Abu Dhabi Safari auf der Antilopen-Insel
Der Wind spielt mit den Blättern der Akazien, sortiert zu Füßen der Stämme ein paar Sandkörnchen neu. Im Dickicht der nahen Mangroven schnattern diesen Nachmittag ein paar Wasservögel. Delfine tanzen knapp vor der Küste im Meer und schnellen immer wieder aus dem Wellen. Ein Schwarm Flamingos schaut ihnen vom Rand der Lagune aus zu, während die Sonne gleißend hell und heiß vom Himmel brät.
Nichts klingt so, als habe der Liebe Gott den Menschen bereits erfunden. Nichts sieht danach aus: kein Gebäude weit und breit, kein Mast, nirgendwo Technik, keine Motorengeräusche, weder Boot noch Auto, nirgendwo Musik, kein Handyklingeln. Dafür fast komplette Stille, wohin man auch geht - bis es plötzlich erst von Ferne her dumpf dröhnt, dann lauter wird, der Boden seltsam zu vibrieren scheint und eine Staubwolke herannaht.
Das passiert. Immer wieder. Ist hier ganz normal. Es geht vorüber. Und schon am zweiten Tag auf dieser seltsamen Insel nimmt man es mit schulterzuckender Gelassenheit hin: nur wieder mal eine Antilopen-Herde, die in nächster Nähe vorbei donnern und nahe der Senke ein paar Dutzend Meter weiter westlich zum Stillstand kommen wird. Diesmal sind es nicht nur die arabischen Sand-Gazellen, nicht die schweren Elen-, sondern die vom Aussterben bedrohten arabischen Oryx-Antilopen: mindestens 70, 80 der eleganten, fast weißen Tiere mit den schwarzen Hörnern auf einmal.
Sie fliehen, weil irgendeiner aus der Herde damit angefangen hat. Sie tun es mit Anmut, laufen grazil. Und sie bleiben stehen und grasen wieder. Weil einer damit anfängt. Es ist ihr Alltag, es ist das Leben auf Sir Bani Yas 250 Kilometer entfernt von Abu Dhabi-Stadt. Wirkliche Gefahr droht ihnen nur in der Dämmerung, wenn die vier Leoparden und zwei Hyänen der Insel auf Beutezug gehen.
Safari zur größten Oryx-Herde der Welt
Am Horizont schiebt sich derweil ein Safari-Fahrzeug über den Hügel, und ein paar Kameras richten sich aus dem khakifarbenen Auto mit offenem Heck auf die Tiere. Fotolinsen reflektieren das Sonnenlicht. Jetzt trägt der Wind Stimmen herüber, einzelne Worte. Einer sagt so etwas wie "Wow", und eine Frau ruft voller Begeisterung auf Englisch "Are they real?".
Sie will offenbar wissen, ob all das Wirklichkeit ist - oder ob womöglich irgendwer von Disney die Antilopen nachgebaut hat, sich all das mit Lichtschranke auslösen lässt und ein Mechanismus die Herde durchs Bild schiebt. Die Antwort trägt der Wind woanders hin. Sie dürfte ungefähr so gelautet haben: "They are real! Und es ist die größte Herde arabischer Oryx auf der Welt. Alles in allem 426 Tiere - die letzten Neugeborenen mitgezählt."
Meistens ist es mucksmäuschenstill hier auf Sir Bani Yas - bis auf das Huf-Getrampel. Das ist seit vielen Jahrzehnten so, und jetzt wird es sich ändern, aber nur ein ganz kleines bisschen. Die Insel drei Autostunden oder eine Tagesreise per Boot nördlich von Abu Dhabi-Stadt, größte der acht so genannten Desert Islands, war Rückzugsgebiet von Abu Dhabis verstorbenem Herrscher Scheich Zayed: seine Privatinsel, seine persönliche Oase im Persischen Golf acht Kilometer oder gut fünfzehn Schnellboot-Minuten vor der Küste von Jebel Dhanna.
