Ägypten: Mammon, Meer und Mädchen - DER SPIEGEL
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Ägypten Mammon, Meer und Mädchen

Kulturschock am Roten Meer: Russische Urlauber sollen den Nahost-Tourismus retten. Das ägyptische Hurghada lockt mit einer Misswahl an der Grenze zur Strip-Show.
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"Der Harem von Bin Laden", zwinkert Sergej aus Moskau, als die Show losgeht: In blütenweiße Tschadors und Wagnersche Fanfarenklänge gehüllt, tänzeln 30 russische Schönheiten auf die Bühne und fangen langsam an, sich zu entblättern. Eine von ihnen soll sich einst die "Kristalnaja Korona Russiji" aufsetzen - Vorausscheidung zur Wahl der Miss Russland 2002.

Dass die Mädchenbeschau nicht im arktisch kalten Moskau stattfindet, sondern in einer lauen Januarnacht am Roten Meer, hat nur am Rande mit dem Klima zu tun: Das ägyptische Ferien-Resort Hurghada, auch unter deutschen Urlaubern beliebt, hat sich in den letzten Jahren zum russischen Palma de Mallorca entwickelt: Millionen durchgefrorener Moskauer und Petersburger haben sich seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion am Roten Meer aufgewärmt. Jetzt, da "die Ereignisse" - wie die Anschläge vom 11. September im Nahen Osten kurz genannt werden - den Tourismus in der Region praktisch zum Erliegen gebracht haben, sind es fast ausschließlich Ivan und Olga, die den Ägyptern noch die Treue halten.

Damit das so bleibt, haben sich eine internationale Nobelhotel-Kette und Igor Balloo, Präsident der Russischen Gambling-Föderation, zusammengetan und eine Tupolev voll ungewöhnlich langbeiniger junger Russinnen zum Schönheitswettbewerb einfliegen lassen - drei Chartermaschinen mit Journalisten, Moskauer Szenegrößen und vermögenden Wochenendurlaubern im Schlepptau.

Die Mischung aus Mammon, Meer und Mädchen zieht beim Publikum - das zeigt die kurze Geschichte des Wettbewerbs um "Russlands Kristallkrone": Monte Carlo, Paris und Tunis waren in den vergangenen Jahren die Gastgeber - alles Ferienziele, die als très chic gelten unter reichen und neureichen Moskauern. Vergangenes Jahr gastierte der Zirkus der Schönheiten im israelischen Eilat: Auch dort steigt das Ansehen der sonnenhungrigen Russen, die sich von Terrordrohungen und politischen Wirren nicht so schnell abschrecken lassen wie die verweichlichten Europäer.

Abstimmungsschwierigkeiten zwischen Gästen und Gastgebern gibt es lediglich in Geschmacksfragen. Was die Russen unter Miss-Wahl verstehen, ginge in Las Vegas als hochklassige Strip-Show durch; manchen ägyptischen Beobachtern steht der Ausruf "Allah, steh mir bei!" ins Gesicht geschrieben, als der Bikini-Durchgang startet: Die Mädchen, nichts als einen schwarzen String-Tanga am Leib, verdecken ihre Brüste mit Fuchs- und Hermelinfellen; dass die Stola ab und zu verrutscht und mehr preisgibt, als der Mufti in Kairo zulassen würde, gehört zur sorgfältig einstudierten Choreografie.

Ganz in seinem Element fühlt sich offenbar der russische Popstar Sergej Krylov, ein 150-Kilogramm-Koloss und einer der Juroren des Wettbewerbs. Den linken Arm um einen verschüchterten Kollegen, den rechten um ein Mädchen aus dem Begleittross gelegt, feuert er seine Landsfrauen auf dem Laufsteg an; als er schließlich selbst die Bühne betritt, stockt sogar den gleichmütigen ägyptischen Kellnern der Atem: Der dicke Russe tanzt zu seinem Gassenhauer "Tschaika", als habe er den jungen Michael Jackson im Leib. "Vielleicht sollten wir vorsorglich die Ambulanz bestellen", sagt, erschrocken und ohne den Blick abzuwenden, ein ägyptischer Mitorganisator.

Moralische Empörung freilich können sich die Pharaonensöhne nicht leisten. Die Russen, in Ägypten bislang als Billigtouristen belächelt und mehr gelitten als geliebt, stoßen längst in die höchsten Segmente des Gambling-, Club- und Tauchurlaubs vor. Die Bisoffskis von früher mögen Zwei-, Drei- und Viersterne-Hotels unsicher machen, die Edelrussen sorgen inzwischen bei Sheraton, Hilton und Marriott für gute Nächtigungszahlen. Das Casino des Interconti-Hotels von Hurghada hat gleich ganz ein Russe übernommen - Igor Balloo, der Hauptsponsor des Wettbewerbs um die "Kristallkrone Russlands".

Ein Ergebnis gab es übrigens auch: Fünfzehn der zum Wettkampf angetretenen Mädchen dürfen zur Endausscheidung nach Moskau. Nächstes Jahr, so sieht es aus, dürfte der Zirkus in die Türkei weiterziehen. Dort verbringen ungefähr ein Viertel aller russischen Urlauber ihren Sommer.

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