Apnoe-Tauchen: Einfach mal die Luft anhalten - DER SPIEGEL
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Apnoe-Tauchen: Im Rausch der Tiefe

Foto: Anna von Boetticher

Apnoe-Tauchen Einfach mal die Luft anhalten

Schwere Pressluftflaschen und voluminöse Tarierjackets? Freitaucher wie Anna von Boetticher können darüber nur lächeln - ihnen genügt ein einziger Atemzug, um sich für mehrere Minuten den Fischen gleich zu fühlen.
Von Linus Geschke
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Anna von Boetticher atmet tief ein und aus, ihr Brustkorb hebt und senkt sich. Sie hält sich an dem Schlitten fest, der sie in ein paar Sekunden ins Meer ziehen wird und der an einem Seil befestigt ist. Ein Ende des Seils führt zu dem Boot in ihrem Rücken, das andere in die Tiefe, in die Dunkelheit und möglicherweise auch zu einem neuen deutschen Rekord. Es ist Sommer im kleinen Städtchen Kalamata an der griechischen Mittelmeerküste.

Die Berlinerin konzentriert sich, ein letztes Mal zieht sie ihre Lunge zusammen und entspannt sie wieder. Dann lässt sie sich ins Blau fallen. Bis in 15 Meter Tiefe könnte ihr ein ambitionierter Schnorchler jetzt noch folgen, bis in 40 Meter ein ausgebildeter Sporttaucher. In 70 Meter Tiefe ist die Lunge der 40-Jährigen aufgrund des Umgebungsdrucks nur noch ein Achtel so groß wie über Wasser, doch Boetticher will mehr. Es wird dunkler, es geht tiefer: Sie wird erst dann umkehren, wenn ihr Tiefenmesser dreistellige Werte anzeigt.

2:56 Minuten nach dem Abstieg durchbricht die zierliche, 60 Kilogramm schwere Frau wieder die Wasseroberfläche. Gesund und glücklich. Und hält nun mit exakt 100 Metern den deutschen Rekord für Frauen in der Disziplin "variable weight", bei dem die Sportler durch ein Gewicht in die Tiefe gezogen werden und aus eigener Kraft wieder auftauchen müssen. Wobei der Aufstieg auch gleichzeitig das Gefährlichste ist: "In die Tiefe lässt man sich bei dieser Disziplin ja ziehen, der Aufstieg dagegen kostet Kraft und verbraucht viel Energie. Die Muskeln übersäuern, die Beine brennen, dazu kommt die Luftknappheit am Ende."

Im Rausch der Tiefe

Ohne diese Anstrengung könnte sie wesentlich länger unter Wasser bleiben, bis zu sechs Minuten und zwölf Sekunden. Das ist eine stolze Zeitspanne: Man kann währenddessen zwei Kulthits am Stück hören, beispielsweise "Knockin' on Heaven's Door" und "I can get no Satisfaction". Oder zwei Runden eines WM-Boxkampfes bestreiten. Anna von Boetticher  kann genauso lange auch einfach nur da sitzen und die Luft anhalten. Wie macht sie das bloß? "Natürlich braucht es schon einiges an körperlicher Fitness und viel Training. Aber der wichtigste, der entscheidende Punkt ist einzig die mentale Stärke: Du musst es halt wollen, unbedingt!"

Wer sich mit dem Tauchen ohne Luft beschäftigt, wird schnell auf Luc Bessons Film "Im Rausch der Tiefe" stoßen: Für die Anhänger der Sportart ist die fast mystische Geschichte mit dem Suizid am Ende Kult, das Verpacken ihrer Träume auf Zelluloid. Der "Rausch" schildert das Duell zwischen dem Italiener Enzo Maiorca und dem Franzosen Jacques Mayol, die als erste Menschen überhaupt mit einem Atemzug 100 Meter Tiefe erreichten.

Auch Anna von Boetticher hat den Film mehrmals gesehen, ihr gefallen die Unterwasseraufnahmen, mit dem esoterischen Anstrich dagegen kann sie weniger anfangen: "Mir persönlich liegt das nicht so. Außerdem bekomm ich ja schon beim Yoga Rückenschmerzen."

