Ägyptischer Kamelmarkt: Gurgel, blök, röps - DER SPIEGEL
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Ägyptischer Kamelmarkt Gurgel, blök, röps

Süßer Geruch klebt in der nebligen Luft, aus allen Ecken kommen seltsame Geräusche: Der Kamelmarkt von Birquaasch nördlich von Kairo ist ein echtes Erlebnis für die Sinne. Schockiert beobachten Besucher den unbarmherzigen Umgang mit den Tieren.
Von Patrick Hemminger
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Kamelhändler stehen früh auf. Mahmud saß schon hier, als es noch dunkel war. Er hat es in diesem Beruf zu etwas gebracht - neben seiner Herde von rund hundert Kamelen parkt der Mercedes, am Handgelenk trägt er eine Uhr, die zu groß und zu gold ist, um wirklich schick zu sein. "Das ist ein einfacher Beruf", sagt Mahmud. Er grinst und macht eine Bewegung, als wolle er eine Fliege verscheuchen. "Meine Kamele kommen im Sudan zur Welt, ich bringe sie hierher und verkaufe sie. Das war's."

Im Schneidersitz hockt er auf einer Bank, der gewaltige Bauch ruht auf den Oberschenkeln. "Warum meine Kamele zu den größten hier gehören? Das ist einfach", sagt er und gluckst vor Vergnügen. "Die Tiere bekommen bei mir Fuul zu essen." Das ist der traditionelle Bohnenbrei, den die Ägypter gern zum Frühstück verzehren. Mahmud grinst, die Kollegen kichern, und die etwas abseits sitzenden Treiber lachen. Mahmud wechselt das Thema, über Kamele zu reden langweilt ihn. "Mein Mercedes da drüben. Was würde der denn in Deutschland kosten?"

Hauptsache höflich

Birquaasch ist ein kleines Dorf, etwa 35 Kilometer nordwestlich von Kairo, in die Wüste ist es nicht mehr weit. Wie lange es den Kamelmarkt dort schon gibt und wie groß er ist, weiß keiner der Händler genau. Für sie gibt es den Markt, so lange es ihn eben gibt, Händler und Kamele sind eben da. Warum sollte es wichtig sein, wie viele?

Die meisten Geschäfte hier sind getan wenn die Sonne aufgeht. Wer von Kairo nach Birquaasch fährt, bricht deshalb am besten vor Sonnenaufgang auf, bevor die Stadt aus ihrem kurzen Schlaf erwacht und die Straßen leer sind. Ein Taxi zu finden ist kein Problem. Jeder Fahrer kennt den Weg - wird er zumindest behaupten. Zur Not fragt er sich durch, jeder Passant wird ebenfalls behaupten, den Weg zu kennen und das Auto in eine Richtung schicken. Diese führt vielleicht in die Wüste, aber zuzugeben, den Weg nicht zu wissen, würde bedeuten, einem Hilfesuchenden nicht zu helfen - und das gilt als unhöflich.

Hartes Nachtlager neben den Tieren

An diesem Morgen liegt kurz hinter der Stadt Nebel über dem Nildelta. Nach etwa einer Stunde Fahrt rumpelt das Taxi über eine unbefestigte Straße, hin und wieder tauchen Gebäude aus dem kalten Dunst auf, verlassen und verfallen. Das Taxi hält vor einer mehr als mannshohen Mauer, eine Lücke, breit genug für einen Lastwagen, ist der Eingang zum Kamelmarkt.

Ein Polizist empfängt die Besucher und kassiert Trinkgeld für mitgebrachte Kameras - die müssten sonst beim Marktaufseher für das Doppelte angemeldet werden. Sobald dieser die Neuankömmlinge erspäht, schlurft er auf sie zu, verkauft für 40 Pfund - etwa sechs Euro - Eintrittskarten, und fragt nach Kameras. Die sind inzwischen gut versteckt, die Brieftasche des Polizisten ist dafür nun voller als vorher. Obwohl Besucher hier kein ungewöhnlicher Anblick sind und der Markt in etlichen Reiseführern steht, kommen nur wenige Touristen.

Wo der Kamelmarkt endet, ist vom Eingang aus nicht zu erkennen. Nach ein paar Dutzend Schritten verlieren sich Tiere und Treiber im Nebel. Es ist nicht mehr Nacht, aber noch nicht Tag. Zu beiden Seiten des Marktes sind durch Mauern getrennte Abteile, oft von der Größe eines halben Fußballplatzes. Dort bringen die Händler ihre Tiere unter, dort schlafen die Treiber in Baracken ohne Fenster auf Betten ohne Matratzen. Die Luft ist kühl und grau vom Nebel und erfüllt vom Geruch der Kamele, schwer und süßlich legt er sich auf die Zunge.

