sich die Erklärungen zur Stadtgeschichte anhören.
Auf Luthers Spuren können sich die Urlauber auch in andere Städten begeben: In Eisenach sollen Kinder und Erwachsene wie zu Luthers Zeiten die unbequeme Schulbank in der Lateinschule drücken. Der Erfurter Lutherkeller des Kaisersaals bietet Menüs nach historischen Rezepten, während Spielleute der Musikantenzunft für Kurzweil sorgen.
Eine zweistündige Führung in Eisleben behandelt die ewigen Fragen nach Sterben und Tod. "Die letzten Dinge nahmen damals einen großen Raum im Fühlen und Denken der Menschen ein", erklärt Schelhaas. Bei Fackelschein solle die Wittenberger Stadtwache die Gäste sicher durchs Dunkel der Nacht geleiten.
Ein besonderes Angebot unter den Souvenirs sind "Luther-Socken". Auf denen steht in Deutsch oder Englisch der bekannteste Satz des Reformators: "Hier stehe ich, ich kann nicht anders." Die Idee stammt von einem Pastor, der gleich noch eine Firma gegründet hat.
Thomas Rentschler