Air Rally in Kanada Mit Buschpiloten über die Tundra
Montreal - Nach ein paar Tagen ist alles klar: "CYBC 261300Z 23017 Kt 25SM FEW015" bedeutet 17 Knoten Windgeschwindigkeit und 25 Meilen Sichtweite bei geringer Bewölkung. Ein "JFK" ist seit dem Absturz des Kennedy-Sprösslings vor ein paar Jahren ein Schlechtwetterflug mit tödlichem Ausgang, und die an ihrem V-förmigen Leitwerk erkennbare Mooney MJ 20 ist der Porsche unter den Sportflugzeugen. Die International Air Rally legt dem Besucher Kanada zu Füßen: Der achttägige Event, der seit 2001 stattfindet, fliegt vor allem den straßenlosen Norden des Riesenlandes ab. Seit 2003 nehmen die teilnehmenden Piloten auch Passagiere mit.
Verkündet der Wetterbericht morgens Unwetter entlang der Route, heißt es warten, bis die Wolkendecke aufreißt. Es sei denn, jemand mit Navigationsinstrumenten an Bord steigt auf, um ein Loch in der Schlechtwetterfront zu suchen, durch das man schlüpfen kann. "Scouting" heißt das. Sicherheit geht vor.
"Stell dir vor, wie das ist, jeden Tag in einer anderen Maschine zu sitzen und Orte zu besuchen, die du sonst niemals im Leben sehen würdest!" Der Finanzberater Camil Dumont, der mehr Flug- als Fahrstunden absolviert hat, gerät bei seinem Lieblingsthema schnell ins Schwärmen. Der frühere Präsident der Vereinigung Québecer Buschpiloten hat die Veranstaltung vor vier Jahren gegründet. "Wo sonst kannst du echte Goldsucher treffen und mit Indianern am Lagerfeuer über Karibus fachsimpeln?"
Die Frage ist berechtigt. Bislang war Kanada per Wohnmobil das Lieblingsprojekt deutscher Individualreisender. Der straßenlose Norden blieb für sie zwangsläufig ein Traum. Genau hier setzt die International Air Rally an. "Wir wollen auch wildnisunerfahrenen Menschen die Möglichkeit bieten, die Domäne von Jägern und Waldläufern aus nächster Nähe zu erleben", sagt Dumont.
Tatsächlich erleben die Passagiere das Riesenland aus der Perspektive der Buschpiloten in vier- und sechssitzigen Sportmaschinen der Marken Cessna, Piper, Mooney und Beechcraft. Sie schaukeln mit Gepäckstücken im Kreuz und von Windböen geschüttelt über die endlose, mit Flüssen und Seen gesprenkelte Tundra. Es geht über Wälder und Gebirge, zu sehen sind auch Bären, Elche und Rentiere. Gelandet wird auf Einöd-Pisten, geschlafen in einfachen Frontier-Unterkünften, Pionierzelten und Tipis.
Unterwegs nehmen die Reisenden als fast vollwertige Teammitglieder an der Lösung der Aufgaben und Sonderprüfungen teil, die jedes Team in einem gelben Umschlag morgens nach dem Frühstück erhält. Spätestens 15 Minuten später müssen die Teams startklar sein. Während des Fluges gilt es, die hinter kniffligen Fragen versteckten Orientierungspunkte am Boden zu finden und auf Fotos vorgegebene Geländepunkte zu identifizieren. "Die Rallye ist kein Wettrennen", stellt Dumont klar. "Es gewinnt das Team, das die höchste Punktzahl erreicht."
In den Zielorten werden Sonderprüfungen absolviert. Manche haben es in sich: Bei der 3. International Air Rally im vergangenen Jahr wurde ein Flugzeugabsturz in der Wildnis simuliert. Cathérine Tobénas, Dumonts Partnerin und Ko-Organisatorin der Rallye, kann sich rückblickend ein Lächeln nicht verkneifen. "Natürlich war das alles nicht echt, und der Stadtpark von Baie-Comeau doubelte die Wildnis - aber einige kriegten trotzdem den Tunnelblick." Schließlich boten die örtlichen Rettungsschwimmer als Besatzung der Unglücksmaschine mit Litern von blutrotem Traubensaft eine oscarreife Leistung.
Jede Rallye wird generalstabsmäßig geplant - doch letztlich hängt alles vom Wetter ab. Während der 3. International Air Rally, die eine 4000 Kilometer lange Schleife durch den Norden der Provinzen Ontario und Québec flog, ist es äußerst wechselhaft: Beim Flug über die Mega-Wasserkraftwerke von Hydro Québec an der Hudson Bay herrscht strahlender Sonnenschein, der Tiefflug über die Tundra zum alten Goldsuchercamp Chibogamau ist ein Genuss. In Pakua Shipu jedoch, einer Siedlung der Innu-Montagnais-Indianer an der straßenlosen Küste kurz vor Labrador, lässt Dauerregen alle Sonderprüfungen ins Wasser fallen.
Aus dem geplanten "Survival" mit Fischen und Fallenstellen wird nichts. Mit dem inzwischen gelernten Gleichmut der Buschpiloten beziehen die Flieger ihre Lager aus Fichtenzweigen im Tipi und besuchen anschließend das Pow Wow der Gastgeber. Die festliche Zusammenkunft mit Ansprachen, Gesängen und Tänzen geben die Innu-Montagnais zu Ehren ihrer Vettern aus Labrador, der Naskapis. Abends laden die Stammesältesten zu Lachs und Karibuschmalz ein.
Am Lagerfeuer wird über Rentierwilderer gesprochen, die aus Labrador nach Neufundland herübergekommen sind. Später ist Disko in einem Verschlag aus Spanplatten und Plastikplanen. Frauen in traditionellen Trachten zeigen alte Tänze, Jugendliche demonstrieren den Moonwalk à la Michael Jackson. Ein alter Mann singt seine Träume in ein rückkoppelndes Mikrofon und begleitet sich dabei auf einer Trommel. Träume sind eine ernste Angelegenheit - Indianer glauben fest an sie. Der Alte hat geträumt, dass der Regen aufhören wird, sobald die Wilderer wieder nach Labrador zurückkehren.
Am Tag darauf verkündet der Wetterbericht eine massive Schlechtwetterfront über dem St.-Lorenz-Golf. Es regnet in Strömen, Dumont stellt den letzten Abschnitt der Rallye zur Diskussion. Während die Piloten noch das Für und Wider abwägen, hört es plötzlich auf zu regnen und die Sonne bricht durch. Die anwesenden Ältesten lächeln nur.
Von Ole Helmhausen, gms