Worms: Die Schatzkammer der Nibelungen - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Worms Die Schatzkammer der Nibelungen

Liebe, Verrat, Mord und ein Schatz: Folgt man dem Nibelungenlied, ging es im mittelalterlichen Worms ziemlich hoch her. Heute nutzt die Stadt das Heldenepos als Touristenmagnet – mit Festspielen, Museum und multimedialer Schatzsuche.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

"Uns ist in alten Mæren/ wunders vil geseit..." Das Nibelungenlied mit seinen berühmten ersten Worten fasziniert noch heute. Die Sage um die Liebe von Siegfried und Kriemhild, um den Streit der Königinnen, um Verrat und Mord der Burgunderkönige an Siegfried und das daraus folgende Leid hat auch im 21. Jahrhundert nichts von seiner Faszination eingebüßt. Schauplatz des Nibelungenliedes ist die rheinland-pfälzische Stadt Worms.

Burgunder, Nibelungen und Hunnen - sie alle tummelten sich nach derzeitigen Erkenntnissen der Wissenschaft im frühen Mittelalter am Rhein. Zwischen 413 und 435 gab es laut Überlieferungen ein Burgunderreich in der Gegend von Worms. Das Nibelungenlied, um 1200 von einem bis heute unbekannten Autor in Passau in 39 "Aventurien" geschrieben, verquickt nordische Heldengestalten wie Siegfried und Brunhild mit dem burgundischen Königreich sowie den Wirren der Völkerwanderungszeit und dem Einfall der Hunnen am Rhein.

Schauplatz der packenden Geschichte um heiße Liebe, bitteren Hass und unerbittliche Rache ist die kleine Stadt Worms. Vor einigen Jahren stellte die Stadtverwaltung daher das Thema Nibelungen in den Mittelpunkt ihres Marketings. Dabei gibt es in der Wormser Geschichte noch mehr beachtenswerte Ereignisse: 1521 verweigerte hier auf dem Reichstag zu Worms der Reformator Martin Luther den Widerruf seiner Thesen vor Kaiser Karl V. Die Stelle markiert noch heute eine Bodenplatte im Heylshofgarten. Ein Lutherdenkmal im ehemaligen Stadtgraben erinnert an die Geschichte der Reformation. Kaum eine andere europäische Stadt besitzt zudem eine solche Vielfalt an Zeugnissen jüdischer Kultur und Geschichte.

Multimediale Schatzkammer-Präsentation

"Die Nibelungen sind ein großes, ein Wormser Thema", sagt Kulturdezernent Gunter Heiland. "Sichtbare Heimat" der Nibelungen nennt sich die Stadt daher. Wichtigster Schauplatz ist natürlich der spätromanische Dom St. Peter, vor dessen Portal sich der Sage nach einst der Streit der Königinnen Kriemhild und Brunhild zutrug.

Seit 2001 finden hier alljährlich die von Schauspieler Mario Adorf ins Leben gerufenen Nibelungenfestspiele statt. Die viel beachtete Inszenierung von Friedrich Hebbels Klassiker "Die Nibelungen" durch Karin Beier soll unter der Intendanz von Dieter Wedel auch im kommenden Jahr auf dem Programm stehen.

Direkt am Rheinufer ragt Hagen von Tronje persönlich empor: Ein 1905 errichtetes Bronzestandbild erinnert daran, wie der düstere Recke den sagenumwobenen Schatz der Nibelungen in die Fluten des Rheins versenkte - wo genau, darüber rätseln Forscher und Schatzsucher bis heute. Die Stadt Worms hat sich deshalb zu einer ungewöhnlichen "Schatzkammer"-Präsentation entschieden: Im Wormser Nibelungenmuseum, nur wenige Schritte vom Dom in Richtung Rhein, wird die alte Sage mit modernsten multimedialen Mitteln erzählt.

Die geheimnisvolle Stimme eines Erzählers - Mario Adorf - führt die Besucher über fünf verschiedene Stationen durch die Geschichte des Nibelungenliedes. In einem alten Stadtturm ragt ein 17 Meter hohes, mit rund 1200 Bildern bestücktes Nibelungenszepter, das sagenumwobene "Rütelin", auf. Für den Schatz muss man allerdings tief unter die Erde klettern: In einem unterirdischen Panoramaraum können die Besucher die Symbole des Nibelungenliedes und der Wormser Stadtgeschichte per Joystick betrachten. Der eigentliche Schatz des Liedes, so offenbart es sich hier, ist für die Stadt Worms das Vermächtnis an Geschichten und Denkmälern.

Wer danach von der Reise durch die Vergangenheit genug hat, kann sich auf einem der vielen Wormser Feste erholen: Der Weinanbau in und um Worms hat seit beinahe 2000 Jahren Tradition, auch der Exportschlager "Liebfrauenmilch" - ursprünglich gewonnen nur aus den Reben "soweit der Turm der Liebfrauenkirche seinen Schatten werfe" - hat hier seinen Ursprung. Das "Backfischfest" Anfang September gehört zu den größten Wein- und Volksfesten am Rhein und erinnert an die Geschichte der Wormser Fischerzunft. Und schließlich hat sich die kleine Stadt mit dem Festival "Jazz und Joy" auch überregional in der Musikszene einen guten Namen gemacht.

Von Gisela Kirschstein, ddp