Amerika mit Stil Die bunte Seite der Elite
Wenn man verstehen will, wie die Amerikaner ticken, muss man nur die Sonntagsausgabe der "New York Times" (NYT) kaufen und die Styles-Section lesen. Alles übrige ist unwichtig. Die Styles-Section zeigt an, womit sich die Amerikaner gerade beschäftigen, was sie wichtig finden und worüber sie sich aufregen. Gut, es sind nicht alle Amerikaner, sondern nur die Leser der "NYT", aber sie sind diejenigen, die für die Meinungsbildung entscheidend sind. Ein weiterer Erkenntnisgewinn ist: Man bekommt mit, womit sich die Europäer in drei bis fünf Jahren beschäftigen, was sie wichtig finden und worüber sie sich aufregen werden.
In der letzten Styles-Section erschien eine lange Reportage von Kayleen Schaefer über Paare, die alles miteinander teilen, die auch Kinder haben, die gerne heiraten würden, es aber nicht tun. Nicht aus Angst vor den Folgen einer solchen Entscheidung, nicht weil sie sich nicht binden wollen, sondern aus Solidarität mit lesbischen und schwulen Paaren, die heiraten möchten, aber nicht heiraten dürfen.
"Ich würde auch nicht in ein Lokal gehen, das Farbigen den Zutritt verwehrt, warum sollte ich dann eine Einrichtung unterstützen, die es nicht allen Menschen erlaubt, sie zu benutzen?", sagt zum Beispiel eine 24-jährige Studentin aus Kalifornien. Eine andere Studentin berichtet, wie sie ihrer Oma erklärt habe, warum sie ihren Freund nicht heiraten könne: Weil ihre Tante, die eine Lesbe ist, ihre Freundin nicht heiraten darf.
In 44 der 50 US-Bundesstaaten sind Homo- und Lesben-Ehen gesetzlich verboten. Massachusetts ist der einzige US-Staat, der solche Verbindungen erlaubt.
Doch sogar in Massachusetts regt sich Widerstand gegen die Praxis in den anderen Bundesstaaten. Eine 54 Jahre alte Pfarrerin der United Church of Christ und ihr Partner, ein 64 Jahre alter Professor, die sich schon 1985 gefunden und einen 18-jährigen Sohn haben, sind fest entschlossen, so lange nicht zu heiraten, wie "same sex couples" in den USA das Recht auf Heirat vorenthalten wird.
Schnelle Blicke in fremder Leute Schlafzimmer
Die Haltung entbehrt nicht einer gewissen abstrakten Logik. Konsequent angewandt kann sie aber desaströse Folgen haben. Darf man sich satt essen, während Millionen von Menschen unterernährt sind? Darf man duschen, während Millionen von Menschen nicht genug Wasser zum Trinken haben? Darf man ein Flugzeug benutzen, während Millionen von Menschen sich nicht mal eine Busfahrt leisten können? Oder allgemein formuliert: Ist individueller Protest sinnvoll, um eine Änderung gesellschaftlicher Verhältnisse zu erzwingen? Das sind Fragen, die an die Substanz gehen. Früher wurden "atomwaffenfreie Zonen" in Wohnküchen und alternativen WGs ausgerufen, heute wird aus Protest gegen die Benachteiligung sexueller Minderheiten nicht geheiratet.
Freilich: Ganz am Ende der Style Section geht es wieder ganz normal und ordentlich zu. In der Abteilung "Weddings/Celebration" werden Paare vorgestellt, die sich soeben das Ja-Wort gegeben haben. Die kurzen Porträts der Jungvermählten sind kleine Soziogramme, schnelle Blicke in fremder Leute Wohn- und Schlafzimmer, wahre Geschichten mit einem vorläufigen Happy End. Unter den 18 Paaren, die am vergangenen Sonntag vorgestellt wurden, waren auch Jay McInerney, 51, ein bekannter New Yorker Romanautor und Feinschmecker, der Weinkolumnen für das Magazin "House & Garden" schreibt, und Anne Hearst, 48, Mitarbeiterin des "Town & Country" Magazins.
Von der Revolution zur Style-Ikone
Er war schon dreimal verheiratet, sie zweimal. Eine typische New Yorker Ehe, wie sie täglich geschlossen und geschieden werden. Bis auf ein Detail: Die Braut, Anne Hearst, ist die Enkelin des legendären Verlegers William Randolph Hearst ("Citizen Kane") und eine Schwester von Patty Hearst, die Anfang 1974 von der linksradikalen "Symbionese Liberation Army" (SLA) entführt, fast zwei Monate lang festgehalten und schwer misshandelt wurde um sich bald nach ihrer Befreiung der SLA anzuschließen und an deren Aktionen teilzunehmen. 1975 wurde sie verhaftet, ein Jahr später zuerst zu 35, dann zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt und Anfang 1979 vom damaligen Präsidenten Jimmy Carter begnadigt.
Patty Hearst war die Ikone der amerikanischen Revolution, deren Veteranen noch heute in Woodstock meditieren und gestressten Großstädtern Selbsterfahrungskurse anbieten. Patty Hearst ist aus der Öffentlichkeit verschwunden. Ihre Schwester Anne dagegen steht im Rampenlicht: als Mrs. McInerney, die es bis in die Style Section der "New York Times" geschafft hat.