Bis zu 1000 Euro pro Kamel

Die Rufe der Treiber gellen über den Markt, die Geräusche, die die Kamele von sich geben, klingen, als würden sie gleichzeitig gurgeln, blöken und aufstoßen. Mit Mühe halten die Männer die nervösen Tiere bei ihren Besitzern, immer wieder entwischen welche. Da aber alle den linken Vorderfuß nach oben gebunden haben und nur humpeln können, kommen sie nie weit. Mit Schreien und Schlägen jagen die Treiber die mächtigen Tiere zurück zu ihrer Herde.

Zum Verhandeln ziehen sich Händler und Treiber in die Ecken der Seitentrakte zurück. Bis zu tausend Euro bringt ein ausgewachsenes Kamel. Eine Verhandlung ist eine zähe und emotionale Angelegenheit. Manchmal stundenlang zelebrieren Käufer und Verkäufer sämtliche Gefühle, sie drohen, schmeicheln, gehen weg, kommen wieder, betasten die Tiere, schütteln den Kopf, nicken anerkennend, fluchen, und irgendwann wechseln Scheine und Kamele die Besitzer.

Es ist ein Schaukampf der Eitelkeiten, und beide Seiten wissen das. Sie beschimpfen sich und sie umarmen sich, keines der Gefühle ist ernst gemeint, und doch ginge es niemals ohne. Für den Außenstehenden sieht es so aus, als stünde jede Verhandlung irgendwann kurz vor der Schlägerei.

Alle hier tragen die traditionelle Gallabija, einer Art Hemd, das bis zum Boden reicht, viele haben Turbane auf dem Kopf oder einen Schal um ihn geschlungen. Die Männer sind groß, dunkel, schlank und stolz. Sie kommen aus Oberägypten oder dem Sudan. Während manch einer mit zehn Kamelen anreist, bringen die Großhändler hundert und mehr Tiere mit. Ständig fahren Lastwagen mit weiteren Tieren durch die Lücke in der Mauer, der Markt wird niemals leer.

Ein Wagen hält vor dem Seitentrakt von Ahmad. Er kommt ebenfalls aus dem Sudan. Bald nach ihrer Geburt verfrachtet er seine Kamele nach Oberägypten. "Dort ist das Futter besser", sagt Ahmad. Er reist zweimal im Jahr mit rund 50 Tieren an, binnen einer Woche sind sie verkauft. Heute bekommt er noch einmal ein halbes Dutzend Kamele Nachschub. Der Laster hält, die Kamele darauf blicken teilnahmslos auf Artgenossen und Menschen hinunter. Zum Abladen klappen die Treiber eine der Seitenwände des Lasters hinunter. Dann werfen sie die gefesselten Kamele wie Kartoffelsäcke in den Staub.

Offene Wunden von Stockschlägen

Für Touristen mögen die Tiere exotisch sein, liebenswert wegen ihres drolligen Aussehens. Den Händlern sind solche Gedanken fremd, Kamele gehören zum Alltag wie in Europa Kühe. Sie sind gewöhnliches Schlachtvieh, und die Zuneigung zu ihnen misst sich in speckigen Pfundnoten. Macht ein Tier einen Schritt zu viel zur Seite, prügeln die Treiber es zu seiner Herde zurück. Viele Kamele haben offene Wunden von den Stockschlägen. Die Frage, wo die Tiere denn am liebsten gestreichelt werden, verwirrt einen der Treiber. Er denkt, kratzt sich an Bauch und Kopf, lässt seinen Bambusstock durch die Luft schwingen, aber findet keine Antwort. Er denkt, schweigt weiter, und statt einer Antwort rammt er dem Tier, das neben ihm kniet, zwei Finger in die Nasenlöcher und zieht sie nach oben. Das Kamel protestiert gurgelnd.

Es geht auf 7 Uhr zu. Die meisten Geschäfte des Tages sind getan. Einige Treiber finden sich in dem Café am Eingang des Marktes ein. Sie unterhalten sich leise, nippen an ihrem heißen, süßen Tee, manch einer raucht eine Wasserpfeife. Menschen und Tiere sind müde, die Kamele haben kaum mehr Lust wegzulaufen, und die Stockschläge der Treiber werden weniger.

Für einen Augenblick lässt sich vergessen, dass keines dieser Tiere noch länger als eine Woche leben wird. Wäre neben dem Ausgang nicht der Stand, an dem es das Zubehör zum Kamel zu kaufen gibt: Messer und Macheten zum selber Schlachten.