Ägypten Auf den Pilz gekommen
Die Konkurrenz zwischen den Wüstentouranbietern ist nicht zu übersehen. Bereits beim kurzen Zwischenstopp in der Oase Bahariya, fünf Stunden von Kairo entfernt, springen Mittelsmänner der Reiseveranstalter in den rumpelnden Bus. Sie halten Ausschau nach Touristen und werben um Kundschaft für ihre Kollegen in der weiter südlich gelegenen Oase Farafra. "Noch kein Zimmer? Noch keine Tour? Ihnen kann geholfen werden."
So wundert man sich nicht, als drei wackelige Stunden später beim Stopp des Busses an der Tankstelle des staubigen Farafras trotz dankbarer Ablehnung aller vorangegangenen Angebote ein freundlicher Herr mit Jeep auf den westlichen Reisenden zustürzt und seine Dienste anbietet. Zumindest eine Sorge erübrigt sich damit. Auch wer ohne vorherige Buchung in der kleinen Oase landet, um von hier aus eine Nacht in die Weiße Wüste zu reisen, findet einen Fahrer.
Die Organisation eines Wüstentrips durch einen der vielen Reiseveranstalter in Kairo oder in der größeren Oase Bahariya mag einfacher und bequemer sein. Wer die Wüste jedoch ohne große Reisegruppe erleben und sein Geld nicht im Rachen eines anonymen Großveranstalters verschwinden sehen möchte, fährt besser, wenn er individuell bucht. Einen Mann mit Jeep und Kochgeschirr, der auch über Nacht in die Wüste fährt, lässt sich immer auftreiben. Sogar der Englischlehrer der lokalen Schule verdingt sich nebenher als Reiseunternehmer, um sein schmales Gehalt aufzubessern.
An der Quelle sitzt der aufgekratzte "Desert Fox"
Etwas schwieriger gestaltet sich hingegen die Suche nach Mitreisenden, mit denen die Kosten für den Ausflug geteilt werden können. Wer außerhalb der Hauptsaison in der Region unterwegs ist, kann sich in der Lage wiederfinden, "allein" in die Wüste zu müssen. Doch Preise für eine Übernachttour von je nach Verhandlungsgeschick 40 bis 50 Euro pro Jeep inklusive Verpflegung dürften die wenigsten abschrecken. Zumal Farafra mit seinen rund 3000 Einwohnern, die meisten davon sesshaft gewordene Beduinen, neben ein paar heißen Quellen, einem kleinen Kunstmuseum sowie Ruhe und Abgeschiedenheit nicht viel Aufregendes zu bieten hat.
Den Nationalpark Weiße Wüste sollte sich folglich kein Durchreisender entgehen lassen. Davon ist auch ein Mann überzeugt, der sich zur Mittagshitze in einer im Ort befindlichen Quelle abkühlt und sich in gebrochenem Englisch als "Desert Fox" vorstellt. "Zehn Tage war ich gerade mit einer Gruppe dort, und ich will sofort wieder zurück", berichtet er, vom schwarzen Tee und sichtlichem Schlafmangel reichlich aufgekratzt. "Die Weiße Wüste ist einer der schönsten Ort der Welt."
Dass er nicht übertrieben hat, zeigt sich am nächsten Tag. Mit dem Jeep, einem Fahrer und einem Koch geht es über die staubige Landstraße vorbei an den unvermeidlichen Straßenkontrollen der ägyptischen Polizei. Die Weiße Wüste gliedert sich in einen "alten" Teil mit stark abgetragenen Felsformationen, der den Eindruck einer Eislandschaft heraufbeschwört, und einen "neuen" Teil mit noch recht intakten Kalksteingebilden. Hier liegt auch der beeindruckendste Abschnitt des Nationalparks: das von den Einheimischen so getaufte Tal der Pilze. Soweit das Auge reicht, ragen zum Teil mehrere Meter hohe Kalksteinmonolithen in die Höhe, die Erinnerungen an die Riesenpilze aus Jules Vernes "Die Reise zum Mittelpunkt der Erde" wecken.
Sternenpracht über Mondlandschaft
Die Erosionswirkung des Windes und der Hitze schuf die bizarren Formen in Jahrtausenden. Ringsumher hat sich das abgetragene Gestein zu einem weißen Teppich ausgebreitet, der mehr an Schnee als an Geröll erinnert. In der prallen Glut des Tages, wenn alles in gleißender Helligkeit erstrahlt, ist die Weiße Wüste bereits ein Erlebnis. Doch erst wenn sich der Tag dem Ende nähert, beginnt das eigentliche Schauspiel. Im Licht der untergehenden Sonne färbt sich die Ebene zuerst in Orange- dann in tiefe Violett- und Blau-Töne. Wie ein von der Natur geschaffenes Tadsch Mahal.
Nachdem die Sonne untergegangen ist, fällt eine unheimliche Stimmung über die Landschaft. Was eben noch mit seiner farbenprächtigen Schönheit überwältigte, erscheint nun unheimlich und doch faszinierend. Durch den plötzlich aufreißenden Sternenhimmel und die unvermittelt hereinbrechende Kälte erinnert die Umgebung eher an die Oberfläche eines fremden Planeten. Der Vollmond ist so hell, dass man problemlos ohne Taschenlampe lesen könnte, doch wer denkt bei dieser Sternenpracht an Ablenkung? Selig liegt man später unter einem Firmament, das von keiner künstlichen Lichtquelle beeinträchtigt wird. Nicht einmal die Sorge um die nachtaktiven Skorpione verhindert, dass der Wüstenreisende, dick eingepackt in einen Schlafsack und zwei Decken, bald friedlich einschlummert.
Zu lange wach bleiben sollte man sowieso nicht. Zu groß ist sonst die Gefahr, die Wiederholung des Spektakels am kommenden Morgen zu verschlafen. Bereits gegen fünf Uhr taucht die aufgehende Sonne die Weiße Wüste erneut in warmes Licht und färbt den Sand, in dem sich die Abdrücke der Aktivitäten der vergangenen Nacht finden lassen, in tiefes Rot. Doch die Idylle wird getrübt. "Nicht nur die Füchse hinterlassen hier Spuren", ärgert sich der Koch, während er Tee aufsetzt und auf einen in der Nähe liegenden Kalkbrocken deutet. Im Gestein haben Touristen ihre Namen und das Datum ihres Besuchs eingeritzt. "Die Spuren des Fennek wird der Wind in ein paar Stunden verwehen. Für die Spuren der Menschen braucht er Jahrhunderte", seufzt er und blickt in die Ferne. Hinüber zu den Riesenpilzen, die so mächtig und doch so zerbrechlich in den Himmel ragen.