Oft kam er mit seiner Lieblingsfrau hierher, lebte in seinem Inselpalast, der noch heute steht und der Familie vorbehalten ist, fuhr mit ihr im offenen Geländewagen in die Berge und durch die Steppe des 87 Quadratkilometer kleinen Eilands - ungefähr so groß wie Sylt. Die beiden beobachteten dann "ihre" Oryx-Antilopen, die Emus und ein paar Giraffen, die Zayed hier im Überschwang zusätzlich ansiedeln ließ. Aus zehn Oryx der ersten Stunde sind heute jene 426 geworden. Alles in allem 10.000 Antilopen und Gazellen verschiedener Unterarten leben heute auf Sir Bani Yas.
All das ist nach Jahren der Abschottung vor kurzem öffentlich geworden. Die Insel soll Herz des angekündigten Desert Islands National Park werden, des ersten Nationalparks der Vereinigten Arabischen Emirate - ein gerade für diese boomende Region ungewöhnlich stilles Rückzugsbebiet für Naturliebhaber, die ausgerechnet im Persischen Golf auf Safari gehen wollen.
Regelmäßig hoher Besuch
Falsche Erwartungen wecken will dabei niemand: Die Insel ist kein Kenia, nicht so grün wie die Masai Mara, längst nicht so artenreich wie die Serengeti Tansanias. Aber sie bündelt die Natur der Arabischen Halbinsel auf engem Raum, ist ein kleines Paradies - geschaffen aus dem Antrieb heraus, die Heimat der Väter zu erhalten.
Einmal im Jahr treffen sich die Machthaber aller sieben Emirate auf Sir Bani Yas, um auf einem Aussichtspunkt in der Mitte der Insel in aller Ruhe zu beraten. Manchmal kommen Mitglieder der befreundeten saudischen Herrscherfamilie zu Besuch, und neulich erst schaute Abu Dhabis Kronprinz Mohammed auf dem Rückweg aus Paris kurz vorbei. Er landete mit seinem privaten Jumbojet auf dem nicht minder privaten Insel-Airport. Er blieb zwei Stunden. Der Mann wollte nur mal schnell nach den Antilopen seines Vaters sehen und einen Moment lang abschalten.
Über dreieinhalb Millionen Pflanzen ließ Scheich Zayed auf der einstmals nichts als sandigen Insel setzen, dank versteckter Bewässerungsleitungen entstand ein Garten auf Steppensand. 30 Tonnen pflanzliches Frischfutter für die Tiere landen jeden Tag per Boot an, die Hälfte davon von der benachbarten Perlentaucher- und Bauerninsel Dalma.
Fast 500 Mitarbeiter, vom Tierarzt bis zum Pfleger, vom Safari-Guide bis zum Gärtner, kümmern sich um das Kleinod. Sie kommen aus aller Welt und tragen hier ihre Erfahrung zusammen: Douw Smit aus Südafrika leitet die Safaris, Nycki Rozakeas aus Australien führt die Fremden über die Insel und Mike Round-Turner aus Kenia hat als Ober-Ranger die Augen über allem. "Was tun Sie, wenn Sie ein vom Aussterben bedrohtes Tier und eine ebenso bedrohte Pflanze sehen? Am besten Sie reißen alle Zäune zwischen ihnen weg. Beide werden überleben. Sie können nichts einsperren", sagt er.
Fast drei Jahre lang wurde auf der Insel gewerkelt, um das Antilopen-Eiland noch schöner werden zu lassen. Über 200 Kilometer Zäune wurden dabei entfernt, und mittelfristig soll auch der Rest fallen. An der Nordküste entstand ein Luxushotel mit 64 Zimmern, das im Herbst 2008 eröffnet hat. Und bald sollen kleine Safari-Camps mit allen Schikanen an den schönsten Aussichtspunkten der Insel folgen.
Zayeds Erbe soll gewahrt und behutsam erschlossen werden - hat sein Sohn und Nachfolger Scheich Khalifa entschieden. Der Gründungspräsident der Vereinigten Arabischen Emirate starb 2004 hochbetagt und hochverehrt. Seine Insel soll so etwas wie sein Denkmal sein - mit Delfinen und Flamingos, mit Antilopen, Sand-Gazellen, Berber-Schafen. Es ist ein stilles Denkmal in Grasgrün, in Sandbraun. Und in Ozeanblau. Dort, wo es niemand erwartet hätte.