Wer die Frau - losgelöst vom Wettkampf - unter Wasser beobachtet, mag dies kaum glauben: Die Leichtigkeit und Eleganz, mit der sich die 175 Zentimeter große Buchhändlerin bewegt, erinnert an Meereswesen. Man muss gar nicht den häufig gebrauchten Vergleich mit einem menschlichen Delfin strapazieren - Delfine sehen in der Regel meist deutlich tollpatschiger aus.

Wenn man ihr glaubt, kann jeder das flaschenlose Tauchen lernen: Für den Anfang genügen ein paar Tage Urlaub und das richtige Reiseziel. Auch Boetticher absolvierte ihren ersten Kurs im Urlaub, bei Freedive  im ägyptischen Dahab. Das war im April 2007 - sechs Monate später war sie schon dreifache deutsche Rekordhalterin. Sie ist sich sicher: "Schon nach einem Tag intensivem Training schafft es praktisch jeder, zwei Minuten lang die Luft anzuhalten."

Eins mit dem Wasser werden

Freitauchen wird auch als Apnoe-Tauchen bezeichnet, abgeleitet aus dem Griechischen, wo Apnoe so viel wie "ohne Atem" bedeutet. Und beim Training unter fachgerechter Anleitung können Anfänger ihre Fähigkeiten wirklich erstaunlich schnell verbessern, beispielsweise durch dementsprechende Kurse beim VDST  oder durch den Besuch eines Camps, wie es der ehemalige Weltrekordler Umberto Pelizzari auf Sardinien  betreibt.

"Ganz am Anfang ist auch keine Technik dabei, man taucht aus eigener Kraft ab und wieder auf. Für mich ist das eh die schönste, die natürlichste Form des Freitauchens." Wettkampfmäßig betrieben nennt sich diese Disziplin "constant weight". 60 Meter hat Boetticher da geschafft, auch dies ein deutscher Rekord. Natürlich.

Doch Anfängern rät sie vom Blick auf die Zahlen ab: "Am Anfang sollte man einfach nur das Gefühl genießen, eins mit dem Wasser zu werden, keinen Leistungsdruck aufbauen. Mit der Liebe zum Sport kommt die Dauer und die Tiefe dann irgendwann ganz automatisch." Wahrscheinlich sind dies auch die wichtigsten Parameter für ihren eigenen Erfolg: die Liebe und der Wille.

Für jene, die es einmal zu Hause probieren möchten, hat Boetticher einen Tipp: "Am besten auf dem Bett oder Sofa liegen, ganz entspannt. Dann ein bis zwei Minuten ruhig atmen, ohne zu hyperventilieren. Einen letzten tiefen Atemzug nehmen, dann die Luft anhalten. Anschließend wieder ein bis zwei Minuten atmen, noch mal Luft anhalten. Das ganze viermal hintereinander. Man wird sehen: Es wird von Mal zu Mal ein bisschen leichter!"

Allerdings sollte man diese Übungen nie allein im Wasser betreiben - noch nicht einmal in der Badewanne: "Es ertrinken immer wieder Leute in Schwimmbädern und Badewannen, die das einfach mal so versuchen", warnt die Sportlerin.

Stuntdouble für Lotte-Hass-Darstellerin

Im Juli war Anna von Boetticher mal wieder in Ägypten, wo für sie alles begann. Sie arbeitete dort als Unterwasser-Stuntdouble für Yvonne Catterfeld, die in der ZDF/ORF-Produktion "Ein Mädchen auf dem Meeresgrund" Lotte Hass verkörpert, die Ehefrau des Tauchpioniers Hans Hass. Sobald die Drehpausen ihr genügend Zeit gaben, hat Boetticher sich ihre Flossen gepackt, die Maske aufgesetzt und ist abgetaucht, über Korallen hinweg und durch farbenprächtige Fischschwärme hindurch.

Für sie ist es, trotz aller Rekorde, immer noch "faszinierend festzustellen, wie schnell sich der Körper an die Unterwasserwelt anpassen kann. Dafür brauche ich auch keine Technik, eigentlich brauche ich dafür gar nichts - nur mich selbst".